Hemmoor-Warstade, Zementmuseum

ZUR GESCHICHTE DES KREIDESEES
IN HEMMOOR-WARSTADE

 von Andrea Finck, 2012
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Der Hemmoorer Kreidesee steht heute für verschiedene Freizeitaktivitäten zur Verfügung. Camper, Angel- und Tauchsportler nutzen ihn im Einklang mit dem Naturschutz. Der See gilt mittlerweile als einer der beliebtesten Tauchseen Nordeuropas, obwohl es immer wieder zu schwerwiegenden Tauchunfällen kommt.

Das besondere Interesse seitens der Taucher ist unmittelbar mit der Geschichte des Sees verknüpft. Denn in dem heute noch bis zu 60 m tiefen See befinden sich neben nachträglich versenkten Wracks auch verschiedene Industrierelikte, die auf den einstigen Kreideabbau, beziehungsweise auf die Hemmoorer Zementproduktion im 19. und 20. Jahrhundert hinweisen. Erst im Jahre 1983 wurden der 1200 m lange und max. 650 m breite Steinbruch sowie die Zementfabrik an der Bundesstrasse 73 endgültig stillgelegt.

 

Kreidesee-Foto-B.-Schilke   Foto: B. Schilke                                                                                                                      Der Hemmoorer Kreidesee

Die Anfänge der Kalkbrennerei

Die Geschichte des industriellen Kreideabbaus begann mehr oder weniger durch Zufall, als im Jahre 1859 auf Antrag des damals bekannten Geologen Prof. Dr. Hunaeus aus Hannover in unserem Raum nach Braunkohle gebohrt und dabei diese interessante geologische Lagerstätte in Hemmoor-Warstade entdeckt wurde. Neben dem wichtigen Kreidevorkommen stieß der damalige Bohrmeister Johann Friedrich August Hake in unmittelbarer Nähe zusätzlich auf zeitlich jüngere tertiäre Tone. Die ungewöhnliche Hochlage dieser beiden Rohstoffe hängt mit der Bildung eines 75 km langen Salzstockes zusammen, der von Bevern-Oldendorf über Hemmoor bis nach Itzehoe reicht.

1862 gründete der aus Stade stammende Jürgen Hinrich Hagenah auf dem Gelände die erste Kalkbrennerei. Das hervorragende und unmittelbar benachbarte Rohstoffvorkommen von Kreide und Ton sowie die nahe Lage zur Oste, begünstigte die Unternehmensentwicklung, so dass 1866 die ersten Anlagen zur Herstellung von Zement geschaffen wurden. 1882 übernahm die Portland Cementfabrik Hemmoor das Unternehmen, welches später von der Hemmoor-Zement AG weitergeführt wurde.

 

Fossile und archäologische Fundstücke 

FossilienDer im 19. Jahrhundert begonnene Rohstoffabbau weckte auch das Interesse der Natur- und Geschichtswissenschaftler. Bei einer geologischen Untersuchung im Jahre 1889 hatte die Kreidegrube bereits eine Tiefe von 11 m und eine Größe von 5 ha. Die helle Schreibkreide entstand vor 130 bis 65 Millionen Jahren und zählt erdgeschichtlich noch zum Erdmittelalter oder Mesozoikum. Die Kreideschichten im Hemmoorer Steinbruch waren durchzogen von einzelnen zwischen 14 bis 40 cm mächtigen Feuersteinbänken, die aus plattenförmig, dicht aneinander gelagerten Knollen bestanden. Die Bänke wiederholten sich in Abständen von 1,3 bis 1,5 m. Daneben kamen auch vereinzelt aufrecht stehende Feuersteinknollen von über Mannshöhe vor. Damals konnten zahlreiche erdgeschichtlich wertvolle Fossilien geborgen und bestimmt werden. Sie wurden der Sammlung des Hamburger Geologischen Museums übergeben. Leider brannte das Hamburger Institut während des Krieges im Jahre 1943 ab, so dass das gesamte damalige Material bis auf einige Seeigel verloren ging. Viele interessante Fossilien aus späteren Aufschlüssen der Hemmoorer Kreidegrube können heute jedoch noch im „Haus für Hemmoorer Geschichte“ besichtigt werden, das sich gegenüber dem Kreidesee befindet. Es ist ein kleines, heimatgeschichtlich bedeutendes Museum, das über die Geologie und Vor- und Frühgeschichte der Region anschaulich und umfassend informiert.         (Fossilien im Museum für die Geschichte Hemmoors Foto: A.Finck)

