Leipzig, Baumwollspinnerei

 

 

 

 

 

 

DIE LEIPZIGER
BAUMWOLLSPINNEREI

von Christoph M Frisch, 2012

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Ankommen

Beim Eintreffen in Leipzig bringt ein Serverfehler uns der ersten Reiseetappe, der ehemaligen Baumwollspinnerei, gleich ein gutes Stück näher. Das im Leipziger Osten angesiedelte Hotel ist durch einen Bug total überbucht, was dem Besitzer pekuniär schon gefallen könnte. Doch leider findet sein Ansinnen, die Gäste nun im Hof kampieren zu lassen, da für die eingegangenen tausend Buchungen nicht ausreichend Zimmer und Betten bereit zu stellen sind, wenig Anklang. Vor der Rezeption sind zwischenzeitlich die so Verprellten zu einer kleinen Montagsdemonstration aufgelaufen.

Durch die Hinfahrt jetzt ein wenig mit Ortskenntnis ausgestattet, machen wir uns also wieder auf den Weg zurück in den Westen der Stadt, um dort ein Ausweichquartier zu nehmen. Der übermoderne Bau, inmitten einer Straße von zahlreichen Gründerzeitarchitekturen, die mit Hilfe schweren Stahlgerüsts und Holzschilden vor dem Zusammenbruch gesichert sind, besticht gleich mit dem Charme westdeutsch geprägter Jugendherbergskultur. Und wer weiß, vielleicht hat der Investor dieses Hotels, seinen an solchen Orten geprägten Gefühlsleben, hier ein stattliches Denkmal errichtet. Das abendliche Studium der Stadtkarte lehrt uns, dass wir mit diesem Quartier unserem Reiseziel ein erhebliches Stück näher gerückt sind und für den am nächsten Tage angesetzten Besuch der Spinnerei nun nicht mehr erst die halbe Stadt durchqueren müssen. Dem Programmfehler sei Dank!

 

Der Wetterbericht lässt allerdings wenig positives Erahnen. Und so schließe ich in dieser Nacht meine Augen um ein Bild Wolfgang Mattheuers dahinter erstehen zu lassen, das dieser 1971 mit dem Titel Das graue Leipzig versehen hatte und heute im Aachener Ludwigsforum hängt. Doch das schlechte Wetter und die dazu herbeigeeilten Wolken meiden die Stadt in einem weitem Bogen. Der Morgen strahlt in frühlingshafter Bläue und bietet die Aussicht auf einen entdeckungsreichen Spaziergang durch die uns noch unbekannte Örtlichkeit.

 

Eine Stadt aus dem Auto erkunden zu wollen ist schlichter Nonsens, denn es genügte dann auch vollauf sich mit einer passenden DVD vor dem TV niederzulassen. Letzteres hat den Vorteil dabei alkoholische Getränke zu konsumieren, ohne dabei nach der Orientierung auch den Führerschein zu verlieren. Obwohl wir vergeistigende Flüssigkeiten um diese Uhrzeit generell verabscheuen, verbleibt das Auto dennnoch in der Hotel eigenen Garage - übrigens für unseren ganzen Leipzig-Aufenthalt. Die Stadt bietet ein gut funktionierendes Nahverkehrssystem, das einen schnell zu allen Orten bringt. Kaffeegetränkt und somit hellwach in Erwartung vieler neuen Eindrücke, machen wir uns zu Fuß auf den Weg in die Leipziger Kunststadt, die früher einmal die Baumwollspinnerei war.

 

 

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Karl-Heine-Straße

Der Stadtteil Plagwitz atmet noch ein wenig Industrie-Atmosphäre aus, wenn diese jetzt auch vielfach eine Metamorphose ins Kulturelle durchgemacht hat. Unser Weg führt uns durch die Karl-Heine-Straße. Der Namensgeber, Sohn der Stadt, war neben seiner Abgeordnetentätigkeit im Sächsischen C_HeineLandtag, auch Reichtagsabgeordneter und Firmengründer, der unter dem Namen Heine & Co ein Unternehmen zur „Destillation von ätherischen Ölen aus einheimischen Pflanzen (…) sowie zur Herstellung von Essenzen für die Spirituosen- und Süßwarenindustrie...“ ins Leben rief. Wie viel er dabei zum Gewinn und damit gesellschaftlichen Aufstieg des Zahnklempnertums beitrug, ist sicherlich nirgendwo verzeichnet. Dafür hätte er sich umso mehr gewundert, dass er nach Tod und Ehrung, verspätet und unverschuldet, in die Greuel des Zweiten Weltkrieges mit dem Abguss seiner Statur miteinbezogen wurde. Denn nach seinem Hinscheiden ehrte ihn die Stadt mit einem Denkmal, das im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und dann in Form von Munition und anderer Knallerei weitere Verwendung finden sollte. Seit 2001 kann man ihn im Leipziger Palmengarten wieder auf dem Sockel stehen sehen. Das Denkmal wurde erneuert und man ehrt mit ihm einen Industriellen der sich gegen die Sozialistengesetzte des Reichstages stark machte. Ein zu dieser Zeit nicht ganz alltägliches Ansinnen.

