Die 13 Handwerke in Bhutan

Zori-chu-sum: Die dreizehn traditionellen Handwerke in Bhutan


Einleitung

Bhutan ist ein kleiner Himalayastaat, im Süden begrenzt von Indien, im Norden vom chinesisch besetzten Tibet. Er hat Anteil an subtropischen Zonen im Süden und Hochgebirgszonen im Norden. Das Land in der Größe der Schweiz wird von ca. 700 000 Einwohner bewohnt.

Verfassungsrechtlich ist er seit 2008 eine demokratisch-konstitutionelle Monarchie. Schwerindustrie gibt es so gut wie keine, Energie wird durch das Ausnutzen von Wasserkraft gewonnen. Haupterwerbsquelle ist nach wie vor die Landwirtschaft, moderat entwickelt sich auch der Tourismus. In den letzten Jahren hat sich das bis in die 60er Jahre weitgehend isolierte Bhutan verstärkt geöffnet. Von einer quer durchs Land, entlang der Himalayakette verlaufenden Hochgebirgsstraße, mit indischer Hilfe erbaut, wird das Land nach und nach infrastrukturell erschlossen. Ein behutsamer Modernisierungsprozess wurde in den letzten Jahren in vielen Bereichen eingeleitet, wobei ein Mittelweg zwischen östlichen und westlichen Errungenschaften verfolgt wird: Aus der autokratischen wurde eine konstitutionelle Monarchie, die Elektrifizierung auch schwer zugänglicher Landesteile wurde vorangetrieben, die Bildung und medizinische Versorgung verbessert. Auch auf diesem Sektor zeigt sich exemplarisch das konzeptionelle Vorgehen: Neben den eher schulmedizinischen Krankenhäusern nach westlichem Vorbild werden im traditionellen Stil auch Krankenhäuser errichtet, in der die herkömmliche, auf der Wirkung von Kräutern und Erfahrung beruhenden Medizin praktiziert wird. Das Entscheidende: Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um Kooperation.

Für Aufsehen hat Bhutan gesorgt, als in der neuen Verfassung an zentraler Stelle der Begriff Bruttosozialprodukt durch Bruttonationalglück (Cross National Happiness: 1. Förderung einer sozial gerechten Gesellschaft- und Wirtschaftsentwicklung, 2. Bewahrung und Förderung der kulturellen Werte, 3. Schutz der Umwelt, 4. gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen) ersetzt wurde. Vereinfacht formuliert ist damit gemeint, dass politisches Handeln immer auf die Verbesserung der Zufriedenheit und des Glücks der Bewohner ausgerichtet sein muss. Dabei handelt es sich nicht um ein Lippenbekenntnis, sondern um eine inzwischen durch viele Indikatoren klar definierte Handlungsmaxime, die auch einer Evaluation standhalten muss. Bhutan ist mittlerweile auch bei der UNO vorstellig geworden, um dieses Konzept weltweit als Handlungsprinzip in die Diskussion zu bringen.

Kulturell ist Bhutan fast ausschließlich von einem lamaistischen Buddhismus tibetischer Provenienz geprägt, gehört also zum tibetischen Kulturkreis. Vorherrschend sind die Drupka- und Nyingmapa-Schule, zwei Varianten des Vajrayana-Buddhismus (Bezeichnung für den tibetischen Buddhismus, drittes Fahrzeug des Buddhismus). Missioniert wurde Bhutan im 8. Jahrhundert durch Mönche aus dem Tibet. Eindrucksvolles Zeugnis ist das auf 3000 Meter Höhe in der Wand hängende Kloster Taktsang, bekannt auch als „Tigernest“. Es wird erzählt, hier habe Padmasambhava, der Lotusgeborene und Überbringer des Buddhismus, meditiert. Eine Tigerin, auf deren Rücken er diesen Ort erreicht habe, hätte hier nach einen riesigen Sprung durchs Gebirge gerastet. Durch die relative Abschottung und die damit verzögert einsetzende Globalisierung hat sich in Bhutan noch vieles an traditioneller Kultur erhalten. Während sich im besetzten Tibet die alte tibetische Kultur in der Defensive befindet und teilweise zerstört wurde, kann man sie in Bhutan studieren. Neben der landestypischen Architektur sind vor allem die Festkultur, der lebendige Buddhismus, die Kleidung und die alten Handwerkskünste augenfällig.