Bronzeei

Von überregionalem Interesse sind besonders die archäologischen Funde, die in den Jahren 1892 und 1893 bei Erweiterung des Grubenareals im Sand freigelegt wurden. Es handelt sich dabei um mehrere aus Bronze bzw. Messing gefertigte Grabgefäße der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, die auch als „Hemmoorer Eimer“ bezeichnet werden. Eine wissenschaftliche archäologische Ausgrabung der Befundzusammenhänge wurde damals versäumt, so dass wichtige Informationen für immer verloren gingen. Zu dem Gräberkomplex zählen neben insgesamt 18 Bronze- bzw. Messingeimern auch noch Tonurnen, die, wie die Metallgefäße, als Behältnisse für die verbrannten Überreste (Leichenbrand) der Verstorbenen dienten. Anhand der Machart und der umlaufenden Verzierung ließen sich die „Hemmoorer Eimer“ römischen oder provinzialrömischen Werkstätten des 2. bis 4. Jahrhunderts nach Christus zuweisen. Die Metallgefäße belegen damit rege Kontakte zwischen den hier damals ansässigen Germanen und dem Römischen Reich. Die archäologischen Funde befinden sich heute hauptsächlich im Landesmuseum Hannover. Ein Bronzeeimer kann im Museum, dem „Haus für Hemmoorer Geschichte“ besichtigt werden.               (Bronzeeimer im Museum für die Geschichte Hemmoors  Foto: A.Finck)

 

Zementmuseum Hemmoor

Modell-In den Laderäumen der Schute „Hemmoor 3“ wird eine interessante Ausstellung zu der fast 120 Jahre lang andauernden Erfolgsgeschichte der Zementproduktion in Hemmoor präsentiert. Darüber hinaus können auf dem Freigelände technische Maschinen und Gerätschaften besichtigt werden, mit deren Einsatz die Portland Cementfabrik, später Hemmoor Zement-AG für einen stetigen Wirtschaftsboom in der Region an der Oste sorgte und somit zu den einst größten Industrieunternehmen im nördlichen Elbe-Weser-Dreieck zählte.

Eine Fotosammlung dokumentiert die Entwicklung des Werkes und zeigt u.a. den mühevollen körperlichen Einsatz der Arbeiter, die die Kreide und den Ton anfangs noch mit der Hand abbauen mussten. Mit Hilfe von Seilwinden und Schrägaufzügen wurden die Rohstoffe aus der tiefen Grube nach oben transportiert. Erst ab 1908 setzte man für die Kreidegewinnung Eimerkettenbagger, später Löffelbagger ein. Die Tongewinnung in der benachbarten Grube wurde erst 1927 von Hand auf den Baggerbetrieb umgestellt. Zugleich bedeutete diese technische Erneuerung, dass nun ganzjährig der Kreide- und Tonabbau gewährleistet war und somit eine intensivere Zementproduktion einsetzen konnte. Für einen reibungslosen Produktionsablauf sorgten eine eigene Kraftzentrale sowie werkseigene Handwerksbetriebe. Dazu gehörte anfangs auch noch eine Fassbinderei (Küperei), die über den Schiffsweg mit Holz versorgt werden musste. (Modell der Kreidegrube im Zementmuseum Foto: A.Finck)

Im Jahre 1905 waren bis zu 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Grube und an der Zementproduktion beschäftigt, darunter viele Fremdarbeiter aus Nord- und Osteuropa („Lippscher“), die in Arbeitskasernen untergebracht waren. Nach einer Arbeitssaison kehrten sie zurück in ihre Heimat, einige von ihnen blieben jedoch auch in Hemmoor und bauten sich hier eine neue Existenz auf.

 

Transport und Absatz 

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  Der Hafen Schwarzenhütten an der Oste                                                             Aquarell W. Habl (Hamburg)

Der Zementtransport wurde auf dem Wasserwege über den Ostehafen „Schwarzenhütten“ abgewickelt, später ab 1887 wurde auch der Schienentransport durch die neu gebaute Unterelbische Eisenbahnstrecke Hamburg – Cuxhaven ermöglicht. Der Hafen „Schwarzenhütten“, eine ehemalige Ziegelei, lag zwei Kilometer von der Zement-Fabrik entfernt. Bis 1895 musste diese Entfernung von einer Pferdebahn überbrückt werden, danach übernahm eine fabrikeigene Kleinbahn den Transport zum Ostehafen, später nach Ausbau der Hafenstrasse erledigten Lastkraftwagen diese Arbeit.

