Indien, Indian Railway

 Armin Schmitt, Februar 2010

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Die Eisenbahn ist mit dem Prozess der Industrialisierung eng verknüpft. Sie ist der Motor der Industrialisierung gewesen, in Europa wie anderswo. Durch sie wurden ökonomisch und strategisch bedeutende Räume erschlossen und die Voraussetzung geschaffen für den Transport von Rohstoffen und Waren aller Art. Mit der Eisenbahn und der Industrialisierung begann im 19. Jh. auch ein neues Zeitalter der Mobilität. Reisen beanspruchte nicht mehr so viel Zeit und war auch nicht mehr so beschwerlich wie in der Ära der Postkutsche.

Die Eisenbahn stand am Beginn eines bis heute ungebrochenen Beschleunigungsprozesses. Inzwischen denkt man darüber nach, wie man in zwanzig oder dreißig Jahren mit raketenähnlichen Flugzeugen in anderthalb Stunden von Frankfurt nach Sydney fliegen kann. Lesend sitzt man in einem Großraumwagen moderner Züge und rast mit über 300 Stundenkilometer durch die Landschaft. Die ersten Dampfloks empfanden die Zeitgenossen oft wie monströse Tiere, von denen man sich in Sicherheit zu bringen hatte. Von Anfang an gab es Bewunderer des neuen "Geschwindigkeitswahns", aber auch Kritiker wie Goethe beispielsweise, der von der „Velofizierung“ des Zeitalters sprach. Heute sind die Kritiker längst verstummt. Die Devise lautet: immer schneller, immer mobiler, immer globaler. Ein modernes Nomadentum, ausgerüstet mit Laptops und Mobilfon, ist längst auf den Flughäfen der Welt unterwegs.

Wie keine andere technische Errungenschaft wurde die dampfende und schnaubende Eisenbahn in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zunächst in England, dann in Belgien, Frankreich und schließlich in den deutschen Ländern zum Symbol des „heraufdämmernden Maschinenzeitalters“ (Goethe). Der enorme Bedarf an Schienen, Zügen und Eisenbahnbrücken trieb die Nachfrage nach Stahl in die Höhe und kurbelte Bergbau, Eisenverhüttung und weiterverarbeitende Industrien an.

Die Eisenbahn folgte auch immer den Pionieren der Landnahme, der Eroberung von Raum, der ökonomischen und strategischen Erschließung neuer Wirtschaftsräume: In Nordamerika folgte die Eisenbahn den Trecks der Weißen nach Westen. Mit der über 6000 Kilometer langen Transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und Wladiwostok wurde Sibirien erschlossen und eine Verbindung über die Mongolei nach China geschaffen. Und China hat in den letzten Jahren durch Bau einer Eisenbahn den Anspruch auf Tibet unterstrichen und einen Prozess der Modernisierung auf Kosten der alten tibetischen Kultur eingeleitet.

In Indien waren es vor allem die Engländer, die dem Subkontinent die neue Technologie brachten und mit Joyeinem umfangreichen Schienennetz die Voraussetzung für die Mobilität der Inder schufen. Wer heute nach Indien kommt, erlebt nicht nur ein farbenfrohes und  hektisch in die Moderne drängendes Land, sondern auch ein Land voller Dynamik und Kontraste, ein Land, in dem die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bisweilen atemberaubende Züge annehmen kann: Unterwegs in einem wohltemperierten gemieteten Taxi auf der Schnellstraße zwischen Dehli und Agra, wo das berühmte Taj Mahal steht, kann man alle möglichen Transport- und      Fortbewegungsarten beobachten: Auf den Köpfen tragen Frauen in rotglühenden und gelbleuchtenden Saris - zu Fuß an den Rändern der Straße unterwegs - schön gebauchte kupferne Gefäße, uralte hölzerne Ochsenkarren rollen vorbei wie schon vor 2000 Jahren auf den staubigen Straßen, auch überfüllte Busse mit offenen Fenstern, kleine dreirädrige Motor-Rikschas, für zwei oder drei Personen vorgesehen, in denen aber mühelos zehn gutgelaunte Inder Platz nehmen, Motorräder mit vierköpfigen Familien inklusive Gepäck, immer wieder auch völlig überladene, aber kunstvoll bepackte Lastwagen, dass selbst Christo entzückt wäre, dazwischen aber auch die schwarzen japanischen oder europäische Limousinen der Reichen und natürlich all die anderen zerbeulten und hupenden Autos, unter die sich mancherorts heiligen Kühe, Schweine und Ziegen, Kamele und Elefanten mischen, denen der Verkehr aber zunehmend auf den Leib rückt.

ReisendeAuch die Eisenbahnen sind überfüllt, wenigstens die einfachen Überlandzüge für die große Masse. Immer wieder begegnet man den bekannten Bildern übervoller indischer Züge. Menschen klammern sich an Waggons fest, versuchen mitsamt Gepäck auf die Waggondächer zu steigen, wo sie nicht nur bei der großen Hitze relativ luftig, sondern vermutlich auch gratis oder wenigstens zum halben Preis reisen können.