Im Land des Donnerdrachens, wie Bhutan auch genannt wird, werden 13 Handwerkskünste unterschieden, eine Einteilung, die auf Shabdung Rinpoche, den Reichsgründer, zurückgeht. Sie umfasst alle wichtigen Handwerksgruppen, lässt nur die Herstellung von sakralem Räucherwerk, das im gesamten tibetischen Kulturkreis gefragt ist, außer Acht. Die handwerklichen Fähigkeiten, manuellen Techniken und Kunstfertigkeiten werden meist in den Familien von Generation zu Generation weitergeben. Dabei sind die Handwerker bodenständig geblieben, arbeiten gleichermaßen im religiösen wie profanen Bereich, schmücken Klöster aus und stellen am anderen Tag Geräte für den alltäglichen Gebrauch her.

Der künstlerische und handwerkliche Vermögen zeigt sich besonders in der Architektur, die verschiede Kunsthandwerke zusammenführt. Auch wenn sie grundsätzlich tibetisch beeinflusst ist, so hat die Baukunst in Bhutan eine ganz spezifische und einzigartige Ausprägung erfahren und war und ist für die Ausprägung einer eigenständigen Identität von vorrangiger Bedeutung. Schon der Reichsgründer Shabdung Rinpoche hatte diese identitätsstiftende Funktion der Baukunst erkannt und gefördert. Zwei Aspekte sind besonders relevant: Erstens werden farbliche gefasste Holzelemente variantenreiche als Fachwerk, Stockwerk- und Dachgesimse, Erkern, Veranden, Loggien, Fensterstöcke und Türstürze verwandt, zweites wirkt die Sakral- wie Profanarchitektur in einer weltweit einzigartigen Weise einheitlich. Das alte Bauernhaus, das moderne Flughafengebäude und die Klosteranlagen weisen ähnliche Architekturelemente auf. Die Variation liegt in den Details. Oft kann man Profan- und Sakralbauten nur durch ein rotbraunes Band, das Khemar, unterscheiden, das knapp unter dem Dach die grundsätzlich geweißten Mauerwerke umläuft. Diese Khemar ist immer ein eindeutiges Indiz dafür, dass es sich um ein Gebäude mit sakraler Funktion handelt.

Eine Verdichtung der kunsthandwerklichen Geschicks erfährt der Bhutanreisende natürlich vor allem in den Meditationsklausen, den Klöstern, Lhakhangs und den Dzongs, den landestypischen Klosterburgen, die es in dieser Ausprägung nur in Bhutan gibt. Hier sind es vor allem die Dukhans ,Versammlungsräume der Mönche zur morgendlichen Puja (Zeremonie, Ritual) und gemeinsamen Mahlzeiten und Versammlungen, die Lakhangs (Räume zur Meditation und Gebet) und Göngkhangs (den Schutzgottheiten geweihte Räume) zu nennen. In ihnen vereint sich die gesamte Schaffenskraft der Künstler und Kunsthandwerker und man erfährt sehr deutlich, wie sehr die Religion schöpferisches Zentrum ist: die Wände sind mit Malereien versehen, Figuren unterschiedlicher Größe dienen auf den Altären der Meditation, die Säulen sind mit Malereien und Schnitzereien dekoriert, Thangkas hängen an den Wänden, Opfergaben, Schalen, Butterskulpturen schmücken die Altäre, Bücher mit den heiligen Texten liegen daneben in den Regalen. „Die Arbeiten von Meistern aller 13 Handwerke fügen sich gemeinsam in das harmonische 'Gesamtkunstwerk' eines Dzongs oder Klosters...“ schreiben Binder und Rode und fahren fort: „So wird verständlich, daß auch die Handwerke eng mit der Religion verflochten sind und ihre Ausübung als verdienstvolle religiöse Praxis gilt...“ (F. Binder/W. Rode, 2002, S. 52).

