Werkssiedlungen in Deutschland - der Wandel der Architekturformen


von Anika Meyer

Sie fallen auf und prägen eine Landschaft als Landschaft der Industriekultur: Häuser, die sich in sehr ähnlichem oder gar identischem Erscheinungsbild entlang ganzer Straßenzüge reihen – Werkshäuser. Lange Zeit nahmen weder Bewohner noch Denkmalschützer oder Kunsthistoriker Werkssiedlungen als schützenswerte Architektur wahr. Dies hat sich in den letzten Jahren teilweise geändert. Das Industriezeitalter wird durch seine Überwindung als solches wahrgenommen, seine Zeugnisse als kulturelles Erbe verstanden. Vielerorts schätzt man auch den Wohnwert der meist für zwei bis vier Familie ausgelegten Häuser, die häufig mit Gartenparzellen versehen sind und in bewusst gestalteten Anlagen stehen, wieder. Die Kunstgeschichte erkennt unterdessen, dass eine Betrachtung allein von Villen und Palästen ein verzerrtes Bild ergibt und würdigt die bedeutende Rolle des Werksiedlungsbaus in der Entstehung des geplanten Städtebaus.1

Wann und weshalb Werkssiedlungen entstanden

Werkssiedlungen entstanden dort, wo Arbeitskräfte benötigt wurden. Für die fördernde Industrie, die beispielsweise an Kohle- oder Erzvorkommen gebunden war, war der Wohnungsbau meist Voraussetzung, um den Betrieb überhaupt aufnehmen zu können. Die weiterverarbeitende Industrie hingegen, die ihren Standort freier wählen konnte, siedelte sich nahe Städten und Gemeinden an, um deren Angebot an Arbeitskräften zu nutzen. Der Werkswohnungsbau setzte hier erst auf einer weiterentwickelten Ebene ein, wenn der Unternehmer gut ausgebildete Facharbeitskräfte heranziehen und binden wollte. Ein sprunghaft ansteigender Bedarf an Arbeits- und Facharbeitskräften, deren Masse der spekulative Markt nicht mehr beherbergen konnte, entstand in Folge der Produktions-Intensivierung und -Spezialisierung während der Industrialisierung. In Deutschland entwickelte sich somit Mitte des 19. Jahrhunderts Werkssiedlungsbau in größerem Ausmaß, 2 in Großbritannien bereits ab der Mitte des 18. Jahrhunderts.3 Der Werkswohnungsbau blieb fortwährend mit Auf- und Abschwüngen der Konjunktur verbunden. So kann in den Gründerjahren eine allgemeine Zunahme beobachtet werden, bis der Gründerkrach die Entwicklung bald nach 1873 unterbricht. In Folge der wirtschaftlichen Krise waren Neuerrichtungen bis 1890 deutlich geringer.4 Nach 1919 löste der werksgeförderte Wohnungsbau durch Baugesellschaften, meist von den Unternehmen selbst gegründet, den Werkswohnungsbau nach und nach ab. Seit 1924 wurden Baugesellschaften beim Bau von Arbeiterwohnungen mit staatlichen Mittel unterstützt – der werksgeförderte Wohnungsbau mündete in den sozialen Wohnungsbau.5

1 Buschmann, Walter: Architektonische und städtebauliche Formen im Arbeitersiedlungsbau des 19. Jahrhunderts in Deutschland,in: Arbeitersiedlungen im 19. Jahrhundert. Historische Entwicklung, Bedeutung und aktuelles Erhaltungsinteresse, hrsg. v.Biecker, Johannes/ Buschmann, Walter, Bochum 1985, S.22, S.32 u. 62
3 Z.B. Häuser der Spinnerei Cromford in Derbyshire, die Coalbrookdale und Horsehay, sowie der Spinnereien Belper, Millford und Derby. Siehe Kastorff-Viehmann, Renate: Wohnungsbau für Arbeiter. Das Beispiel Ruhrgebiet bis 1914, Aachen 1981, S.94.
5 Neumeyer, Fritz: Der Werkwohungsbau der Industrie in Berlin und seine Entwicklung im 19. und frühen 20. Jahrhundert,Dissertation Technische Universität Berlin, Berlin 1977, S.161

