Leipzig, Baumwollspinnerei

 

Historische-Ansicht_1909S

 

 

 

                 Historische Ansicht, 1909, Druck der Eckert & Plug Kunstanstalt Leipzig;                                         Foto:Spinnerei Archiv

Geschichte

Nachdem der Bedarf an Baumwolle im 19. Jahrhundert weltweit enorm gestiegen war und die Baumwollgarne vor allem aus England und der Schweiz importiert werden mussten, gründete eine Gruppe Industrieller die Leipziger Baumwollspinnerei in Form einer Aktiengesellschaft. Im Westen der Stadt erwarb man ein urbar gemachtes Stück Sumpfland inmitten erst kurz zuvor errichteter Arbeiterquartiere. 1884 entstand die erste Spinnerei, die schon im gleichen Jahr ihren Betrieb mit fünf Webstühlen aufnahm. Schon ein Jahr darauf beeindruckte das Werk mit einer Produktion die mit 30.000 Selfaktorspindeln, sowie dem dazugehörenden Vorwerk, gewaltig in Fahrt gekommen war. Doch das war erst ein Anfang. In den Jahren bis 1907 entstanden hier weitere Spinnereien, Kämmereien, Produktionshallen und Verwaltungsgebäude. Für die benötigten Arbeitskräfte wuchsen im Umfeld Siedlungen mit Arbeiterhäusern und einer für die Zeit modernen und innovativen Infrastruktur, die neben einem Kindergarten, auch medizinische Versorgung miteinschloss. Geschäfte und Lokale wuchsen mit der immer größeren Zahl hier eintreffender Arbeitskräfte, die man in ganz Europa anwarb. Die Fabrik selbst verfügte über eine Spinnereischule und besaß auch auch eine Werkskantine, die ihre Waren zum Selbstkostenpreis abgab. Energietechnisch war man auf dem neuesten Stand und konnte schon 1897 mit selbst erzeugtem Strom, die bisher in Gebrauch befindlichen offenen Gaslampen, gegen elektrische Bogenlampen austauschen.

Die Investitionen lohnten sich, zumindest für die Aktionäre. Wurden im Jahr 1887, 6.200 Ballen Baumwolle zu mehr als einer Milllion Kilogramm Garn verarbeitet, schaffte man 1907 mit 20.000 Ballen, fünf Millionen Kilogramm Garn. Die Leipziger Baumwollspinnerei war in diesen Jahren zur größten Spinnerei Europas gewachsen.

Die Folgejahre sahen viele Entwicklungen, so den nicht sehr erfolgreichen Versuch den Rohstoff Baumwolle in Eigenregie in Afrika anzubauen. Krieg, Inflation und soziale Unruhen gingen nicht spurlos an dem Unternehmen vorbei. Gegen Ende des ersten Weltkrieges bestimmten nicht nur Arbeiterstreiks, für eine 8 Stunden Tag, das Geschehen, man produzierte daneben in eigens eingerichteten Granaten-Drehereien Sprengminen für den Völkersturm.

Auch die Nationalsozialisten investierten in die Spinnerei, nachdem sie zuvor den Betrieb von SPD- und KPD-Mitgliedern gesäubert hatten. Man stellte, wen wundert es, Garne für Militäruniformen her. Vermutlich der Zurückweisung des Aufsichtsrates Walter Cramer war es zu verdanken, dass hier keine KFZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Dafür wurden aber auch diesem Unternehmen Zwangsarbeiterinnen zugewiesen, die die an der Front als Soldaten eingesetzten Arbeiter ersetzen mussten. Walter Cramer der sich im Kreis des Leipziger Bürgermeisters Dr. Carl Goerdeler am zivilen Widerstand beteiligte, wurde nach dem Hitler-Attentat im Juli 1944 verhaftet und hingerichtet.

Mit dem Ende des 2. Weltkriegs begann die sowjetische Besatzungszeit. Die an die Sowjetunion zu zahlenden Reparationskosten kosteten die Spinnerei die Hälfte ihrer Maschinen. 1946 wurde sie zum Volkseigenen Betrieb. In den schwierigen Nachkriegsjahren bestand die Belegschaft zu 80 Prozent aus Frauen, die neben dieser Tätigkeit auch die Versorgung ihrer Familien tätigen mussten. Diesem Umstand trug man Rechnung indem hier die Einrichtungen einer Kinderwochenkrippe, sowie eines Kinderwochenheims schuf. Neben der Kinderbetreuung gab es für die Belegschaft Werksessen und Einkaufsmöglichkeiten.

