Estland, Jägala Juga,

AUF DEN SPUREN TARKOWSKIJS
                  Benedikt Maria Trappen  Pärnu/ Estland, 2012

Banner

An einem Abend des Jahres 1986 machte ich spät den selten benutzten kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher meines Saarbrücker Studentenzimmers in der Mainzer Straße an und schaltete vom ersten über das zweite ins dritte Programm (so einfach war die Fernsehwelt damals noch...). Die  über den Schirm flimmernden Bilder, Geräusche, Musik und Dialoge fesselten sofort meine Aufmerksamkeit und ich schaute den ungewöhnlichen Film gebannt zu Ende. Es war "Stalker". Von dem Regisseur - Andrej Tarkowskij - hatte ich nie zuvor gehört. Kurze Zeit später kam "Opfer" in die Kinos und Tarkowskij starb wenig später in Paris.  Die früheren Filme Tarkowskijs konnte ich erst nach und nach  sehen. "Die versiegelte Zeit" wurde zu einem großen Leseabenteuer und die Lektüre seiner Tagebücher ergreift und erschüttert noch heute.  Dass der estnische Komponist Arvo Pärt dem genialen Regisseur "Arbos" widmete, unterstreicht den künstlerischen Rang Tarkowskijs.

 
Im Sommer 2004 reiste ich erstmals nach Estland, dessen Landschaften, Atmosphäre, Architektur und Menschen mich tief ansprechen und inspirieren. Aber erst in diesem Jahr machten wir uns auf die Suche nach den  Spuren Tarkowskijs.  In der Nähe eines beeindruckenden Wasserfalls bei Tallinn - Jägala juga - finden sich zwei der Orte, an denen Tarkowski 1976 "Stalker" gedreht hat.  Ein hoher Zaun umgibt das abgelegene  Gelände, auf dem Foto25_Sheute ein Wasserkraftwerk steht. Hätte meine Frau nicht versucht, eine geschlossene Tür im Zaun zu öffnen, wären wir nicht auf das Gelände gelangt. Die überall angebrachten Videokameras machten uns schnell klar, dass wir hier besser nicht sein sollten. Zwei bald entschlossen auf uns zueilende Männer machten uns darauf aufmerksam, dass wir uns in einer Sicherheitszone befänden, in der wir uns weder aufhalten, noch  foto- grafieren dürfen.  Meine Frau antwortete arglos auf Estnisch, dass wir durch eine unverschlossene Tür Zugang gefunden hätten und ein Verbotsschild nirgends zu sehen war. Was wir hier wollten?  lautete die nächste Frage des immer noch sehr skeptischen, russisch sprechenden Mannes. Dass wir auf den Spuren Tarkowskijs unterwegs seien, änderte  Ton und  Verhalten des Mannes sofort. Es seien hier öfter Diebe unterwegs, sagte er, seinen Argwohn ent- schuldigend, die mitnehmen würden, was nicht angebunden sei.
 
 

Es  folgte  eine Reihe von Erklärungen zu den Dreh- arbeiten damals und der Hinweis auf einen weiteren Drehort in der Nähe. Ob wir, unterbrach ihn meine Frau, die Gunst des Augenblicks ahnend, da wir schon einmal hier seien, nicht auch in das Gebäude schauen könnten?  Unverzüglich setzten die beiden sich in Bewegung, das Tor des Gebäudes wurde geöffnet, ein LWK rausgefahren und wir durften uns in Ruhe umsehen und fotografieren... Auf der angrenzenden Wiese außerhalb der Umzäunung  haben Fans einen Geocache "Andrej Tarkowski" versteckt, den wir nach der überraschenden  Begegnung mit zwei Schlangen, auch fanden. Am Flussufer entdeckten wir einen kleinen länglichen Gegenstand, der einer Angel als Schwimmer dienen könnte, auf dem  mit  roter Farbe die Buchstaben "AT" geschriebenen sind. Für uns, scheint es, sind  an diesem Tag in der Zone einige Wünsche sofort in Erfüllung gegangen. Nun sind wir gespannt, wie das Leben  weitergeht...
 
Stil_Stalk

                           Still aus Stalker von Andrej Tarkowskij
 
 
 
 
Zur Galerie (bitte auf ein Bild klicken).
 
  
____________________________________________________________________________________________________
 

 

E S T L A N D
 SINFONIE  DES  LEBENS
                                                                       Benedikt Maria    von Benedikt Maria Trappen, 2012

Estl_Banner3

 

 













Estland war Jahrhunderte dem Einfluss und der Macht anderer Länder unterworfen. Die 1918 endlich gefeierte Unabhängigkeit währte nur 22 Jahre. Der Einverleibung des Landes durch die Sowjetunion, die 50 Jahre andauerte und 1991 mit der "singenden Revolution" weitgehend friedlich beendet wurde, folgte die Besetzung des Landes durch die Deutschen 1941, die das Land friedlich fünf Jahrhunderte geprägt hatten. Auch, wenn das Verhältnis vieler Esten zu der nach Jahrzehnten oft immer noch nicht assimilierten russisch sprechenden Minderheit nicht unproblematisch ist, ist das Land von einem undramatischen und gelassenen Neben- , Mit- und Gegeneinander zahlreicher Gegensätze geprägt, deren Notwendigkeit für die Faktizität des Lebensspiels intuitiv geahnt und akzeptiert wird.