Für den Unternehmer waren sicherlich wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend, Wohnraum für seine Arbeiter zu schaffen. Dabei hatten Werkssiedlungen gegenüber Mietskasernen oder Logierhäusern einen besonderen Vorteil: Sie ließen sich in Anbetracht der elenden Situation in den überfüllten und überteuerten Wohnungen des spekulativen Marktes hervorragend mit dem Wohlfahrtsgedanken begründen.6 Die paternalistische „Fürsorge“ war ein Versuch, sozialdemokratischen Unruhen den Wind aus den Segeln zu nehmen.7 Sollte dies nicht gelingen, hatte der Unternehmer durch die übliche Koppelung von Arbeits- und Mietsvertrag immer noch ein doppeltes Druckmittel zur Hand.8

Wo Werkssiedlungen entstanden

Das Ruhrgebiet als Ballungszentrum von Bergbau, Eisen- und Stahlhütten weißt eine besondere Dichte an Werkssiedlungen auf, doch sprenkeln diese das gesamte rheinisch-westfälische Gebiet mit seinen Standorten der Montan-, aber auch Textil- und chemischen Industrie. Einen zweiten größeren Standort der Montanindustrie bildete das Saarland. Das Gebiet um Völklingen, Saarbrücken, Schiffweiler, Neunkirchen, das Sulzbach- und das Fischbachtal durchziehen vor allem Bergarbeitersiedlungen,9 aber auch Siedlungen für Arbeiter der Eisenhütte der Familie Stumm in Neunkirchen10 oder der Glashütte in Sulzbach-Fenne11. In Norddeutschland spielen Werkssiedlungen eine untergeordnete Rolle, trotz des Zentrums von Maschinenbau, elektrischer, chemischer und Textil-Industrie um Berlin. In der Hauptstadt konnte der Bedarf an Arbeitern lange aus der ansässigen Bevölkerung gedeckt werden.12 Erst eine um 1895 einsetzende Wanderung der Betriebe an die Stadtperipherie machte den Bau zusammenhängender Werkssiedlungen notwendig und durch das nun verfügbare Bauland überhaupt erst möglich. Doch stellten die Betriebe schnell fest, dass die Werkswohnung im Zentrum der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung abgelehnt wurde.

Der selbstbewusste Berliner Industriearbeiter wollte eine Stärkung des patriarchalischen Systems und seines persönlichen Abhängigkeitsverhältnisses um jeden Preis vermeiden. Deshalb ließen Firmen wie AEG, Siemens oder Borsig über Bau-Gesellschaften werksgeförderte Wohnungen errichten.13

Formengeschichtliche Entwicklung des Werkssiedlungsbaus in Deutschland

Die Vielzahl und Vielfalt deutscher Arbeitersiedlungen macht es schwierig, konkrete Aussagen über Entwicklungslinien zu treffen. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, muss eine sehr große Zahl von Siedlungen untersucht und verglichen werden, was durch die spärliche Bestandsaufnahme erschwert wird.

7 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.48 u.a.
8 Neumeyer: Werkwohnungsbau (1978), S.48
9 Bausen, Ernst Johannes: Geschichte des Bergarbeiterwohnungsbaus als Rahmenbedingung für das Saarbrücker Prämienhaus inder Zeit des Preußischen Bergfiskus von 1816 bis 1919, Dissertation, Technische Hochschule Aachen, Aachen 1986
10 Slotta, Delf: Neunkirchen. Die Stadt und ihr Eisenwerk auf historischen Ansichtskarten (1890-1945), hrsg. v. Verkehrsverein Neunkirchen, Neunkirchen 2012, S.45, 98 f., 100 f.
11 Glaser, Harald/ Kräuter, Willi: Industriesiedlungen. Von den Anfängen der Industrialisierung bis zur Weltwirtschaftskrise.Eisen- und Stahlhütten, Glashütten, Eisenbahn, hrsg. v. Stadtverband Saarbrücken, Saarbrücken 1989
12 Neumeyer: Werkwohnungsbau, S.53
13 ebenda, S.54 ff., S. 208 ff., 194 ff., S. 160 ff . S.166 ff.