Die Spinnerei als sozialer Ort? Zumindest für die ersten Nachkriegsjahre kann man das so sehen. Neben der Arbeit boten sich hier Möglichkeiten zur beruflichen Qualifizierung. Für die Familien schuf man ein integrierendes Umfeld, das nicht zuletzt auch kulturelle Angebote mit einschloss. Allerdings soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass der Eintrittspreis zu solcher sozialen Integration und Absicherung eine Parteimitgliedschaft in der SED voraus setzte.

Mit dem Mauerfall endete  auch die Garnproduktion in der Spinnerei. 1993 wurde der Betrieb abgewickelt und von der Treuhand an einen westdeutschen Käufer abgegeben, der mit einer kleinen Belegschaft von 40 Beschäftigten noch weiter produzierte. Gleichzeitig entwickelten sich in den leerstehenden Teilen der Anlage ganz neue Nutzungskonzepte. Künstler schufen Ateliers, eine Sommerakademie entstand. Bald richtete man Werkstätten, Architekturbüros und Ausstellungsräume ein. Die temporäre Spielstätte des Leipziger Schauspielhauses fand ebenfalls ein Domizil. Der Beginn einer beeindruckend lebendigen Kunststadt.
____________________________________________________________________________________

GALERIE  Zur Ansicht klicken klicken Sie bitte auf ein Bild


 ____________________________________________________________________________________

 Informationen:

Führungen durch die Spinnerei

Dienstag bis Samstag werden Führungen über das Gelände der Spinnerei angeboten.

3_Hal14Spinn1. Die intensive Führung dauert ca. 2 Stunden und richtet sich vor allen an Gruppen (bis 20 Personen, Preis 119€). Während dieser Führung erhalten Sie einen Einblick in die Geschichte und das Entwicklungskonzept der Spinnerei. Auf dem Programm steht weiterhin der Besuch des Archivs, 4-6 der 14 ansässigen Galerien und Ausstellungsflächen, zwei Werkstätten (keine Künstlerateliers) und ein Rundgang über das Gelände.

Bitte buchen Sie die 2-stündige Führung unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.">Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

2. Jeden Freitag zwischen 12 - 16 Uhr und jeden Samstag zwischen 11 - 16 Uhr werden 1-stündige Führungen über das Gelände der Spinnerei angeboten. Sie erhalten einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der Spinnerei und besuchen 3 Galerien und eine Werkstatt.

Die 1-stündigen Führungen starten jeweils zur vollen Stunde im Spinnerei archiv massiv, Haus 20 A, (Preis: 7€ pro Person).
Anmeldung erforderlich unter Tel.: +49 (0) 341- 49 80 222/
                                           Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
">Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
______________________________________________________________________________________

 

Banner-Leipzig

LEIPZIG

Leipzig ist, seit der Verleihung seiner Stadtrechte im Jahr 1165, ein wichtiges Handels- und Messezentrum in der Metropolregion Mitteldeutschlands. Die Messe in Leipzig lässt sich bis auf das Jahr 1190 zurück verfolgen und ist damit eine der ältesten ihrer Art überhaupt auf dem Globus. Die jeweils im März stattfindende Leipziger Buchmesse gründet ebenfalls in einer langen Tradition. Mit Frankfurt am Main teilt sich die Stadt den Ruf als historisches Zentrum des Buchdrucks und -handels. Hier findet sich auch eine der ältesten Universitäten hierzulande, sowie die älteste Hochschule für Musik in Deutschland.

Die musikalische Tradition der Stadt gründet sich auf die beiden hier wirkenden Komponisten Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester besitzt die Stadt darüber hinaus, zwei musikalische Institutionen von Weltruf.

