Bhutan, Gyalpo

Der Kettenbrückenbauer Thangtong Gyalpo (1361-1464/1485)

von Armin Schmitt, Juni 2011

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Technische Meisterstücke

Die berühmte 202 Meter lange Kettenbrücke in Budapest (1840-1849), die Brücke im brasilianischen Florianopolis (1926), die Krimskibrücke in Moskau über die Mosqua (1938), die Golden Gate Bridge in San Franzisco (1933-1937), die Hängebrücke über den Großen Belt zwischen Fehmarn und Seeland mit einer Spannweite von 1624 Meter (1998) und viele andere Brückenbauwerke sind inspiriert von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, die im 14. Jahrhundert in Tibet geboren wurde: Thangtong Gyalpo (1361-1464/1485).

Thangtong Gyalpo

3Thangtong Gyalpo war ein buddhistischer Heiliger, der noch heute in Bhutan als Philosoph, Dichter, Exorzist, Lehrer, Architekt, Ingenieur, Maler, Bildhauer, Arzt und Kettenbrückenbauer populär ist. 124 Jahre alt soll er geworden sein. Seine Geburt ist wie die vieler außergewöhnlicher Menschen durch Geschichten in legendäres Dunkel entrückt: Thangtong Gyalpo verzichtete zunächst darauf, geboren zu werden, weil er die Misshelligkeiten der Welt aus seinen vielen Vorleben kannte und der Mutter bei der Geburt keine Schmerzen bereiten wollte. 60 Jahre hielt er sich in meditativer Haltung im Mutterleib auf, bevor er sich schließlich doch entschloss, die Welt zu betreten, übrigens gleich im reifen Alter von 60 Jahren, mit weißem Haar und schon weise, sodass er sofort sein Lebenswerk beginnen konnte. Dargestellt wird er in Tibet und Bhutan deshalb oft als dickbäuchiger alter Mann im Lotussitz, mit mächtigem Bart und das wallende weiße Haupthaar zu einem Knoten gebunden. Noch heute wird er als Garant eines „Langen Lebens“ angerufen, im Jokhang von Lhasa und in den Klöstern Bhutans, wo der alte, von Tibet geprägte Buddhismus weiterlebt.

Auf seinem Weg nach Bhutan hat der Heilige
– wie viele andere vor ihm und nach
  ihm – im
Tempel von Taktsang hoch über dem Parotal
meditiert.

Zu seinen bleibenden Leistungen zählen in Tibet und Bhutan die zahlreichen Klostergründungen, Eisenbrücken und Tschörten. Auch die Tibetische Oper und das Ritual des Steinbrechens auf dem Leib eines Menschen gehen auf ihn zurück. Thangtong Gyalpo war zeitlebens unterwegs, wirkte vor allem in Tibet und Bhutan, bereiste die Nachbarländer Indien, Kaschmir, Ladakh, die Mongolei und China. Der Dalai Lama bezeichnete ihn als den berühmtesten der „Vollendeten Weisen“.

 

Der Brückenbauer

In Bhutan ist er noch besonders lebendig. In der Hauptstadt Thimphu lebt und wirkt heute die 12. Inkarnation von Thangtong Gyalpo. Wie vor ihm Guru Rinpoche und Milarepa hat er in den Klosterhöhlen des Taktsang-Klosters in luftiger Höhe über dem Parotal meditiert. Das tibetische Sing- und Tanzspiel hat Gyalpo wahrscheinlich entwickelt, um Geld für seine Brücken und Klosterbauten zu sammeln. Auch das Ritual des Steinebrechens, das noch heute im Himalaya von Schamanen praktiziert wird, findet unter Anrufung seines Namens statt. Im Laufe dieses Ritual wird von einem Schamanen, der sich in Trance getanzt hat, ein Dämon in einen etwa 200 Kilogramm schweren Stein gebannt. Dieser Stein wird schließlich auf die Brust eines ebenfalls in Trance befindlichen „Assistenten“ gelegt und anschließend zertrümmert. Dadurch wird der Dämon endgültig vernichtet. Die Zeremonie geht auf einen Exorzismus Thangtong Gyalpos in Lhasa zurück, die Bannung des Dämonen Rahula.

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links: Im kleinen Dorf Rinchending, im Tal des oberen Yarlung Tsangpo, wurde Thangtong  Gyalpo 1385 geboren.
rechts: Die Kettenbrücke bei Chung Riwoche über den Yarlung Tsangpo, über die u. a. Heinrich Harrer auf seiner Flucht von
Indien nach Lhasa in Tibet ging.

Als Schmied kommt Thangtong Gyalpo eine besondere Rolle zu: In Bhutan gibt es Eisenerzvorkommen in Chakor La bei Geynekha in Thimphu und Barshong bei Khaling in Tashigang. Bis 1950 zahlten die Leute hier ihre Steuern mit Roheisen. Das Roheisen wurde wie in Tibet und China nicht in Hochöfen gewonnen, sondern in kleineren Schmelzhöfen einzelner Haushalte.