Neben den meist von Mönchen bewohnten Gebäuden gibt es noch eine ganze Reihe von unbewohnten Bauformen, die für die buddhistische Welt typisch sind: Tausende von großen und kleinen Chörten (Stupa), Manimauern, Geisterhäusern und Wassergebetsmühlen. Die Chörten haben unterschiedliche Funktionen, sind bisweilen „Reliquienschreine“ oder Begräbnisstätten herausragender Persönlichkeiten, sind begehbar oder können nur von außen umrundet werden. Symbolisch repräsentieren sie Buddha oder - als dreidimensionales Mandala – den gesamten Kosmos oder auch die Stufen des Erleuchtungsweges. Die Manimauern, die häufig am Wegesrand stehen, sind oft bis zu drei Metern hoch, versehen mit einem flachen Satteldach und einem umlaufenden Gesims mit Schrifttafeln, Darstellungen von Buddha und Gottheiten. Nischen bieten Raum für kleine Votivgaben. Geisterhäuser sind sehr volkstümliche Relikte aus vorbuddhistischer Zeit. Sie sind die Wohnstätten lokaler Geister, binden diese, so dass sie nicht anderswo Schaden anrichten können. Durch Drehen der Gebetsmühlen werden auf Papierstreifen gedruckte Gebete oder in Kupfer oder Messing geschlagene Gebete wirksam, entsprechend den überall anzutreffenden Gebetsfahnen, deren aufgedruckte Gebete vom Wind in alle Richtungen getragen werden. Oft findet man an Eingängen sakraler Gebäude großdimensionierte Gebetsmühlen, bisweilen gibt es an sakralen Gebäude umlaufende Gebetsmühlenfriese, die die Gläubigen beim Umrunden des Gebäudes drehen. Eine Sonderform sind die Wassergebetsmühlen. Hier wird die Gebetsmühle durch einen kleinen Bach ohne Unterbrechung angetrieben. Das Gebet durchwirkt so den gesamten Kosmos ohne Unterlass.

Die Öffnung des Landes hatte weitreichende Folgen: Nicht nur der Verkehr nimmt zu, billige Massenwaren und Fabrikerzeugnisse werden auf den Märkten angeboten, neue Materialien importiert. Im Land selbst gewinnen maschinelle Herstellungsverfahren an Bedeutung, die zunehmende Mobilität und die modernen Massenmedien (Fernsehen seit 1999, Mobiltelefon seit 2004) erzeugen Begehrlichkeiten - auch die Jugendlichen in Bhutan wollen ihre Jeans. Neue Berufe entstehen, beispielsweise durch die Einführung elektronischer und technischer Geräte, die gewartet und bedient werden müssen. Auch im Bereich der Architektur kommt es zu Veränderungen. Bautypen und -techniken aus Indien trifft man an, insbesondere bei der Gestaltung von Wohnhäusern, Appartementsblocks in der Hauptstadt, den ersten Geschäftszentren oder funktionalen Gebäuden wie Krankenhäusern, Verwaltungsgebäuden. Deutlich bleibt aber auch das Bestreben einer „Bhutanisierung“ fremder Elemente, beispielsweise bei der Errichtung des Flughafengebäudes im Parotal oder beim Bau der ersten Tankstelle in der Hauptstadt Thimphu.

Durch diese Veränderungen gerät das traditionelle Handwerk verstärkt unter Druck. Blechdächer ersetzen aus praktischen Gründen immer häufiger die steinbeschwerten Holzschindeldächer. Aufwendige, handgefertigte Lederstiefel weichen billigen Schuhen aus Indien, Naturfarben synthetischen Stoffen, traditionelle Messer billiger und oft weniger tauglicher Fabrikware. Schon müssen bhutanesische Schmiede nach Europa reisen, um dort das Schieden kunstvoller Messer neu zu erlernen. Die bhutanesische Regierung fördert systematisch das Handwerk durch die Einrichtung von Handwerkszentren und Museen, in denen herausragende Zeugnisse manueller Arbeit präsentiert und erforscht werden. Sie hat erkannt, dass die Handwerke einen wesentlichen Beitrag geleistet haben und immer noch leisten für die kulturelle Identität und die Schönheit des Landes.