Der nachfolgende Versuch, eine formengeschichtliche Entwicklungslinie zu erstellen, kann daher nur allgemeine Tendenzen aufzeigen.Sicher festgehalten werden kann, dass die Lage einer Siedlung sich auf ihre Gestaltung auswirkte. In ländlichem Gebiet stand Bauland günstig zur Verfügung, im städtischen Raum war es knapp und teuer. So findet man auf dem Land meist Werkshäuser für ein bis zwei Familien, in städtischem Raum verstärkt für sechs, acht, zwölf oder mehr Familien. Auch ist die Wohnfläche pro Familie auf dem Land größer und wird häufig durch ein Stück Gartenland ergänzt. Im städtischen Raum wurde hierauf verzichtet, wohl auch, weil die dortige Bevölkerung an Selbstversorgung nicht gewohnt war und keinen Anspruch darauf erhob.14

Phase I: bis 1850 – Putzhäuser in klassizistischer Tradition (Abb. 1 – 3)

Die frühesten Werkshäuser sind freistehende Zweifamilienhäuser oder Reihenhäuser mit eigenem Hauseingang für jede Partei. Sie sind eineinhalb- bis zweieinhalbgeschossig und fast durchweg traufständig. Es handelt sich um schlichte, kubische Bauten, meist in klassizistischer Tradition verputzt und mit rechteckig eingeschnittenen Fenster- und Türöffnungen. Die Türen sind dabei häufig paarweise gekoppelt.15 Einziger Schmuck sind horizontal verlaufende Gesimsbänder. Das Arbeiterhaus unterscheidet sich zu dieser Zeit nur in Größe und Ausstattung vom bürgerlichen Wohnhaus des Biedermeiers.16 In einigen Fällen bilden die Arbeiterhäuser zusammen mit dem Herrenhaus eine am Gutshof orientierte Anlage.17 Meist werden sie jedoch in gerader Bauflucht an Straßenzüge gereiht.


Phase II: 1850 bis 1870 – Suche nach dem geeigneten Arbeiterwohnhaus (Abb. 4 – 8)

Von der Jahrhundertmitte bis etwa 1870 ist im Arbeitersiedlungsbau keine geradlinige Entwicklung auszumachen. Im Allgemeinen sind die Gebäude von der gleichen Schlichtheit wie in Phase I, allerdings nun häufiger für vier Familien ausgelegt.18 Im Zuge der Suche nach dem geeigneten Arbeiterhaus findet der Backstein, der sich gerade in der zeitgenössischen Fabrikarchitektur verbreitet, Eingang in den Siedlungsbau. Ursprünglicher Gedanke war, dass das Backsteinhaus in den meist auf freiem Feld errichteten Werkssiedlungen widerstandsfähiger sei. Schon bald allerdings entwickelt das Backstein-Arbeiterhaus sein eigenständiges Formensystem, bisweilen mit Anlehnung an die zeitgenössische Neo-Gotik.19 Die Gebäude werden als Zeilen oder frei stehend entlang einer Bauflucht aufgereiht.20 In größeren 14 Spörhase, Rolf: Wohnungsbau als Aufgabe der Wirtschaft. Förderung des Wohnungsbaues durch Wirtschafts-Unternehmungen. Methoden und Leistungen, hrsg. v. Deutsches Industrieinstitut, Stuttgart 1956, S.146 ff.

15 Bollerey, Franziska/ Hartmann, Kristina: Wohnen im Revier. 99 Beispiele aus Dortmund, in der Reihe: DortmunderArchitekturhefte, hrsg. v. Deutsches Institut für Stadtbaukunst, München 1975, S.XI
16 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.26
17 Werner, Ferdinand: Arbeitersiedlungen, Arbeiterhäuser im Rhein-Neckar-Raum, Worms 2012, S.54
18 Bollerey/ Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XI
19 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.28
20 Bollerey/ Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XI

 