Die Karl-Heine-Straße hat links und rechts des Weges aber auch Handfestes zu bieten. Auf den Stufen der Schaubühne Lindenfels haben sich einige Leute niedergelassen und genießen die Frühlingssonne. Der Kulturort mit langer Tradition bietet auch heute noch ein Repertoire aus Tanz, Theater, Kino und vielen anderen kulturellen Veranstaltungen. Jetzt am Morgen drängt sich nur die Fassade mit einer selbstbewussten Bestimmtheit, Zeit und Ausdauer ausstrahlend, in den Straßenzug. Man spürt die Geschichte dahinter.

 Auch die andere Straßenseite vermag Kulturelles in unbescheiden groß formatierten Räumen zu bannen. Das Westwerk ist ein Ort, der es verdiente ihm an dieser Stelle einen eigenen Artikel zu widmen, passt er doch nur zu gut von seiner Geschichte in diesen industriekulturellen Kontext. 1881 entstand hier - kann man es glauben? - die Leipzig Tramways Company Limited in London als zweites Depot der Leipziger Pferdeeisenbahn. Im Zweiten Weltkrieg verarbeitete man an selber Stelle - vielleicht auch die einge-schmolzene Bronze von Karl-Heine - in jedem Fall aber eine Menge Rüstzeug, um den europäischen Nachbarn und den außereuropäischen, die ihnen zu Hilfe kamen, mit Nachdruck den teutonisch imperialen Herrschaftsanspruch aufzuzwingen. Da dieses Unterfangen bekanntlich grandios misslang, der Meisterbrief verbrannt und eines neuen Nachweises bedurfte, besann man sich auch hier vor Ort und gründete eine Lehrwerkstatt. Etwas später daneben eine Poliklinik, einen Speisesaal mit Werkküche und damit auch dem Geist etwas Nahrung zugeführt werden konnte, eben noch eine Bibliothek. Nach dem Zusammenbruch der Ökonomie durch die Kriegswirren, näherte sich eine so gefüllte Örtlichkeit vermutlich recht nah dem Bild des alttestamentarischen Paradieses und so eröffnete hier folgerichtig schon bald das erste Betriebsferienlager im Vogtland.

 

Westwerk

Westwerk  historische Ansicht

 

Auch später wurde hier in allen möglichen Richtungen entwickelt, aufgebaut und erweitert. Plansölle festgelegt, Helden der Arbeit geehrt und den sozialistischen Träumen Absperrventile, Großarmaturen, Erdölleitungen, Hochofen- und Hochdruckarmaturen, Schädlingsbekämpfungsapparate, Walzwerkaus-rüstungen, Schachtmühlen, Destillieranlagen und Furnierpressen überantwortet. Seit 2007 - ich weiß ein großer Sprung aber immerhin, wir wollen doch noch ein wenig weiter die Straße hinunter und können uns hier nicht noch weiter mit Kombinatsbildungen, Modernisierungsmaßnahmen, oder der Neugestaltung des Kantinenbereiches aufhalten - ist das Westwerk-Leipzig ein kultureller Aktionsort, an dem z. B. der Leipziger Kunstverein seine Jahresausstellung präsentiert, kuratierte Ausstellungen zu sehen sind oder Technik/Netz-affinen Gruppen Ort und Raum für ihre Aktivitäten geboten wird.

