Heinitz, Gasmaschinenzentrale

DIE HISTORISCHE

GASMASCHINENZENTRALE

IN HEINITZ

von Herbert Müller, 2012

Hist_GMZ

Die historische Aufnahme der Heinitzer Gasmaschinenzentrale mit den ersten Dynamos.

Die alte Jugendstilhalle in Heinitz beherbergte das ehemalige Kokereigas-Großkraftwerk des Königlichen Steinkohlebergwerks Heinitz. Der 160m lange Ost-West ausgerichtete Monumentalbau hat 20 Gebäudeachsen, die mit massiven gegossenen Eisentürmchen markiert sind. Die geschickt angeordneten Längs- und Querbauten zeigen einen besonderen Rhythmus. Der vierte östliche Querbau wurde 1920 angefügt. Der Monumentalbau steht auf einer Geländestufe, die den ehemaligen Grubenbahnhof nach Norden begrenzt.

Die richtungsweisende Stahlskelett-Architektur (Delf Slotta) wurde konstruiert von dem Professor für Brückenbau an der TH Aachen, Reinhold Krohn. Einer der ersten und weit bekannt gewordenen Jugenstilarchitekten Bruno Möhring (1863 -1929) gab dem konstruktiven Gerüst der Halle den auffallend eleganten Jugendstil-Charakter. Besonders bewundernswert ist auch, dass diese elegante Gerüstkonstruktion im Inneren der Halle über Laufkräne verfügt, die zig Tonnen schwere Lasten tragen können. Die Stahlskelett-Konstruktion wurde von mehreren Spitzenfachleuten als das Nationale Denkmal der Region bezeichnet.

Wichtige bautechnischen Kennzeichen
1. Auf das einmalig sauber durchdachte, mathematisch begründete, elegante und daher
    richtungsweisende Stahlskelett-Gerüst, sind die hervorragend passenden Form des  
    Jugendstils meisterhaft angepasst.

2. Die rhythmische Anordnung der korbbogigen Fenster. Jeweils die dritte Fensterachse ist
    wesentlich breiter als die beiden seitlichen.
3. Die korbbogig abgeschlossenen Fenster sind von einer Korbbogenblende überfangen.
4. Jedes Fenster ist in der Mitte durch einen Stahlträger geteilt
5. Sprossenartige, leiterartige Zierrahmen untergliedern die Fenster im westlichen Gebäudeteil.
6. Oberhalb der Fensterbögen ist das Dachgesims in der Art einer Attika geschwungen und an der
    Trauflinie weitergeführt.
7. Gegossene Pfeilerchen aus massivem Eisen markieren die Gebäudeachsen.
8. Die Höhendimension ist beachtlich, Querbauten sind höher als die Längsbauten, der 2.Quer-
    bau (Zentraler Querbau) überragt die anderen Dächer.
9. Das Satteldach ist von einer Fenster-Kuppel-Reihe gekrönt.

Diese typischen bautechnischen Kennzeichen sind klar, deutlich und unübersehbar. Sie wurden auch immer wieder in der Literatur besonders hervorgehoben und betont. Diese Industrie-Kathedrale hat die Landschaft, das Dorf, die Region und die Menschen, die den Grundstein zum Bau dieses Denkmals gelegt haben, grundlegend geformt und geprägt. Der notwendige und nützliche Einsatz der Elektrizität im Bergbau und in vielen anderen Betrieben hat umfangreiche Entwicklungen erfordert. Man hat hier zur richtigen Zeit die richtige Mannschaft gefunden, die diesen kreativen Arbeiten gewachsen war und die diese Arbeiten mit größem Einsatz auch gemeistert hat.

Die Elektrizität hat über viele Jahrhunderte die Menschen beschäftigt. An der Entwicklung der Stromerzeugung haben sehr viele Wissenschaftler aus mehreren Ländern seit mehr als 400 Jahren gearbeitet (Volta, Ampère, Ohm usw.) Im Jahre 1831 entdeckt Michael Faraday die elektromagnetische Induktion. Dabei entsteht Gleichstrom wenn ein elektrischer Leiter durch ein Magnetfeld bewegt wird. 1868 erfindet Werner von Siemens die Dynamos zur Stromerzeugung.

Diese Erfindung hat bereits die besondere Nützlichkeit der Elektrizität aufgezeigt. Der erzeugte Gleichstrom konnte allerdings nur über kurze Entfernung tranportiert werden. Deswegen musste praktisch neben oder nur in geringer Entfernung der stromverbrauchenden Arbeitsmaschine ein Generator mit Motor betrieben werden. Durch diesen Umstand bestanden große Schwierigkeiten bei der Einführung der Elektrizität in die praktische Arbeitswelt. Die vielseitigen Möglichkeiten des Elektrizitätseinsatzes im Zustand der Entwicklung hatte nun das Königliche Steinkohlebergwerk durch die Anpassung, den Einsatz der verschiedensten Geräte und ihre technische Entwicklung in die Hand genommen, um den Sprung von der Erfindung zum praktisch-technischen Einsatz zu ermöglichen. Nur deshalb war die beschleunigte technische Entwicklung auf der Grube Heinitz möglich geworden.