Traditionelle Märkte existieren neben Supermärkten, Holzhäuser neben modernen Stein- und Glasbauten, digitale Welten neben archaischen, moderne Medizin neben Naturheilkunde und schamanischem Können, verfallende Gehöfte und Fabriken neben modernen Industrieanlagen, Handwerk und Folklore neben Massenwaren und Massenkultur, unbefestigte Wege neben mehrspurigen Fahrbahnen, Reichtum und Luxus neben Kargheit und Armut, Junge neben Alten, Gesunde neben Behinderten und Kranken.

Wenn das Leben ein Traum ist, ein Spiel, Theater, ist es nicht mehr so entscheidend, welche Rolle man spielt. Was wirklich zählt, sind nicht die Attribute der Rolle, sondern die Qualitäten der Schauspieler. Der größtmögliche Fehler ist nichts, was man in seiner Rolle tut oder lässt, sondern nicht zu wissen oder zu vergessen, dass man spielt. Niemand ist, was er zu sein scheint. Und alle sind im Grunde dasselbe: Menschen, wie unzählige vor uns waren und nach uns sein werden. In der Stille und Weite der Wälder Estlands, den Städten und Dörfern pulst das Leben, dessen Harmonien und Disharmonien in gleicher Weise beitragen zur Fülle und Schönheit der Sinfonie des Lebens.

_________________________________________________________________________________

 

MUHU UND SAAREMAA
INSELN ESTLANDS IM STROM DER ZEIT

von Benedikt Maria Trappen, 2012

 

Est_Insell_Ban

 

 












Wechselt
man vom Festland auf die Inseln Estlands, verändert sich die Atmosphäre noch einmal sichtbar und spürbar. Seit Jahrtausenden brandet das Meer an die teils flachen sandigen, steinigen oder schilfbewachsenen , teils felsigen steilen Küsten, liegen Findlinge nahezu unverändert und unberührt vom Lauf der Zeit in Wäldern, Wiesen und an Stränden. Häuser und Gehöfte aus Holz oder Steinen, reetgedeckt oder mit Dächern aus Blech, oft bemoost und bewachsen, umgeben von schräg gebauten Zäunen aus Holz oder aus Steinen aufgehäuften Mauern und den typischen Brunnen, liegen inmitten der wildwüchsigen weiten Landschaft. Altes Gerät aus Holz oder Eisen steht neben nicht mehr benutzten Booten und sorgsam gestapeltem Brennholz. Windmühlen, selten noch benutzt, oft schon verfallen, gehören ebenso zum Bild wie die knorrigen kleinwüchsigen Wacholderbäume mit ihrem herben Harzgeruch, mit deren Holz seit Jahrhunderten Fisch und Käse geräuchert werden. Im Sommer wachsen Gräser und Schilf hoch zwischen den in allen Formen und Größen umherliegenden Steinen, unbefestigten Wegen, Pfosten und Zäunen, Blumen blühen in leuchtenden Farben, wilde Erdbeeren leuchten rot aus dem dichten feuchten Grün und aromatische Beeren hängen gelb und blau an bodennahen Sträuchern.  Immer wieder stößt man auf einst Bewohntes und Benutztes, das längst verlassen steht und verfällt: Häuser, Höfe, Scheunen, auch Kirchen. Friedhöfe reichen, nur durch aus unbehauenen Steinen aufeinander geschichtete niedrige Mauern abgegrenzt, an die  Wege der Lebenden.  

Zeit hat sich hier angehäuft, sichtbar und spürbar. Und wie Balsam sickert heilsam in die Seele ein beruhigender kühler Strom, der auslöscht, was einen vor kurzem noch beunruhigt und mit Sorge erfüllt hat. Staunend stellt man fest, wie schnell und gründlich die Natur sich das Verlorene zurück erobert. Tiefer Friede ruht auf allem, ein gelassenes Einverstanden Sein mit dem Gang des Tages, der Jahreszeiten, Jahrhunderte und Jahrtausende. Ein Tag vergeht wie ein ganzes Leben: eine Folge von Grundzeiten, die das Alltägliche durchstimmen und tragen. Dankbarkeit erfüllt den Menschen, der, befreit von der Unruhe des allzu Vielen, mit seinen wesentlichen Bedürfnissen übereinstimmt, in deren täglicher Erfüllung er Freude und Zufriedenheit findet.

Freilich ist der Sommer hier kurz. Bald werden die Tage wieder kürzer. Wind und Regen, Schnee, Eis und die lange Dunkelheit verlangsamen im Winter das Leben bis zum Stillstand. Wer jetzt noch hier ist, muss in sich bewahren, wovon er zehrt und mit sich allein sein können. Wer das Leben hier aber einmal gespürt hat, nimmt etwas Unverlierbares mit, wenn er zurückkehrt in die Geschäftigkeit und Zeitlosigkeit des – wohin nur? – fortgeschrittenen modernen Lebens.

 

_________________________________________________________________________________

Alle Bilder dieses Artikels incl. Galeriemodul, sofern nicht anders vermerkt Copyright by Benedikt M Trappen © 2012
Bildbearbeitung Christoph M Frisch 2012

made with love from Joomla.it