26_LeipEin großes Wasser sucht man in Leipzig vergebens. Kein breiter Strom der die Stadt querte, in dem sich seine Architekturen ausgedehnten Horizonts wiederspiegeln könnten. Doch diese Betrachtung ist nicht stimmig. Im 19. Jahrhundert prägten die Mühlgräben von Pleiße und Elster das Stadtbild, war die Stadt von Wasser umgeben. Gewisse Unzulänglichkeiten und Abweichungen vom sozialistischen Traum veranlassten die Stadtoberen Teile diese Wasserwege zuzuschütten. Eine andere Variante und eine der wenigen damalig anerkannten gesamtdeutschen Gemeinsamkeiten fanden sich in der Lösung, die verbliebenen als Abwasserkanäle zu missbrauchen.

 

Nach der Wende erinnerte man sich an Bade- und Paddelfreuden, die bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts inmitten der Stadt möglich waren. Heute existiert wieder ein Netz von Kanälen, das an die 200 Kilometer umfasst. Die Vision des Plagwitzer Industriepioniers Carl Erdmann Heine vom Anschluss an die Weltmeere über den Elster-Saale-Kanal wurde nicht ganz umgesetzt. Hier fehlten zum endgültigen Durchbruch zum Venedig des Ostens noch ein paar zu schaufelnde Kilometer. Doch lässt sich heute innerhalb und außerhalb der Stadt das vorhandene Kanalnetz vortrefflich nutzen. Vielfach gesäumt von Rad- und Wanderwegen, entlang alter Industrie- und Wohnviertel, kann man mit dem Boot bis in das Umland fahren.

 

Wie ich darauf komme? Nun wir sind jetzt auf einer Brücke angekommen, die den Karl-Heine-Kanal überquert. Ja nach unserem Mann auf dem Sockel hat man nicht nur die Straße, sondern auch den sie kreuzenden Kanal benannt. Dies war seinem Ansinnen geschuldet, auf dem Wasser eine direkte Verbindung nach Hamburg zu schaffen. Scheinbar fanden sich nicht genug Mitstreiter für die Umsetzung dieser Idee. Der Kanal endet bereits vor dem Lindenauer Hafen, einem Stadtteil von Leipzig und von dort ist bekanntlich von Hamburg noch nicht einmal die Spitze des Fernsehturmes zu sehen.

 

 

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Wir hingegen finden hier auf unserer Brücke eine Verbindung zur Kunst. Etwas spärlich, aber kaum zu übersehen, sind die Elemente des Brückengeländers die von Wolle „umstrickt“ wurden. Urban Knitting, die farbenfrohe Variante Kunst im Stadtgefüge einzubringen, ohne – wie dies bei den umstrittenen Graffitis der Fall ist – dauerhaft zu verändern. Ein Kunstform deren friedliche Botschaft mit Flexibilität und integrierter Versibilität zu überzeugen weiß, auch hier.

 

Wie überall in Leipzig verharren auch in dieser Straße viele alten Villen in ihrem Dornröschenschlaf. Ob mangelndes Kapital oder streitende Erbengemeinschaften diese noch nicht mit viel Handwerkerradau erweckt haben, ist ihnen nicht anzusehen. Ich finde es reizvoll nicht alles im restaurierten und modernisierten Zustand anzutreffen. Wenngleich für die Bewohner der desolate Zustand sicherlich wenig Komfort bereit hält. Neben dem Charms des 19. Jahrhunderts, überrascht uns auch die über eine Mauer ragende Silhouette einer propellerbewehrten Passagiermaschine der DDR-Interflug. Diese schwebt, augenscheinlich zur Landung ansetzend, gerade ins Gespinst der noch blattlosen Bäume am Straßenrand und gehört zu einem Technik- oder Verkehrsmuseum.

 

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Die Spinnerei

Wir sind nun kurz vor unserem Ziel und verlassen jetzt hinter der S-Bahn Unterführung die Karl-Heine-Straße. In der Spinnerei Straße sind es noch gut 150 Meter und wir stehen im Eingangsbereich des Areals der alten Baumwollspinnerei. Ein erster Blick offenbart eigentlich nichts, was auf eine große Kunststätte schließen lässt. Backsteinarchitektur überragt von einem gewaltigen Schornstein, der als Landmarke oder Fingerzeig dem Gelände ein Ausrufezeichen verleiht. Die kleine Fabrikstadt besteht heute noch aus 20 Einzelgebäuden, die von vier Straßen umgrenzt, diese zum Quartier machen. Direkt am Eingang lädt das Café Versorgung zu einer Pause ein. Eine große Tafel, mit der Ansicht des Areals, verspricht Orientierung und benennt Örtlichkeiten. Wir stellen fest, dass sich die hiesigen Öffnungszeiten an den Stereotypen des Künstlerwesens anlehnen und in den frühen Vormittagsstunden hier praktisch noch nichts offen ist. Dies wiederum verleiht uns Zeit und Muße das Gelände zu erkunden und Eindrücke zu sammeln. Ein prächtiger Schilderwall voller Wegweiser zeigt nach links und rechts. Luru-Kino, Karateschule, der Leipziger Bogenschützen e.V., Kunsthandwerk, Modeatelier.