Siedlungen werden Zeilen nebeneinander gestaffelt, seltener zeigt sich aufgelockerte Blockrandbebauung in klassizistischer Tradition. Seit der Jahrhundertmitte, in Zusammenhang mit dem Konjunkturhoch der 1850er Jahre, sind Bemühungen um Formfindung, Standardisierung und Verbesserungen im Klein- und Arbeitersiedlungsbau zu beobachten.21 Nachdem Friedrich Engels, Henry Roberts und andere auf die Wohnungsproblematik aufmerksam gemacht haben, wird das Thema 1851 sogar Forschungsgegenstand der ersten Weltausstellung in London. Im Auftrag von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha entwirft Roberts das „Prince-Albert-Model-House“ (Abb.33), das wegen seiner Bemühungen um Standardisierung und Rentabilität Aufsehen erregt. Sein Erscheinungsbild wird von den an Tudor-Gotik erinnernden Schweifgiebeln und dem Flachdach bestimmt. Es findet jedoch wegen hoher Kosten und mangelnder Eignung bei rauherem Klima nur selten Nachahmung (z.B. Abb. 10, unten). Noch einmal, 1867, erregt auf einer Weltausstellung ein Modell-Haus für Arbeiter Aufsehen und zwar wegen seiner rentablen Vereinigung von vier Wohnungen unter einem Dach bei gleichzeitig größtmöglicher Isolierung: das Mühlhausener Kreuzgrundriss-Haus (Abb.34), entworfen von Emile Muller für die Cité Ouvrière in Mulhouse im Elsass. Es findet häufiger Nachahmung (z.B. Abb.10, oben). Im Saarland entstehen in dieser Phase die ersten Werkssiedlungen des Preußischen Bergfiskus (Abb.6). Dieser hatte bisher mit seinem Prämienhaussystem privaten Hausbau gefördert,22 muss aber nun zur Heranziehung neuer Arbeitskräfte Wohnraum bereitstellen.

 

Phase III: 1870 bis 1890 – Kubische Bauten im Rastersystem (Abb. 9 – 13)

Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs, der sich bereits 1868 ankündigt und mit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges und der Reichsgründung an Dynamik gewinnt, werden die Siedlungen in Deutschland deutlich größer. Der Blick richtet sich auf Vorbilder in Großbritannien wie Saltaire (Abb.29) und Ackroydon (Abb.30).23 In beiden Siedlungen wird das Reihenhaus verwendet. Gerade Straßen kreuzen sich rechtwinklig, sodass ein Raster entsteht. In Ackroydon bildet ein Platz ein Siedlungszentrum, in Saltaire eine Achse mit Gemeinschaftseinrichtungen eine Art Hauptstraße. Auch in Mühlhausen werden seit 1853 Reihen- und, vor allem um 1870, Kreuzhäuser in rasterförmiger Anlage errichtet.24 Das einfache Raster, bisweilen durchbrochen von Plätzen, Siedlungsschwerpunkten oder einzelnen schrägen Straßen25, findet nun auch in Deutschland bei größeren Siedlungen fast ausnahmslos Anwendung. Dabei entspricht die Planung von Arbeitersiedlungen den allgemeinen städtebaulichen Prinzipien der Zeit: Nach dem Ausklingen der klassizistischen Stadtbaukunst wendet man sich einem pragmatischen Städtebau zu, der die Probleme rasanter Stadtentwicklungen schnell und unkompliziert lösen soll, vor allem mit Augenmerk

21 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.28
22 Bausen, Ernst Johannes: Geschichte des Bergarbeiterwohnungsbaus (1986), S.57 ff.
23 Sturm, Hermann: Fabrikarchitektur, Villa, Arbeitersiedlung, München 1977, S.126
24 Ebenda; Werner: Arbeitersiedlungen (2012), S.36, S.25 f.
25 Buschmann, Arbeitersiedlungsbau (1985), S.38

auf sinnvolle Verkehrswege und Stadthygiene. Landvermesser, Straßenbauer, Wasserbautechniker und Stadthygieniker arbeiten zusammen, seltener auch Architekten und Stadtbaumeister. Ästhetische Gestaltung ist kein Ziel, beziehungsweise wird gerade in Enthaltsamkeit und Zweckdienlichkeit gesehen.26 So bleibt auch der Werkssiedlungsbau Aufgabe von Technikern und Handwerkern, Häuser und städtebauliche Grundrisse sind Ausdruck des „technisch-mathematischen Geistes“27 der Planer. Sie sind schlicht und kubisch. Freistehende Doppelhäuser und Viererhäuser, häufig nach dem Mühlhausener Vorbild, sind nun die beliebtesten Typen. Häufig werden im Zuge des steigenden Wohnungsbedarfs die Bauwiche kleiner, die Geschosszahlen höher.28 Auch siedlungsartige Anlagen mit einer Kombination aus Geschosswohnungsbauten und frei stehenden Mehrfamilienhäusern sind kennzeichnend für diese Phase.29 Als Baumaterial setzt sich der Backstein durch. Im Ruhrgebiet entstehen nun die größeren Kruppschen Backsteinsiedlungen (Abb. 10, 11). Auch im Saarland entstehen trotz ländlicher Siedlungsstruktur und Baulandpreisen deutlich größere, funktional-rational gestaltete Werkshäuser in schematischer Anordnung (Abb. 9, 13).30