27_Riquet_LeipLeipzig ist eine Stadt jenseits der Enge. Die breit angelegten Boulevards und seine großen Plätze erlauben den Blick auf weite, ansprechende Panoramen. Alte Villenstruktur im Zusammenspiel mit neuer Architektur verträgt hier sogar den ein oder anderen Plattenbau, wie der im Zentrum gegenüber dem Museum der bildenden Künste. Es scheint fast, als hätten die damals Verantwortlichen hier etwas sensibler agiert, als zum Beispiel in der Altstadt von Weimar, in der ein scheußlicher Studentwohnheimsklotz die Optik dauerhaft verschandelt. Hier spürt man das Wissen um die Bedeutung freier Räume. Viel Grün lädt in den großzügig angelegten Parks zum Verweilen und Entspannen ein.

Am Zusammenbruch der DDR Diktatur waren nicht zuletzt auch die Leipziger Bürger mit ihrem Mut und Freiheitswillen verantwortlich, die mit den Montagsdemonstrationen ihren Ruf nach Freiheit in die Welt sendeten. Mir will es scheinen als könnte solch ein Ansinnen nur in einer Stadt wie Leipzig geboren worden sein.

Bevor man sich hinter die Fassaden begibt, bietet sich dem Besucher ein buntes Kaleidoskop von Ansichten. Sei es die Nikolaikirche, die untrennbar mit der friedlichen Revolution von 1989 verbunden ist, oder die Thomanerkirche, mit der Grabstätte von Johann Sebastian Bach und Wirkungsstätte des seit 2012 hier agierenden gleichnamigen Chores. Der imposante Bau des heutigen Bundesverwaltungsgerichtes, „einem der schönsten Justizpaläste Europas“ vermag ebenso zu beeindrucken, wie die vielen restaurierten alten Gebäude und Villen, denen noch viele, nicht sanierte Objekte gegenüberstehen und deren Vanitasanmutung eine ganz eigene Faszination vermittelt.

Ein ganz besonderer Ort ist die alte Baumwollspinnerei im Westen von Leipzig. Hier konzentriert sich aktuelle Kunst in Form von Ateliers, Werkstätten und Galerien auf einem Areal von rund 100.000 m² am Rande des Stadtteils Lindenau. Der Index für das Gelände listet: „Hundert Künstlerateliers, elf Galerien, Werkstätten, Architekten, Designer, Schmuck- und Modemacher, der Künstlerbedarf «boesner», die Theaterspielstätte «Spinnwerk», ein internationales Tanz- und Choreografiezentrum, Druckereien, das Künstlerbuch «Lubok», das Kino «LuRu» sowie, nicht zuletzt, die gemeinnützige HALLE 14“ (Stand 2012)

EIGENART_-Ausstellung_Stella-Hamberg_SAus der ehemaligen größten Baumwollspinnerei Europas wurde einer der spannendsten Orte für aktuelle Kunst und Kultur im Europa des 21. Jahrhunderts. Hier arbeiten Maler und Bildhauer, Fotografen und Medienkünstler in ihren Ateliers, haben Besucher die Möglichkeit in den Ausstellungsbereichen aktuelle Kunst zu sehen und in den Galerien Werke direkt zu erwerben.

 




 Foto: Galerie Eigen+Art Ausstellung Stella Hamberg: liebe HÖLLE;
          Thomas Riese; 2008
__________________________________________________________________________________________________

Zur Galerie  Bitte klicken Sie zur Ansicht auf ein Bild

 ____________________________________________________________________________________

Links zu Themen

Webseite der Spinnerei

Dr. Carl Goerdeler

Galerien in der Leipziger Baumwollspinnerei

Westwerk

Schaubühne Lindenfels

__________________________________________________________________________________

Zahlen und Fakten sind dem Artikel Schicksalsfäden der Leipziger Baumwollspinnerei
von Karoline Mueller-Stahl entnommen. Den lesenswerten Artikel finden Sie auf der
Website der Spinnerei
. 

Bildnachweis: Bildmaterial für das Titelbanner: © Pressekit Spinnerei 2012.
Alle anderen Fotografien dieses Beitrages incl. der Galerien, sofern nicht
anders vermerkt: Christoph M Frisch
©2012

Ankommen

 

Beim Eintreffen in Leipzig bringt ein Serverfehler uns der ersten Reiseetappe, der ehemaligen Baumwollspinnerei, gleich ein gutes Stück näher. Das im Leipziger Osten angesiedelte Hotel ist durch einen Bug total überbucht, was dem Besitzer pekuniär schon gefallen könnte. Doch leider findet sein Ansinnen, die Gäste nun im Hof kampieren zu lassen, da für die eingegangenen tausend Buchungen ausreichend Zimmer und Betten nicht bereit zu stellen sind, wenig Anklang bei der vor der Rezeption zwischenzeitlich zu einer Montagsdemonstration aufgelaufene Menge.