Wir bewegen uns über Kopfsteinpflaster zwischen Backsteinschluchten die von industrietypisch gittergeteilten Fenstern durchbrochen, keinen Einblick gewähren. Dazwischen spärlich und jetzt im Frühling noch wenig bestimmend, einige knospende Bäume. Eine Straße quert das Gelände. Darüber verbinden zwei verkleidete Rampen Gebäude, über die unter ihnen liegende basaltgewürfelte Straße. Die Fassaden erzählen wenig über den Spuk dahinter. Hier wird entwickelt, gekämpft und geschaffen, ein Stück weiter die Ergebnisse des Ringens in Räumen präsentiert, die vorher Gasmaschinen oder industrielle Webstühle beherbergten. Die morgendliche Leblosigkeit ist nur scheinbar. Viele parkende PKWs und Lieferwagen verweisen auf rege Anwesenheit. Und wenn sich eine der schweren Stahltüren öffnet, wird auch der ein oder andere Protagonist sichtbar. Werden Objekte herausgetragen, um in einem Transporter verstaut zu werden, verschwindet man wieder in einem der Innenhöfe, werden weiße Buchstaben auf Glas geklebt, um die nächste Ausstellung anzukündigen.

Die Galerien und kunsthandwerklichen Produktionsorte erwarten ihre Besucher und Kunden. Die Künstlerateliers sind natürlich nicht öffentlich. Dafür gibt es hier neben dem geführten Erkunden von Dienstag bis Freitag, zweimal jährlich den großen Rundgang durch die Spinnerei, bei dem man auch Einblicke in Räume gewährt, die ansonsten der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Eine der größten Produktionshallen auf dem Gelände beherbergt den gemeinnützigen Kunstraum HALLE 14. Mit einem eigenen Ausstellungsprogramm und einer Kunstbibliothek hat dieser Ort ein Alleinstellungsmerkmal, dient als nicht-kommerzielle Schnittstelle zwischen Hochschule und Kunstmarkt.

Unser Besuch fällt genau zwischen zwei Ausstellungen und man ist gerade dabei die Räume für den nächsten Event zu präparieren. Handwerker in Blaumannsmontur, auf Stehleitern an Stromkabeln hantierend, vermitteln in der riesigen Halle nochmals etwas von der ursprünglichen Atmosphäre des Ortes. Nur eine Anmutung. Durch die hohen Fenster wirft die Sonne gleichmäßige sich wiederholende gleißende Flächen auf den Betonboden. Durchbrechen eiserne Säulenträger mit langen Schattenwurf diese Komposition, wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Blick auf die gegenüberliegenden Fassaden zeigt wieder nur die abweisenden rotlichtigen Backsteinflächen. Rostige Geländer im Hof an Treppenabgängen, die in Werkstätten oder Lagerräume führen. Hier lagern undefinierbare Dinge, geschichtet zur Entsorgung oder vielleicht auch als Materialgrundlage der nächsten Installation. Schmale Eisentüren im Schatten verziert mit Sprühdosennebel künden Parolen, Kryptisches oder fixieren ein mit Gliedmaßen ausgestattetes Smiley auf die abblätternde Rostschutzbeschichtung.

Unser Rundgang findet sein Ende im archiv massiv dem Besucherzentrum, das sich im ältesten Gebäude vor Ort befindet. Hier gibt es einen konzentrierten Einblick in die Geschichte der Baumwollspinnerei. Kann man Baumwolle in ihrem Rohzustand begreifen, stehen und stapeln sich leere und volle Spindeln. Ein paar Schautafeln, Grundrisse und vergrößerte Fotos. Eine Maschine unbekannter Funktionalität, inspirierendes Artefakt für Steampunker. Hier gibt es auch Kataloge und Broschüren. Dinge, in denen die Geschichte des Ortes niedergelegt und in Worten und Bildern dokumentiert, in Plastiktüten, Handtaschen oder zusammengerollt unter dem Arm hinausgetragen werden kann.

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