Phase IV: 1890 bis 1905 – Romantische Häuschen in malerischen Parkanlagen (Abb. 14 – 18)

Um 1890 entwickeln sich im deutschen Werkssiedlungsbau völlig neue Leitbilder, die in Zusammenhang stehen mit allgemeinen Veränderungen in Städtebau und Gesellschaft. Gefordert wird eine künstlerische Gestaltung, die sich an natürlich gewachsenen Siedlungen und ländlich-traditionellen Bauformen orientiert und freundliche, malerische Eindrücke schafft. Als Vorbilder dienen erneut englische Siedlungen, so Bournville (Abb.31) und Port Sunlight (Abb.32). An deutschen Hochschulen konstituieren sich Lehrstühle für Städtebau, die Diskussionen über dessen künstlerische Grundsätze entfachten. Die Werkssiedlung gewinnt bei Architekten an Bedeutung, da sie als geschlossene Bauaufgabe beste Möglichkeiten zur Verwirklichung der neuen Ideen bietet.31 Die Siedlung wird nicht mehr als beliebig erweiterbares Raster geplant, sondern als in sich geschlossenes Gesamtkonzept.32 Die geometrisch verlaufenden Straßen weichen organisch geschwungenen Wegen,33 Plätze und Achsenbezüge gewinnen an Bedeutung. Bevorzugt werden nun kleine Häuser für ein bis zwei Familien. Vielfältig gegliedert und geschmückt, wirken sie wie verkleinerte Bürgervillen. Holz- und Fachwerkkonstruktionen34, Putz und Ziegelfelder, letztere häufig mit eingemauerten Ornamenten, wechseln sich ab. Gauben, Erker, Türmchen und Lauben sind beliebt. Um die 15 verschiedene Typen sorgen nun häufig für abwechslungsreiche, lebendige Straßenbilder.35 Gärten und ausladende öffentliche Grünflächen komplettieren das romantisch-idyllische Bild.Der für Werkssiedlungen nie zuvor gekannte Gestaltungsaufwand ist mitbegründet in der politischen Situation: Die Stadt mit ihren proletarischen Massen auf engstem Raum wird als Quelle sozialdemokratischer Umsturzgedanken abgelehnt und gefürchtet. Die Rückbesinnung auf ein ländliches, vorindustrielles Leben soll glückliche, gesunde Arbeiter heranziehen, die sich durch Treuepflicht an den fürsorglichen Industriepatriarchen gebunden fühlen. Dabei sollen Volksgeist und Volksgemeinschaft durch Zitate aus traditionell-regionaler Architektur oder der Stile, vor allem der als germanisch verstandenen Gotik, gestärkt werden. Der Heimatstil hält Einzug in den Werkswohnungsbau, er soll den Arbeiter konservativ empfinden lehren.36 In dieser Phase, ab 1995, beginnt der saarländische Bergarbeitersiedlungsbau in nennenswertem Umfang. Auslöser waren Fördermittel aus einem Fünf-Millionen-Fonds des Preußischen Staates für Kleinwohnungsbau.37

26 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.41 f.
27 ebenda: S.41, Zeile 15
28 Bollerey/ Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XI
29 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.38
30 Glaser/Kräuter: Industriesiedlungen (1989), S.46; Alles, Marianne/ Backes, Peter: Werkswohnungen des preußischenBergfiskus und der Mines Domaniales Françaises, hrsg. v. Stadtverband Saarbrücken, Saarbrücken 1985Werkswohnungen(1985), S.49, 75 f.
31 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.46; Bollerey/Hartmann Wohnen im Revier (1975), S.XII
32 Bollerey/Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XII
33 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.46
34 ebenda, S.48, 52

 

 

Phase V: 1900 bis 1920er Jahre – Mehrfach- und Reihenhäuser in klaren, durchgrünten Siedlungsbildern (Abb. 19 – 23)