Shingzo – Zimmermannskunst

Höhepunkte jeder Reise durch Bhutan ist die Begegnung mit der außerordentlichen Leistung der Zimmerleute, die man nicht hoch genug rühmen kann. Typisch für die Profan- als auch die Sakralarchitektur ist das Fachwerk, das den Bauwerken – Klöstern, Tempeln, Dzongs, Brücken und Häusern - eine sehr einheitlich wirkende Anmutung gibt. Der Zimmermann ist allerdings nicht nur für den Holzausbau verantwortlich, sondern tritt auch als Architekt auf und ist zudem für die Herstellung von Werkzeugen und Geräten zuständig. In der Regel werden die Bauten, selbst komplexe Dzongs, ohne Pläne und Konstruktionszeichnungen ausgeführt, wobei aber stets die vorgegebenen Maßeinheiten und Proportionen, das tradierte ikonographische und ikonometrische Programm Beachtung findet.

Beim Bau der meist ein- oder zweigeschossigen Bauten kommen Stampflehm, bisweilen auch Bruchsteine und vor allem Holz zum Einsatz, Material, was die Umgebung bereithält. Die oft aufwändigen Holzkonstruktionen vor allem im Obergeschoss und in der Dachkonstruktion werden gehalten durch komplexe Verfugungen und Holzverbindungen. Kein Nagel, keine Schraube kommt zum Einsatz. Im Erdgeschoss befinden sich die Wirtschaftsräume: Kornspeicher, Lager, Abstellraum und auch Stallungen. Der Wohnbereich – spärlich möbliert - liegt im oberen Stockwerk, besteht in der Regel aus Wohn- und Schlafraum, dem obligatorischen Hausschrein und der Küche, meist einer verrußten „Schwarzküche“ ohne Kamin, so dass der Rauch durch die Öffnungen der Holzarchitektur abziehen muss und dadurch dem Raum sein typisches geschwärztes Aussehen gibt. Typisch für die Fensteröffnungen ist der Dreipassbogen. Eine Verglasung fehlt in der Regel. Die Fenster werden von innen mit Schiebeläden aus Holz verschlossen.

Der Dachboden unter dem „schwebenden“ Satteldach wird als Vorratskammer genutzt. Hier hängen die Maiskolben, hier wird Käse an langen Schnüren aufbewahrt, bis er irgendwann steinhart ist, hier werden Yakfleisch oder im Herbst die Chilischoten getrocknet. „Schwebend“ wirkt das Dach durch den offenen Raum zwischen Decke und Dach, das durch eine Holzkonstruktion aufgeständert ist, so dass jederzeit eine frische Luftbriese – ideale Bedingungen für Trockenprozesse und Vorratshaltung – hindurchströmen kann. Die Dächer selbst bestehen aus Holzschindeln, die mit schweren Steinen vor dem Zugriff des Windes geschützt werden. Sie müssen wenigstens alle 10 Jahre erneuert werden, was meist gemeinsam von den Dorfbewohnern vorgenommen wird. Insgesamt spielt die Nachbarschaftshilfe in vielerlei Hinsicht eine sehr wichtige soziale Rolle in dem vorwiegend noch landwirtschaftlich geprägten Land. Die inzwischen häufige Deckung der Dächer mit billigem Wellblech führt nicht nur zur Störung des Mikroklimas auf dem Dachboden, sondern auch der ästhetischen Wirkung. Blickt man aus der Höhe hinab auf ein im Tal gelegenes Dorf, so fügt sich die alte authentische Dachform vollkommen in die Landschaft ein, während die wellblechgedeckten Häuser wie Fremdkörper wirken und das einheitliche Dorfbild zerstören.