Die Eisenbahnära begann in Indien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der erste Zug verließ am 16. 4. 1853 den Victoria Terminus in Bombay, dem heutigen Mumbai. Den heutigen Prunkbahnhof gab es allerdings damals noch nicht, er ist späteren Datums. Inspiriert von Bahnhof St. Pancras in London wurde er in den Jahren 1878 bis 1887 erbaut und ist zusammen mit dem Gatway of India, erbaut zum Gedenken an die Indienreise 1911 von Georg V. und Königin Maria, Kaiser und Kaiserin von Indien, der berühmteste Kolonialbau in Mumbai. Der Bahnhof strahlt noch heute einen pompös-kolonialistischen Flair aus, dem der Reisende sich kaum zu entziehen vermag. Hier anzukommen oder abzureisen ist ein ganz besonderes Erlebnis, denn es wurde nicht gespart an plastischem Beiwerk, vielfarbigen Steinen, bunten Mosaiken, dekorativem Schmiedeeisen und aufwändiger Malerei und Einrichtung. Wie wenige Bahnhofsgebäude erzählt der bizarre Prachtbau vom Repräsentationswillen und Fortschrittsoptimismus der Erbauungszeit und der Prosperität jener Jahre. So verwundert es nicht, wenn in der von einer Kuppel überwölben Empfangshalle eine Allegorie des Fortschritts aufgestellt wurde.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das indische Schienennetz rasch ausgebaut. Den Engländern ging es dabei vor allem um die Organisation eines effizienten Warentransports aus dem Landesinneren zu den großen Häfen, vor allem in den Hafen von Bombay. Von dort wurden die Waren – Luxusartikeln, Gewürze, Tee und was sonst das gierige Europa begehrte – verschifft. Ermöglicht wurde natürlich auch ein bequemeres Reisen durch ein im Sommer glühend heißes und vom Monsun heimgesuchtes Land.

Die indische Eisenbahn ist ein einziger Superlativ: 63 000 Kilometer umfasst inzwischen das HimExpSchienenlabyrinth, mehr als 7000 Loks ziehen täglich etwa 34 000 Personen- und 300 000 Güterwagen durch das Land. Jährlich werden mehr als 1 Million Tonnen Fracht transportiert und täglich 11 Millionen Passagiere - bei 1,2 Milliarden Inder eine nicht sonderlich erstaunliche Zahl. 1,1 Million Eisenbahner beschäftigt die indische Eisenbahn. Die längste Strecke durchmisst den gesamten Subkontinent, reicht von Guwahati im gebirgigen Nordosten bis nach Trivandrum im heißen Süden, eine Strecke von weit über dreitausend Kilometer. Die Eisenbahn ist allgegenwärtig, auch in ländlichen Regionen. Man setzt auf Tradition – viele Züge tragen noch immer die alten wohlklingenden Namen: Himalayan Queen, Pink City Express, Grand Trunk Express. Alte Dampfloks trifft man allerdings selten an. Nur noch an Sonntagen fährt The Fairy Queen, die älteste noch betriebene Dampflokomotive der Welt, von Dehli nach Alwar und zurück. Auch die indische Eisenbahn setzt auf Modernisierung und Beschleunigung: Die Fahrt von Dehli nach Agra, für die man mit dem Auto vier Stunden benötigt, dauert mit dem schnellen Shatabdi Express nur noch etwa zwei Stunden. Das Streckennetz wird immer noch erweitert, jüngst durch die Konkan-Bahn zwischen Mumbai und Mangalore.

 Alle Großstädte sind schnell zu erreichen. Ein komfortabler Expresszug verkehrt auch zwischen Dehli und Jaipur in Rajasthan. Mit dem Zug zu reisen ist wesentlich angenehmer als mit dem Bus auf oft verstopften Straßen und im ewigen Lärm. Auf jedem größeren Auto lädt die Aufschrift Horn please zum Hubkonzert ein. Jeder will jeden aus Sicherheitsgründen auf sich aufmerksam machen, gefahren wird Stoßstange an Stoßstange. Manchmal erinnert der Autoverkehr an den Autoscooter unserer Kirmesplätze. Im Zug sitzt man klimatisiert und hat ausreichend Platz zur Verfügung. An der Waggondecke angebrachte Ventilatoren könnten im Notfall die Klimaanlage ersetzen. Wie im Flugzeug reicht ein Schaffner kurz nach der Abfahrt Zeitungen, Sandwichs und trinkbares Wasser. Der Reisende ist bestens versorgt, besser als die vielen Menschen, die in den überfüllten Zügen auf den Nachbargleisen um einen Platz kämpfen. Der Reisende 1. Klasse döst vor sich hin, während vor den Fenstern die ärmlichen urbanen Ausläufer Dehlis vorbeiziehen und eine weite Landschaft beginnt, in der die Dörfer immer kleiner und seltener werden, das Grün sich immer mehr zurücknimmt und sich im sandigen Boden die noch weit entfernte Wüste Thar im Westen Rajasthans ankündigt. Das bequeme Reisen wird in Jaipur ein jähes Ende haben: Hier bleibt der Reisende mit dem Taxi, das ihn ins Hotel bringen soll, gewöhnlich in einem hupenden und stinkendem Verkehrschaos stecken. Da hilft nur noch ein beherztes Einschreiten einer Mitreisenden, die den Verkehr zu regeln versucht.

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EBB und Titelgrafik: Christoph M Frisch

 

 

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