Luftbild-Heinitz
                                  Aktuelle Ansichtder Heinitzer Gasmaschinenzentrale           Luftaufnahme Foto: Terrag

Es wurde konzentriert und zielstrebig an mehreren Fronten der technischen Entwicklung in Zusammearbeit mit speziellen Fachfirmen gearbeitet. So kam bereits 1879 eine elektrische Lichtanlage in die Siebanlage nach Dechen. 1884 kam die erste Telefonanlage der Saar auf die Grube. Über viele kleine Stufen auf den verschiedensten technischen Gebieten entwickelte sich der Gebrauch der Elektizität im Bereich der Grube Heinitz. Als es 1861 Oskar von Miller gelang Drehstrom (dreiphasiger Wechselstrom) von Lauffen am Neckar nach dem 180 km entfernten Frankfurt zur internationalen Elektrizitäts-Ausstellung zu transportieren, beschloss man in Heinitz, den elektischen Strom, der an verschiedenen Stellen des Betriebes zum Antrieb der Motore gebraucht wurde, in einer einzigen Elektrozentrale konzentriert zu gewinnen. Mit großen und starken Motoren war der Strom wesentlich kostengünstiger herzustellen. Man beschloss den Bau eines größeren Kraftwerkes, das zunächst die beiden Gruben Heinitz und Dechen mit Strom versorgen sollte. Als Betriebsmittel für den Antrieb der Dynamo-Motore setzte man das sonst frei in die Luft entweichende Koksgas ein.

Diese hervorragende und Erfolg versprechende technische Entwicklungsarbeit sollte auch durch ein Bauwerk mit modernster Technik unterstrichen und herausgestellt werden. Mit der Planung des Gebäudes beauftragte man die bereits weithin bekannten Baufachleute, den Konstrukteur und Brückenbauer Prof. Dr. Reinhold Krohn und den Jugendstil-Architekten Bruno Möhring. 1904 begannen die Arbeiten mit dem Bau der Halle und des dazu notwendigen 1000 cbm Gasometers. Zunächst montierte man einen Gasmotor mit 700 PS. 1905 folgte dann ein Motor mit 1200 PS. 1906 kam eine Erweiterung mit drei weiteren Gasmotoren von je 1500 PS. Die Erweiterung 1907 bestand aus zwei Gasmotoren mit je 3000 PS.

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Die heutige Südwestansicht der Gasmaschinenzentrale mit den Querbauten 1 - 4.

 

Det_GMZ1Auch das damalige Dorf Neunkirchen sollte laut Vertrag vom 17.9.1906 aus diesem Großkraftwerk versorgt werden. Eine enge Zusammenarbeit mit der Lieferfirma der Gasmotore, Erhard und Sehmer, Saarbrücken, sorgte für die ständige Verbesserung der Motoren und ihrer Anpassung an die Konzentration des Koksgases. So mußten die verschiedensten Verunreinigungen aus diesem herausgenommen, d.h. das Gas musste mit entsprechend zu entwickelnden Verfahren gereinigt und seine Konzentration gesteuert werden. Die Koksöfen erfuhren ebenfalls eine Spezialisierung. Es gab kaum Betriebsausfälle. Die mit Strom belieferten Betriebspunkte konnten meist reibungslos ohne Störungen arbeiten. Mit dem elektrischen Strom war eine große Hilfe für die praktische Arbeit geschaffen.


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Autor:

Herbert Müller, der Autor dieses Beitrages, ist der 1. Vorsitzende der Initiative Gasmaschinenzentrale Heinitz e.V.
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Literatur:

F. Oberhauser, in: DuMont, Reiseführer „Das Saarland“,1992, S.301
„In Heinitz Gasmaschinenhalle, eine beachtliche Stahlskelettkonstruktion von 1905“
Armin Schmitt, 1989, Staatl. Konservatoramt Saarbrücken, in: Denkmäler Saarländischer Industriekultur , S.118: Neunkirchen-Heinitz : Die Gasmaschinenzentrale gilt als eine der eindrucksvollsten Stahlskelettbauten an der Saar, feingliederig, elegant wirkende Eisenkonstruktion. An den Eisenträgern sind gußeiserne Zierleisten vorgeblendet.
Rainer Slotta, Studie: Die Heinitzer Gaszentrale ist ein Technisches Denkmal von Nationaler Bedeutung: Architektonische, künstlerische und wissenschaftliche Gründe sprechen dafür.
Delf Slotta, in: Bergbau in Neunkirchen, Nker Heft Nr.13, Verkehrsverein Nk, 1998: Hinweis auf die Gasmaschinenzentrale in Heinitz.
Delf Slotta, in: Steinkohle 10 / 2001, Wahrzeichen des Saarbergbaus (Teil 5): Die Heinitzer Gaszentrale in Neunkirchen zeigt richtungsweisende Bauweise, ein Technisches Denkmal, Stahlskelettbau von großer Qualität. Die Maschinenhalle in Dortmund – Bövinghausen ist zum Nationalen Denkmal erklärt worden, einer ähnlichen Bewertung in Heinitz steht nichts entgegen. Der bauliche Zustand muß gebessert werden.
Saarbrücker Bergmannskalender 1910: Die Elektrizität der königlichen Bergwerksdirektion.
Akte BWD 147: Die Entwicklung des Königl.Steinkohlenbergwerks Heinitz, Landesarchiv Saar
Herbert Müller, in Saarpfalz Blätter für Geschichte und Volkskunde 2003 / 2004 : Kännelkohle und ihre Bedeutung für Kultur und Bergbau.
Helmut Schinkel, in Heinitz, von der Kohlengrube zum Neunkircher Stadtteil im Grünen, S.90.
Herbert Müller, Tagungsband TU Clausthal: Altbergbau-Kolloquium 2008, S.510
Herbert Müller, Die Gasmaschinenzentrale in Neunkirchen-Heinitz, ein nationales Denkmal oder eine Katastrophe des Denkmalschutzes, Historischer Verein Stadt Neunkirchen, 2010
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Alle Bilder zu diesem Artikel, sofern nicht anders gekennzeichnet, wurden uns von Herbert Müller zur Verfügung gestellt. Copyright Herbert Müller/ Initiative Gasmaschinenzentrale e. V. © 2012  Bildbearbeitung: Christoph M Frisch

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