Der große Absatzmarkt war Hamburg, von hier wurde der Hemmoorer Zement mit Segelschiffen und später auch mit Dampfern nach Übersee exportiert. Zu den Abnehmern der Portland Cementfabrik zählten neben den Märkten Norddeutschlands und den Küstenländern Europas, sämtliche südamerikanische Staaten, Indien, China und Japan sowie die ehemaligen deutschen Kolonien. Sogar der Sockel der Freiheitsstatue von Amerika wurde z.T. mit dem Zement aus Hemmoor gebaut. Der hochwertige Portland-Zement kam nicht nur im Hoch- und Tiefbau zum Einsatz, sondern eignete sich auch für den Nassbereich, wie die Verwendung bei der Errichtung zahlreicher Hafenanlagen demonstriert. Den Namen „Portland“ erhielt der vielseitige Zement übrigens nach dem in Südengland vorkommenden Portland-Stone, einem dort vielfach verwendeten Baustein, dem der Hemmoorer Zementklinker äußerlich in Farbe und Form ähnelte.

 

Industriegeschichte - Von der Kreide zum Zement

Zementfabrik-um-die-JahrhunDie Industriegeschichte des Zementwerks ist durch stetige Innovation gekennzeichnet, zugleich war die Vergrößerung des Werkes und der Rohstoffabbau durch Ankauf von Ländereien gewährleistet. Im Jahre 1892 wurde eine Konkurrenzfirma im Ahrensfluchter Moor unter dem Namen „Neue Hemmoorer Portland Cementfabrik“ übernommen, wodurch die Produktion schon damals die jährliche Höhe von 400 000 Normalfass à 180 kg brutto erreichte und in den Folgejahren ständig zunahm. Diese Neue Fabrik wurde nach dem Krieg stillgelegt, abgebrochen und diente eine Zeit lang als Abraumkippe zur Erweiterung der Alten Fabrik.

Die Hemmoorer Kreide wurde aufgrund des hohen Flintanteils von Anfang an im Nassverfahren weiter verarbeitet. Bis 1912 kam das Dünnschlammverfahren zum Einsatz. Die von Hand abgebauten Rohmaterialien (Kreide und Ton) wurden in der Schlämme zu einem dünnen Schlamm mit 80 % Wasser verarbeitet, der in großen Absatzgruben geklärt wurde. Der teigförmige Absatzrückstand wurde an der Luft oder auf Darren getrocknet und anschließend in Schachtöfen mit Koks gebrannt („Knuddelbäcker“). Die Einführung des Dickschlammverfahrens sorgte für eine der ersten Erneuerungen im Betrieb, aber erst mit der Erfindung des Drehofens kam es zu einer umfassenden Modernisierung im Brennbetrieb und letztlich in der gesamten Zementindustrie. Durch den Drehofen wurden komplette Produktionsgänge eingespart, da nun nasser Schlamm direkt in die rotierenden Brennöfen eingegeben werden konnte. In einer Kühltrommel wurde der Zementklinker abgekühlt und danach in der Kugel- oder Rohrmühle fein gemahlen. Für gleich bleibende Qualität sorgten die Chemiker im werkseigenen Laboratorium.                                                 (Foto: Zementfabrik um die Jahrhundertwende)

 

Das Ende der Hemmoor Zement AG

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In der Chronik „Zement aus Hemmoor“ erfährt man neben der hier kurz skizzierten Industriegeschichte des Unternehmens vor allen auch viel über die Arbeitsbedingungen und das Schicksal der Zementarbeiter und –arbeiterinnen im Laufe der Zeit. Von den Kriegseinwirkungen weitgehend verschont, konnte das Unternehmen bis in die 1980er Jahre weiter bestehen. Produziert wurde jedoch unter anderen, der Wirtschaftslage angepassten Bedingungen. Obwohl das Werk Mitte der 60er Jahre noch umfangreich modernisiert wurde und im Jahre 1971 mit 779 000 Tonnen Absatz das beste Ergebnis in der Geschichte der Hemmoorer Zementwerks erreichte, wurde ab 1976 nur noch das Mahlwerk betrieben. Durch die hohen Energiekosten für das aufwendige Nassverfahren war das Werk in der modernen Zeit nicht mehr konkurrenzfähig.
Die Öfen wurden gelöscht und die Klinkerproduktion eingestellt, damit hörte auch die Arbeit in der Kreidegrube auf. Die Pumpen wurden ausgestellt und die Grube lief langsam voll Wasser. 1983 wurde der Betrieb, der sich zuletzt nur noch mit dem Trocknen und Mahlen von angeliefertem Zement und Hochofenschlacke beschäftigte, vollständig eingestellt. Mit den Abbrucharbeiten wurde zwei Jahre später begonnen.

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Öffnungszeiten der Museen

Deutsches Zementmuseum:
1.5.- 3.10. Sa, So, Feiertage 14.00 – 18.00 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung 04771/7140 od. 7578

Museum für die Geschichte Hemmoors:
ab April Sonntag 15.00 – 17.00 Uhr
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Bildbearbeitung für diesen Artikel: Christoph M Frisch 2012

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