 

Durch die Hinfahrt jetzt schon ein wenig mit Ortskenntnis ausgestattet, machen wir uns also wieder auf den Weg zurück in den Westen der Stadt, um dort ein Ausweichquartier zu nehmen. Der übermoderne Bau, inmitten einer Straße von zahlreichen Gründerzeitarchitekturen, die mit Hilfe schweren Stahlgerüsts und Holzschilden vor dem Zusammenbruch gesichert sind, besticht gleich mit dem Charme westdeutsch geprägter Jugendherbergskultur. Und wer weiß, vielleicht hat der Investor dieses Hotels, seinen an solchen Orten geprägten Gefühlsleben, hier ein stattliches Denkmal errichtet. Das abendliche Studium der Stadtkarte lehrt uns, dass wir mit diesem Quartier unserem Reiseziel ein erhebliches Stück näher gerückt sind und für den am nächsten Tage angesetzten Besuch der Spinnerei nun nicht mehr erst die halbe Stadt durchqueren müssen. Dem Programmfehler sei Dank!

 

Der Wetterbericht lässt allerdings wenig positives Erahnen. Und so schließe ich in dieser Nacht meine Augen um ein Bild Wolfgang Mattheuers dahinter erstehen zu lassen, das mit dem Titel Das graue Leipzig 1971 versehen hatte und heute im Aachener Ludwigsforum hängt. Doch das schlechte Wetter und die dazu herbeigeeilten Wolken meiden die Stadt in einem weitem Bogen. Der Morgen strahlt in frühlingshafter Bläue und bietet die Aussicht auf einen entdeckungsreichen Spaziergang durch die uns noch unbekannte Örtlichkeit.

 

Eine Stadt aus dem Auto erkunden zu wollen ist schlichter Nonsens, denn es genügte dann auch vollauf sich mit einer passenden DVD vor dem TV niederzulassen. Letzteres hat den Vorteil dabei alkoholische Getränke zu konsumieren, ohne dabei nach der Orientierung auch den Führerschein zu verlieren. Obwohl wir vergeistigende Flüssigkeiten um diese Uhrzeit generell verabscheuen, verbleibt das Auto dennnoch in der Hotel eigenen Garage - übrigens für unseren ganzen Leipzig-Aufenthalt. Die Stadt bietet ein gut funktionierendes Nahverkehrssystem, das einen schnell zu allen Orten bringt. Kaffeegetränkt und somit hellwach in Erwartung vieler neuen Eindrücke, machen wir uns zu Fuß auf den Weg in die Leipziger Kunststadt, die früher einmal die Baumwollspinnerei war.

 

Karl-Heine-Straße

 

Der Stadtteil Plagwitz atmet noch ein wenig Industrie-Atmosphäre aus, wenn diese jetzt auch vielfach eine Metamorphose ins Kulturelle durchgemacht hat. Unser Weg führt uns durch die Karl-Heine -Straße. Der Namensgeber, Sohn der Stadt, war neben seiner Abgeordnetentätigkeit im Sächsischen Landtag, auch Reichtagsabgeordneter und Firmengründer, der unter dem Namen Heine & Co ein Unternehmen zur „Destillation von ätherischen Ölen aus einheimischen Pflanzen (…) sowie zur Herstellung von Essenzen für die Spirituosen- und Süßwarenindustrie...“ ins Leben rief. Wie viel er dabei zum Gewinn und damit gesellschaftlichen Aufstieg des Zahnklempnertums beitrug, ist sicherlich nirgendwo verzeichnet. Dafür hätte er sich umso mehr gewundert, dass er nach Tod und Ehrung, verspätet und unverschuldet, in die Greuel des zweiten Weltkrieges mit dem Abguss seiner Statur miteinbezogen wurde. Denn nach seinem Hinscheiden ehrte ihn die Stadt mit einem Denkmal, das im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und dann in Form von Munition und anderer Knallerei weitere Verwendung finden sollte. Seit 2001 kann man ihn im Leipziger Palmengarten wieder auf dem Sockel stehen sehen. Das Denkmal wurde erneuert und man ehrt mit ihm einen Industriellen der sich gegen die Sozialistengesetzte des Reichstages stark machte. Ein zu dieser Zeit nicht ganz alltägliches Ansinnen.

