Kasachstan, Karaganda



AUFSTIEG  UND  FALL

DER STADT KARAGANDA

von Armin Schmitt

Banner_Karaganda

In Karaganda wurde ein dunkles Kapitel der Industriegeschichte geschrieben. Die Bergbaustadt in der Steppe Kasachstans war die größte Provinzhauptstadt im Archipel Gulag. Auch wenn die kasachischen Nomaden diese Region Sari Arka nannten, Goldene Steppe, so ist das Leben hier bei 50 °C Hitze im Sommer und 50° Kälte im Winter fast nicht zu ertragen. Deshalb begann die dunkle Geschichte Karagandas erst vor einem Menschenalter im Jahre 1931. Zwar hatte schon 1833 ein Hirtenjunge Kohle gefunden, doch erst die Geologen Lenins vermaßen die hier lagernden Kohleflöze und schätzten die Lagerstätten auf vier Milliarden Tonnen, genug, um den Kohleabbau im großen Maßstab zu organisieren.

1931 wurde der systematische Abbau in Angriff genommen, die Bergbauansiedlung erhielt einen Eisenbahnanschluss, war von Almaty oder dem sibirischen Omsk aus erreichbar. In der  Stadtgeschichte „Die Stadt des Sonnensterns“ wurde der kommunistische Gründungsmythos formuliert: „Die Avantgarde waren natürlich die Kommunisten und Komsomolzen. Das ganze Land hat geholfen aufzubauen. Dank unserem weisen Lenin, ist die zurückgebliebene Provinz des zaristischen Russlands zu einer modernen Industriestadt geworden“.

Karag_Arbeiter_GulagIn Wirklichkeit vollzog sich die Gründung der Stadt unter fast unglaublichen Umständen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Vertreibung, der Ausbeutung, des Todes. Die ersten Siedler waren Kulaken aus dem Westen Russlands, Bauern, die im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft mit Zwang umgesiedelt wurden, und Deutsche aus dem Wolgagebiet. Eine städtische Infrastruktur gab es nicht, auch keine Häuser. Die Menschen wurden aus dem Zügen ausgespuckt und mussten zusehen, wie sie zurechtkamen.

Die Lebensbedingungen in den ersten Jahren waren furchtbar. Bei eisiger Kälte hausten die Menschen in Erhöhlen, Jurten und Hütten. Augenzeugen berichteten, dass die Menschen zwischen ihren Erdhöhlen und den Arbeitsplätzen Drähte spannten, um in den Schneestürmen und Schneeverwehungen nicht verloren zu gehen. Mit bloßen Händen oder primitiven Werkzeugen wurde die Kohle abgebaut, zunächst im Tagebau, später in Stollen. Dort, wo die Stollen nach dem Kohleabbau sich überlassen blieben, senkte sich der Boden mitsamt den provisorischen Siedlungen ab, so dass in den Senkungen kleine Seen entstanden. Karaganda war eine „wandernden Stadt“. Die Siedlungen wurden in der Nähe der Schächte neu errichtet. 1934, nur drei Jahre nach der Gründung, hatte die Stadt schon über 125 000 Einwohner. Im Zuge der Karag_Schachtstalinistischen Säuberungen wurde die städtische Intelligenzija aus dem europäischen Russland, aber auch italienische, deutsche und spanischen Kommunisten, die Opfer Stalins geworden waren, hierher deportiert. 1937 ließ Stalin die koreanische Minderheit bei Wladiwostok festsetzen und nach Karaganda umsiedeln. Während und nach dem zweiten Weltkrieg brachte man 100 000 Gefangene mit Zügen in diese unwirkliche Stadt: Finnen und Deutsche und nach 1945 auch Japaner, deutsche Zivilisten aus dem Wolgagebiet, politisch Verdächtige aus der Ukraine, dem Kaukasus, Polen. Ein Augenzeuge aus dieser Zeit war Wolfgang Leonhard, der 1955 in seinem legendären Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ sein Leben dort schildert. Im September 1941 wurde er von Moskau nach Kasachstan deportiert. Es gelang ihm, sich nach Karaganda abzusetzen, wo er durch Vermittlung Walter Ulbrichts am dortigen Lehrerinstitut 10 Monate studieren konnte. Obwohl privilegiert, ist sein Bericht erschreckend: „So etwas Trostloses war mir bis dahin noch nicht begegnet. Unwillkürlich erinnerte ich mich an die Schilderungen von Jack London über die improvisierten Siedlungen der Goldgräber zur Zeit des Goldrausches.“ Karaganda war in dieser Zeit keine normale Stadt, sondern ein riesiges Lagersystem, in dem die Deutschen wohl die größte Gruppe bildeten. Einigermaßen „normal“ war Karaganda erst in den 70er Jahren, als die Stadt mit 700 000 Einwohnern aus einer wilden Ansammlung von Plattenbauten, Holzhäusern, Fördertürmen, Schornsteinen, einigen Hight-Tech-Fabriken bestand und Konsumgüter, Lunapark und ein bescheidenes kulturelle Leben zu bieten hatte. Einige repräsentative Gebäude waren entstanden, ein breiter Boulevard, ein Hotel, ein Kulturpalast, Schwimmbad und Zirkus und natürlich langweilige Parteigebäude und sozialistische Denkmäler aus Beton.


Karaganda_


Ende der 80er Jahr begann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Abstieg der Bergbaustadt und die Erosion der Bevölkerung. Wer konnte, verließ die Stadt, ging nach Polen, Russland, ins Baltikum. Allein hundertausend Deutsche siedelten in die Bundesrepublik um. Doch nicht nur die „Flucht“ der Einwohner führte zum Niedergang, sondern auch die Tatsache, dass Kasachstan am Kaspischen Meer Erdölfunde gemacht hatte. Kohle aus Karaganda wurde nicht mehr benötigt. Ein dunkles Kapitel der Industriegeschichte findet allmählich ein Ende. Die schwarze Stadt entwickelt sich zurück zu einem großen Dorf. Von den 36 Kohleschächten fördern nur noch wenige mit halber Kraft. Nachdem Karaganda für viele Menschen Tod und Elend bedeutet hat, liegt die Stadt selbst im Sterben und blutet aus. 

Bei allem Elend, Entbehrung und Tod gab es immer wieder kleine Wunder und Zeichen der Hoffnung: Japanische Kriegsgefangene bauten ein entzückendes hölzernes Sommertheater. Die Alalikins, ein Ärztepaar, kamen schon 1930 mit Kamelen, die ihre Ausrüstung, Medikamente und Instrumente trugen, und gründeten ein Krankenhaus. Inmitten der Steppe entstand ein großer Botanischer Garten mit Birkenallee, Rosen, Lilien, Obstbäumen, einer Orangerie, in der Palmen wuchsen. Fast 20 000 verschiedene Pflanzenarten wurden akklimatisiert. Auch in der größten Menschenverachtung hatte das Schöne einen Platz.

Literatur:

Ulla Lachauer: Opfer, Täter, Tote in jeder Familie, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juli 2001, Nr. 171
Wolfgang Leonhard
, Die Revolution entlässt ihre Kinder, 1955.
______________________________________________________________________________________________
EBB und Titelgrafik: Christoph M Frisch 2010

made with love from Joomla.it