Die bedeutendsten Fachwerkkonstruktionen findet man in den Klöstern, vor allem in den Dzongs, den Klosterburgen. Sie sind die sicherlich auffälligsten und bekanntesten Architekturen Bhutans. Durch die Zerstörung der tibetischen Dzongs ist ihre Bedeutung noch gestiegen. Hatten die Dzongs allerdings in Tibet administrative und militärische Aufgaben, so vereinigen die bhutanesischen Dzongs sowohl religiöse wie administrativ-strategische Funktionen. Die ersten Dzongs entstanden im frühen 17 Jahrhundert unter Shabdung Rinpoche, dem Gründer des modernen Bhutans. Damals hatten sie vor allem die Funktion, das Land zu einigen, eine regionale Verwaltung aufzubauen und auch militärisch Sicherheit zu gewähren gegen Aggressionen von außen. Die Dzongs waren in der Regel so ausgelegt, dass innerhalb der Mauern die gesamte Bevölkerung eines Tals Sicherheit finden konnte. Jeder Dzong wurde außerdem mit einem Utse, einem Turm, ausgestattet, der im Ernstfall als letzter Rückzugsort dienen konnte. Auch er war nicht rein militärisch organisiert, sondern beherbergte auch Tempelräume. Von Anfang an entfaltete sich in den Dzongs ein lebendiges mönchisches Leben und entwickelten sich zu Zentren des kulturellen, spirituellen und ökonomischen Lebens, zu Brennpunkten von Kultur, Kunst, Bildung und Kunsthandwerk und Handel.

Natürlich haben die Dzongs heute ihre militärisch-strategische Funktion eingebüßt, aber ihre Doppelfunktion blieb erhalten. In den Dzongs werden - meist im vorderen Bereich – administrative Funktionen der Distriktverwaltung wahrgenommen, in einem davon getrennten Bauteil befinden sich die Wohnstätten der Mönche, die Mönchsschulen und die sakralen Räume. Insgesamt sind noch zwölf große, 17 kleinere Dzogns und einige Dzong-Ruinen – durch die Holzarchitektur sind sie immer wieder Brandgefahren ausgesetzt – erhalten. Im Idealfall haben sie eine quadratischen Grundriss mit einem Hauptturm, dem schon erwähnten Utse, im Zentrum. Die geweißten Außenmauen wirken wehrhaft und abweisend. Das Innere besteht aus einem oder auch mehreren mit Steinplatten gepflasterten Höfen mit geschnitzten hölzernen Arkaden, Veranden, Galerien und durch hohe Fenster gegliederte Holzfassaden, hinter denen sich die Räumlichkeiten für die Distriktverwaltung, Wirtschafts- und Lagerräume, Quartiere, Gemeinschaftsräume der Mönche, Schulungsräume und Sakralräume befinden. Wie in den Klöstern, den Meditationsklausen und Lhakhangs (Tempeln) sind auch in den Dzongs die sakralen Räume durch Wandmalereien, plastischen Figurenschmuck, Säulen und Textilarbeiten zu beeindruckenden Gesamtkunstwerken ausgestaltet. Sie verdeutlichen besonders eindrucksvoll das außerordentliche Können der Handwerker und Künstler.



Dozo – Steinmetzkunst

Steinmetze sind bei größeren Bauvorhaben zuständig für die Steinarbeiten, die Errichtung von Fundamenten und Mauern, das Behauen der beim Bauen benötigten Steine. Auch der Bau von Chörten, buddhistischen Grabmonumenten, die im Sanskrit als Stupa bezeichnet werden, liegt in ihren Händen. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Herstellung der entsprechenden Steinwerkzeuge.

Parzo - Schnitzkunst

Die Produktpalette des Schnitzers ist sehr umfangreich. Zu seinen vornehmsten Aufgaben zählt die Dekoration der Fachwerkelemente repräsentativer Gebäude, die Ausgestaltung von Säulen, Decken sowie die Herstellung von Schreinen, Altartischen, reich verzierten Buchdeckeln, Druckstöcke für Bücher, die Herstellung von Holzmasken, wie sie bei den Cham Tänzen Verwendung finden, und Alltagsgegenständen wie Möbel und Futterale. Neben dem Holz werden auch gelegentlich Schiefer und Stein bearbeitet, z. B. für Reliefdarstellungen an Gebetsmühlen oder an Manimauern.