 

Die Karl-Heine-Straße hat links und rechts des Weges aber auch Handfestes zu bieten. Auf den Stufen der Schaubühne Lindenfels haben sich einige Leute niedergelassen und genießen die Frühlingssonne. Der Kulturort mit langer Tradition bietet auch heute noch ein Repertoire aus Tanz, Theater, Kino und vielen anderen kulturellen Veranstaltungen. Jetzt am Morgen drängt sich nur die Fassade mit einer selbstbewussten Bestimmtheit, Zeit und Ausdauer ausstrahlend, in den Straßenzug. Man spürt die Geschichte dahinter.

 

Auch die andere Straßenseite vermag Kulturelles in unbescheiden groß formatierten Räumen zu bannen. Das Westwerk ist ein Ort, der es verdiente ihm an dieser Stelle einen eigenen Artikel zu widmen, passt er doch nur zu gut von seiner Geschichte in diesen industriekulturellen Kontext. 1881 entstand hier - kann man es glauben? - die Leipzig Tramways Company Limited in London als zweites Depot der Leipziger Pferdeeisenbahn.  Im Zweiten Weltkrieg verarbeitete man an selber Stelle - vielleicht auch die eingeschmolzene Bronze von Karl-Heine - in jedem Fall aber eine Menge Rüstzeug, um den europäischen Nachbarn und den außereuropäischen, die ihnen zu Hilfe kamen, mit Nachdruck den teutonisch imperialen Herrschaftsanspruch aufzuzwingen. Da dieses Unterfangen bekanntlich grandios misslang, der Meisterbrief verbrannt und eines neuen Nachweises bedurfte, besann man sich und gründete eine Lehrwerkstatt. Etwas später daneben eine Poliklinik, einen Speisesaal mit Werkküche und damit auch dem Geist etwas Nahrung zugeführt werden konnte, eben noch eine Bibliothek. Nach dem Zusammenbruch der Ökonomie durch die Kriegswirren, näherte sich eine so gefüllte Örtlichkeit vermutlich recht nah dem Bild des alttestamentarischen Paradieses und so eröffnete hier folgerichtig schon bald das erste Betriebsferienlager im Vogtland.

 

Auch später wurde hier in allen möglichen Richtungen entwickelt, aufgebaut und erweitert. Plansölle festgelegt, Helden der Arbeit geehrt und den sozialistischen Träumen Absperrventile, Großarmaturen, Erdölleitungen, Hochofen- und Hochdruckarmaturen, Schädlingsbekämpfungsapparate, Walzwerkausrüstungen, Schachtmühlen, Destillieranlagen und Furnierpressen überantwortet. Seit 2007 ich weiß ein großer Sprung aber immerhin, wir wollen doch noch ein wenig weiter die Straße hinunter und können uns hier nicht noch weiter mit Kombinatsbildungen, Modernisierungsmaßnahmen, oder der Neugestaltung des Kantinenbereiches aufhalten - ist das Westwerk-Leipzig ein kultureller Aktionsort, an dem z. B. der Leipziger Kunstverein seine Jahresausstellung präsentiert, kuratierte Ausstellungen zu sehen sind oder Technik/Netz-affinen Gruppen Ort und Raum für ihre Aktivitäten geboten wird.

 

Ein großes Wasser sucht man in Leipzig vergebens. Kein breiter Strom der die Stadt querte, in dem sich seine Architekturen ausgedehnten Horizonts wiederspiegeln könnten. Doch diese Betrachtung ist nicht stimmig. Im 19. Jahrhundert prägten die Mühlgräben von Pleiße und Elster das Stadtbild, war die Stadt von Wasser umgeben. Gewisse Unzulänglichkeiten und Abweichungen vom sozialistischen Traum veranlassten die Stadtoberen Teile diese Wasserwege zuzuschütten. Eine andere Variante und eine der wenigen damalig anerkannten gesamtdeutschen Gemeinsamkeiten fanden sich in der Lösung, die verbliebenen als Abwasserkanäle zu missbrauchen.