Die Gewinnung von Eisen hatte in Zentralasien eine lange Tradition, denn schon 1200 v. Chr. war die Eisengewinnung bekannt. Thangtong Gyalpo konnte also auf ein reiches Wissen zurückgreifen. Seine eigentliche Leistung lag auf der Eisenbearbeitung und dem Bau der Kettenbrücken, die Jahrhunderte später auch den Brückbau der westlichen Welt beeinflussen sollten. Durch ständiges Schmieden, Erhitzen und neues Schmieden wurde der Stahl zu länglichen Rechteckstäben geformt, deren Enden durch ein heute nicht mehr bekanntes Feuerschweißverfahren unter Beimischung von Arsenik verbunden wurden, so dass sie den enormen Zugkräften standhielten. Thangtong Gyalpo und seinen Schmieden gelang es in Experimenten einen Stahl zu erzeugen, der noch Jahrhunderte später keinerlei Rost angesetzt hatte. Die stabilen Kettenglieder erlaubten ihm Brücken mit weit über 100 Meter Spannweite zu konstruieren, wovon die Europäer nur träumen konnten. Gyalpo wurde durch diese Leistungen zu einem Pionier des Brückenbaus.

 

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 Teil der Kettenbrücke von Phuntsholing in Tibet mit einem Flusspfeiler.

Erhaltene Kettenbrücken im Himalaya

108 dieser Kettenbrücken, so heißt es, soll er in Bhutan und in Tibet errichtet haben. Einige von ihnen erfüllen noch heute ihre Funktion. Ohne Reparaturen, ohne Pflege und ohne Korrosion haben sie die Zeit überdauert: Zwei Konstruktionstypen werden unterschieden: Der erste Brücketyp besteht aus zwei parallel gespannten Ketten, zwischen denen an Seilen aus geflochtenen Weidengerten oder Yakhaut die Brückenbahn (Gehbelag) aufgehängt wird. Oft bestand der Belag nur aus Bambusmatten. Der zweite Brückentyp besteht aus mehreren nebeneinander gespannten Ketten und zwei seitlich höher angeordneten Geländerketten. Vermutlich handelt es sich bei diesen Kettentypen um Erweiterungen der ursprünglichen von Thangtong Gyalpo mit zwei oder drei Ketten. Schwindelfrei musste man schon sein, denn eine solche Brücke zu überqueren, war eine abenteuerliche Angelegenheit, denn die Brücken schwanken sehr stark. Reisende aus Europa waren tief beeindruckt von diesen Brückenkonstruktionen. Johannes Grueber benutze sie, als er zwischen 1656-1664 als Kundschafter des Papstes nach China reiste ( Johannes Grueber, Als Kundschafter des Papstes nach China 1656-1664, hrsg. von Franz Braumann, Darmstadt 1985).1856 schrieb Pater Huc: „Eisenketten sind ebenfalls viel in Gebrauch, besonders in den Provinzen U und Tsang. Um diese zu bauen, werden so viele eiserne Anker an beiden Seiten des Flusses angebracht, so viel man Ketten hat. Dann werden die Ketten gespannt, auf den Ketten werden Planken befestigt, welche teilweise mit einer Erdlage bedeckt sind. Da diese Brücken besonders beweglich sind, sind sie mit Geländern ausgestattet.“ ( M. Huc, Travels in Tartary, Thibet and China, London 1856, 573f., zitiert in Gerner, 64).

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links:  Kettenglied der Brücke von Phuntsholing. Deutlich sichtbar sind der blanke, nicht gerostete Stahl und die Schmiedespuren
rechts: Die von Chinesen so aufgerüstete Kettenbrücke bei Panding, dass auch Jeeps darüber
fahren können. 

 

Thangtong Gyalpo war ein „spiritueller und praktischer Brückenbauer“ (Gerner, 106). Es ging ihm nicht nur um die Optimierung der Handelswege, sondern auch um Brücken zwischen Menschen und die Erschließung von Zugangswegen zu wichtigen Pilgerstätten und buddhistischen Klöstern. Sein Onkel und Lehrer Lama Dragzang hatte ihn in die Lehren des Avalokiteshvara, eines Bodhisattvas, eingeführt. Eine der Haupttriebkräfte seines Wirkens war seither das Bodhisattvagelöbnis, allen fühlenden Wesen nach Kräften zu helfen. Auch in den Brückenkonstruktionen wird dieses Ziel greifbar, dienten die Brücken doch in erster Linie dazu, das beschwerliche Leben der Menschen im Himalaya zu erleichtern.