Nach der Jahrhundertwende gilt weiterhin eine organisch gestaltete Anlage mit großzügiger Durchgrünung als Ideal, doch strebt man im Zusammenhang mit allgemeinen Forderungen nach der Überwindung des Historismus und der Suche nach sachlicheren Formen auch im Arbeitersiedlungsbau ruhigere, klarere Bilder an.38 Der Wert gesunder und angenehmer Wohnverhältnisse rückt gegenüber dem zuvor optisch-repräsentativen Schwerpunkt in den Vorderpunkt. Die Konzeption der Gesamtanlage gewinnt noch weiter an Bedeutung, zusammenhängende Siedlungsbilder mit durchdacht angelegten Straßen- und Platzmustern entstehen. Die Häuser, nun wieder häufiger verputzt, werden gleichsam zu größeren Einheiten zusammengezogen und nach und nach ihres Schmuckes entledigt. Häufig entstehen Kombinationen aus Reihen- und frei stehenden Häusern, die Geschosszahlen steigen wieder. Ursache hierfür war wohl auch die Verknappung des Bodens in der direkten Umgebung der Firmen, die inzwischen von städtischer Bebauung eingekreist worden waren. Der Einfluss des Heimatstils wird von dem des Heimatschutzstils, mit ebenfalls traditionellen, jedoch schlichteren und keinen bestimmten Stil zitierenden Formen, abgelöst.Die Gebäude stehen in nun wieder symmetrischeren und regelmäßigeren Anlagen um Plätze und Innenhöfe gruppiert. Tore oder anderweitig hervorgehobene Eingangssituationen verdeutlichen die Halböffentlichkeit der Innenhöfe.39

35 Bollerey/Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XII
36 Kastorff-Viehmann: Wohnungsbau (1981), S.141 ff., S.151
37 Bausen: Bergarbeiterwohnungsbau (1986), S.58
39 Buschmann, Arbeitersiedlungsbau (1985): S.58, 61

 

Im Zuge der Gartenstadtbewegung um den Engländer Ebenezer Howard nahm die Bedeutung der Werkssiedlung als geschlossene städtebauliche Anlage, in der bereits seit Längerem mit Durchgrünung experimentiert wird, an Bedeutung.40 Ebenso durch die sich weiterentwickelnde Städtebaukultur. Mittlerweile beschäftigen sich bedeutende Architekten der Zeit mit dem Arbeitersiedlungsbau: Theodor Fischer (Abb.21), Peter Behrens (Abb.22), Hermann Muthesius und andere.

 

Phase VI: 1920er bis 1930er Jahre – Renaissance des Wohnblocks41 (Abb. 24 – 28)

In der Nachkriegsphase der 1920er Jahre nimmt der direkte Werkswohnungsbau ab, es wird nach Möglichkeiten des werksgeförderten Wohnungsbaus gesucht. Grund ist einerseits die Abwendung vom Versuch einer Zwangsbefriedung durch Kopplung von Miets- und Arbeitsvertrag. Vor allem aber kann der werksgeförderte Wohnungsbau mit dem Status der Gemeinnützigkeit staatliche Subventionen erhalten.42 Der werksgeförderte Wohnungsbau durch Baugesellschaften und -genossenschaften wird zu einer Übergangsform, die ab Mitte der zwanziger Jahre vielfach in den Sozialen Wohnungsbau der Weimarer Republik mündet.43

Die Arbeitersiedlungen dieser Phase entfernen sich zunehmend vom Gartenstadtideal. Wohnblöcke und Reihenbebauung in geometrischen Anlagen dominieren.44 Die Geschosszahlen steigen auf drei bis fünf, die Häuser werden unter Einfluss der Neuen Sachlichkeit zu den 1930er Jahren hin immer kubischer, wuchtiger und schlichter. Ziegel oder Putz bestimmten die äußere Erscheinung. Die Gebäude sind zunehmend geschlossen um Innenhöfe gruppiert. Nur im ländlichen Gebiet stehen die Häuser als Mehrfamilienhäuser in offener Bauweise, sind dann schlicht-rechteckig und von einem Satteldach gedeckt.

41 Buschmann: Arbeitersiedlungsbau (1985), S.58
42 Spörhase: Wohnungsbau (1956) S.161
43 Neumeyer: Werkwohnungsbau (1977), S.2
44 Bollerey/Hartmann: Wohnen im Revier (1975), S.XIII
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