 

Nach der Wende erinnerte man sich an Bade- und Paddelfreuden, die bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts inmitten der Stadt möglich waren. Heute existiert wieder ein Netz von Kanälen, das an die 200 Kilometer umfasst. Die Vision des Plagwitzer Industriepioniers Carl Erdmann Heine vom Anschluss an die Weltmeere über den Elster-Saale-Kanal wurde nicht ganz umgesetzt. Hier fehlten zum endgültigen Durchbruch zum Venedig des Ostens noch ein paar zu schaufelnde Kilometer. Doch lässt sich heute innerhalb und außerhalb der Stadt das vorhandene Kanalnetz vortrefflich nutzen. Vielfach gesäumt von Rad- und Wanderwegen, entlang alter Industrie- und Wohnviertel, kann man mit dem Boot bis in das Umland fahren.

 

Wie ich darauf komme? Nun wir sind jetzt auf einer Brücke angekommen, die den Karl-Heine-Kanal überquert. Ja nach unserem Mann auf dem Sockel hat man nicht nur die Straße, sondern auch den sie kreuzenden Kanal benannt. Dies war seinem Ansinnen geschuldet, auf dem Wasser eine direkte Verbindung nach Hamburg zu schaffen. Scheinbar fanden sich nicht genug Mitstreiter für die Umsetzung dieser Idee. Der Kanal endet bereits vor dem Lindenauer Hafen, einem Stadtteil von Leipzig und von dort ist bekanntlich von Hamburg noch nicht einmal die Spitze des Fernsehturmes zu sehen.

 

Wir hingegen finden hier auf unserer Brücke eine Verbindung zur Kunst. Etwas spärlich, aber kaum zu übersehen, sind die Elemente des Brückengeländers die von Wolle „umstrickt“ wurden. Urban Knitting, die farbenfrohe Variante Kunst im Stadtgefüge einzubringen, ohne – wie dies bei den umstrittenen Graffitis der Fall ist – dauerhaft zu verändern. Ein Kunstform deren friedliche Botschaft mit Flexibilität und integrierter Versibilität zu überzeugen weiß, auch hier.

 

Wie überall in Leipzig verharren auch in dieser Straße viele alten Villen in ihrem Dornröschenschlaf. Ob mangelndes Kapital oder streitende Erbengemeinschaften diese noch nicht mit viel Handwerkerradau erweckt haben, ist ihnen nicht anzusehen. Ich finde es reizvoll nicht alles im restaurierten und modernisierten Zustand anzutreffen. Wenngleich für die Bewohner der desolate Zustand sicherlich wenig Komfort bereit hält. Neben dem Charms des 19. Jahrhunderts, überrascht uns auch die über eine Mauer ragende Silhouette einer propellerbewehrten Passagiermaschine der DDR-Interflug. Diese schwebt, augenscheinlich zur Landung ansetzend, gerade ins Gespinst der noch blattlosen Bäume am Straßenrand und gehört wohl zu einem Technik- oder Verkehrsmuseum.

 

Die Spinnerei

 

Wir sind nun kurz vor unserem Ziel und verlassen jetzt hinter der S-Bahn Unterführung die Karl-Heine-Straße. In der Spinnerei Straße sind es noch gut 150 Meter und wir stehen im Eingangsbereich des Areals der alten Baumwollspinnerei. Ein erster Blick offenbart eigentlich nichts, was auf eine große Kunststätte schließen lässt. Backsteinarchitektur überragt von einem gewaltigen Schornstein, der als Landmarke oder Fingerzeig dem Gelände ein Ausrufezeichen verleiht. Die kleine Fabrikstadt besteht heute noch aus 20 Einzelgebäuden, die von vier Straßen umgrenzt, diese zum Quartier machen. Direkt am Eingang lädt das Café Versorgung zu einer Pause ein. Eine große Tafel, mit der Ansicht des Areals, verspricht Orientierung und benennt Örtlichkeiten. Wir stellen fest, dass sich die hiesigen Öffnungszeiten an den Stereotypen des Künstlerwesens anlehnen und in den frühen Vormittagsstunden hier praktisch noch nichts offen ist. Dies wiederum verleiht uns Zeit und Muße das Gelände zu erkunden und Eindrücke zu sammeln. Ein prächtiger Schilderwall voller Wegweiser zeigt nach links und rechts. Luru-Kino, Karateschule, der Leipziger Bogenschützen e.V., Kunsthandwerk, Modeatelier.