Die persönlichen Leistungen Gyalpos beim Brückenbau waren unterschiedlicher Art. Sicher ist, dass er das Gewinnen und Schmieden aufs höchste Niveau führte. Er kam viel herum, profitierte wohl auch von der Handwerkskunst lokaler Schmiede. Viele Brücken hat er nur geplant, bisweilen legte er aber auch beim Brückenbau selbst Hand an, beispielsweise bei Baubeginn oder in besonders schwierigen Bauphasen. Andere Brücken hat er nur konzipiert und die Realisierung lokalen Schmieden oder einem seiner Söhne überlassen.

4Von den legendären 108 Brücken – weniger eine realistische als vielmehr magische Zahl – konnten bisher im chinesischen, tibetischen und bhutanesischen und nepalesischen Himalaya einige - ganz oder teilweise erhalten - als Schöpfungen Thantong Gyalpo identifiziert werden. In Tibet sind es Chung Riwoche Chakzam, Phuntsholing Chakzam, Rinchen Chakzam, Toling Chakzam, Riwoche Chakzam, Paning Chakzam. In Bhutan sind drei Kettenbrücken ganz oder in Teilen noch vorhanden: Tachog Chakzam, Dangme Chakzam, Khoma Chakzam. An vier anderen Orten sind nur noch Ketten, Kettenreste oder Auflager vorhanden. Drei weitere Ketten sind in historischer oder aktuellerer Literatur beschrieben. Auch in China gibt es noch einige Kettenbrücken, die von Thangtong Gyalpo Kettenbrücken inspiriert sind, beispielsweise die Brücke von Luding auf dem Weg von China nach Tibet, die 1701 gebaut wurde.

links: 
Der Kumbum Chung Riwoche aus der Mitte des 15. Jahrhunderts
          mit über 70
  Kapellen in 9 Stockwerken ist Thangtong Gyalpos
          Meisterwerk.



Wissenstransfer durch die Jesuiten

Das Wissen von Kettenbrücken im Himalaya kam mit frühen Reisen nach Europa. Eine wichtige Rolle hinsichtlich des Wissenstransfers spielte Athanasius Kirchner (1602-1680) – Professor für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegium Romanum in Rom. Über seinen Schreibtisch gingen die frühen Berichte jesuitischer Missionare in Asien, die auf dem Weg nach China den Himalaya durchquerten. Er sammelte das Wissen und publizierte es in „China monumentis qua sacris qua profanis nec non variis natural et artis spectaculis, aliacumque rerum memorabilium argumentis illustrata“ (1667 in Amsterdam erschienen). In dieser Publikation 2wurden auch den Brücken Aufmerksamkeit geschenkt. Informationen und Skizzen stammten von den Jesuiten Pater Matteo Ricci und Pater Adam Schall von Bell und von Johannes Grueber, der 1656-1664 nach China reiste und auf dem Rückweg den Landweg von Peking über Kathmandu nach Indien nahm und damit wohl als einer der ersten Europäer Tibet durchquerte. Kirchners monumentale Schrift fand in Europa weite Verbreitung und damit auch das Wissen über die eisernen Brücken in China und Tibet. 1800 erschien dann in London Samuel Turners Werk “An Account of an Embassy to the court of the Teshoo Lama in Tibet, containing a narrative of a journey through Bootan and a part of Tibet”. Turner war 1783 im Auftrag der Ostindischen Gesellschaft nach Tashi Lhünpo gereist und hatte dabei auch Bhutan durchquert. Er lieferte in seiner Publikation auch eine Beschreibung nebst Illustration einer Kettenbrücke, der Thangthong Gyalpo zugeschriebenen Brücke bei Chuka. Mit dieser Veröffentlichung begann der „ungeahnte Siegeszug der Hängebrücken“ (Gerner) weltweit.

oben: Thangtong Gyalpo als überlebensgroße
          Statue in seinem Tempel am Chakpori in
 
          Lhasa.

 

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Wir danken Prof. Manfred Gerner für die Überlassung des Bildmaterials.
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 Der Artikel basiert auf folgender Publikation:

Manfred Gerner, Chakzampa Thangtong Gyalpo, Fulda 2010. Das Motto dieser Publikation ist ein bhutanesisches Sprichwort:

Beschwichtige die Geister, bevor sie feindlich werden.
Baue eine Brücke, bevor der Fluss anschwillt
.

 Der Band hat die ISBN Nr.: 978-3-00-031456-8 und ist zu beziehen über:

Aree Greul Buchversand/Antiquariat
Am Goldsteinpark 28
D-60529 Frankfurt/Main
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oder beim Autor

Prof. Dipl. Ing. Manfred Gerner
Propstei Johannesberg
36041 Fulda
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Copyright der Bilder dieses Artikels: Prof. Dipl. Ing. Manfred Gerner, © 2011
Bildbearbeitung und Titelgrafik für die IKA: Christoph M Frisch,
© 2011

 

 

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