 

Wir bewegen uns über Kopfsteinpflaster zwischen Backsteinschluchten die von industrietypisch gittergeteilten Fenstern durchbrochen, keinen Einblick gewähren. Dazwischen spärlich und jetzt im Frühling noch wenig bestimmend, einige knospende Bäume. Eine Straße quert das Gelände. Darüber verbinden zwei hölzern verkleidete Rampen Gebäude, über die unter ihnen liegende basaltgewürfelte Straße. Die Fassaden erzählen wenig über den Spuk dahinter. Hier wird entwickelt, gekämpft und geschaffen, ein Stück weiter die Ergebnisse des Ringens in Räumen präsentiert, die vorher Gasmaschinen oder industrielle Webstühle beherbergten. Die morgendliche Leblosigkeit ist nur scheinbar. Viele parkende PKWs und Lieferwagen verweisen auf rege Anwesenheit. Und wenn sich eine der schweren Stahltüren öffnet, wird auch der ein oder andere Protagonist sichtbar. Werden Objekte herausgetragen, um in einem Transporter verstaut zu werden, verschwindet man wieder in einem der Innenhöfe, werden weiße Buchstaben auf Glas geklebt, um die nächste Ausstellung anzukündigen.

 

Die Galerien und kunsthandwerklichen Produktionsorte erwarten ihre Besucher und Kunden. Die Künstlerateliers sind natürlich nicht öffentlich. Dafür gibt es hier neben dem geführten Erkunden von Dienstag bis Freitag, zweimal jährlich den großen Rundgang durch die Spinnerei, bei dem man auch Einblicke in Räume gewährt, die ansonsten der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Eine der größten Produktionshallen auf dem Gelände beherbergt den gemeinnützigen Kunstraum HALLE 14. Mit einem eigenen Ausstellungsprogramm und einer Kunstbibliothek hat dieser Ort ein Alleinstellungsmerkmal, dient als nicht-kommerzielle Schnittstelle zwischen Hochschule und Kunstmarkt.

 

Unser Besuch fällt genau zwischen zwei Ausstellungen und man ist gerade dabei die Räume für den nächsten Event zu präparieren. Handwerker in Blaumannsmontur, auf Stehleitern an Stromkabeln hantierend, vermitteln in der riesigen Halle nochmals etwas von der ursprünglichen Atmosphäre des Ortes. Nur eine Anmutung. Durch die hohen Fenster wirft die Sonne gleichmäßige sich wiederholende gleißende Flächen auf den Betonboden. Durchbrechen eiserne Säulenträger mit langen Schattenwurf diese Komposition, wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Blick auf die gegenüberliegenden Fassaden zeigt wieder nur die abweisenden rotlichtigen Backsteinflächen. Rostige Geländer im Hof an Treppenabgängen, die in Werkstätten oder Lagerräume führen. Hier lagern undefinierbare Dinge, geschichtet zur Entsorgung oder vielleicht auch als Materialgrundlage der nächsten Installation. Schmale Eisentüren im Schatten verziert mit Sprühdosennebel künden Parolen, Kryptisches oder fixieren ein mit Gliedmaßen ausgestattetes Smiley auf die abblätternde Rostschutzbeschichtung.

 

Unser Rundgang findet sein Ende im archiv massiv dem Besucherzentrum, das sich im ältesten Gebäude vor Ort befindet. Hier gibt es einen konzentrierten Einblick in die Geschichte der Baumwollspinnerei. Kann man Baumwolle in ihrem Rohzustand begreifen, stehen und stapeln sich leere und volle Spindeln. Ein paar Schautafeln, Grundrisse und vergrößerte Fotos. Eine Maschine unbekannter Funktionalität, inspirierendes Artefakt für Steampunker. Hier gibt es auch Kataloge und Broschüren. Dinge, in denen die Geschichte des Ortes niedergelegt und in Worten und Bildern dokumentiert, in Plastiktüten, Handtaschen oder zusammengerollt unter dem Arm hinausgetragen werden kann.

______________________________________________________________________________________

 

 

 

made with love from Joomla.it