Lhazo - Malerei

In Bhutan spielt eine ikonographisch reglementierte, weil sakral motivierte Malerei eine wichtige Rolle. Man begegnet ihr vor allem in der Thangka-Malerei, der Wandmalereien in Klöstern und Dzongs sowie in farblich gestalteten Skulpturen und Schreinen. Die Maler durchlaufen eine intensive, mehrjährige Ausbildung, bei der sie sich vertraut machen mit dem ikonographischen und ikonometrischen Programm. Eine freie Kunst ist öffentlich kaum existent. Lange Zeit haben die Maler auch ihre Naturfarben aus Mineralien und Pflanzen hergestellt. Inzwischen greifen sie auf eine synthetische Farbpalette zurück. Die bhutanesischen Maler verwenden in der Regel nicht die Freskotechnik, sondern malen die Wandbilder auf Leinwände, die dann auf die Wände geklebt oder auf einem Rahmen der Wand vorgeblendet werden. Große Wandgemälde entstehen meist in Werkstätten, in der ein Meister für das Gesamtkonzept, die Einhaltung ikonographischer und ikonometrischer Vorgaben und für die Vorzeichnung verantwortlich zeichnet. Die Details werden von den Lehrlingen ausgemalt.

Jinzo

Jinzo umfasst die Fertigung von sakralen Skulpturen, Masken und Opfergaben (Torma) sowie Alltagsgegenständen aus Ton und die Errichtung von Mauern aus Stampflehm. Wie die Holzschnitzer stellen auch sie Masken für die Cham-Tänze her. Diese religiösen Klostertänze sind den mittelalterlichen Mysterienspiele in Europa vergleichbar. Dabei werden in einem komplizierten Verfahren über 15 Textilschichten auf einem Gipsmodell mit Tierleim verleimt. Nach der Fertigstellung wir das Gipsmodell zerschlagen und die Textilmaske weiter verarbeitet, dekoriert, geschmückt, farblich gefasst, um dann bei den regelmäßig stattfindenden Klosterfesten von den Mönchstänzern getragen zu werden. Die oft prächtig und reich verzierten Torma werden aus Butter hergestellt. Sie schmücken als Opfergabe die buddhistischen Altäre.

Lugzo – Gießarbeiten

Neben dem Gießen von Glocken stehen Musikinstrumente, Werkzeuge, Ritual- und Gebrauchsgegenstände sowie Bronzestatuen im Mittelpunkt dieser Handwerkskunst. Der Metallguss hat im Himalaya eine große Tradition und kam wie so vieles über Tibet in den Bhutan. Heute wird der Metallguss kaum mehr ausgeübt.

Shagzo – Herstellung von Schalen, Teller, Schöpfkeller

Die Meister des Shagzo stellen vor allem alltagsrelevante Massenprodukte her, darunter Schalen, Teller und Schöpfkellen, aber auch die häufig anzutreffenden Handtrommeln.

Garzo – Schmiedekunst

Die Schmiedekunst hatte ihren Schwerpunkt in der Herstellung traditioneller Schwerter, Messer, Helme, Ketten und landwirtschaftlicher Geräten. Berühmt war die Schmiedekunst im Himalaya u. a. auch für ihre guten, nicht-rostenden Materialien. Noch heute existiert eine Kettenbrücke des Chakzampa Thangtong Gyalpo im Dorf Doksum, Ostbhutan, aus dem 15. Jahrhundert. Die Kettenglieder haben bis heute keinen Rost angesetzt.

Tröko - Schmiedekunst

Die Kunstschmiede in Bhutan arbeiten vor allem mit Gold, Silber und Kupfer. Sie stellen Haushaltswaren und Schmuck her, aber auch Behälter für Amulette, Dosen, Ritualgegenstände und Platten für Mandalas. Zur Herstellung von Schmuck werden Türkise, Achate, Korallen und Halbedelsteine verarbeitet.

Tshazo – Flechten von Bambus und Rohr

In den niederen Regionen Bhutans, wo Bambus und Rohr gut gedeiht, trifft man das Flechthandwerk häufig an. Hergestellt werden Matten, Gefäße für Getränke und Speisen, Körbe, Vorratsbehälter, Schachteln, Hüte, Musikinstrumente, Pfeile und Bogen für das Bogenschießen, das hier Volkssport ist. In subtropischen Regionen Bhutans werden aus Bambusgeflecht einfache Häuser und Hütten errichtet. In höheren Regionen dienen die Matten dazu, den Dachboden im Winter gegen Frost zu schützen.

Dezo - Herstellung von handgeschöpftem Papier

Die manuelle Papierherstellung hat in Bhutan nach wie vor eine große Bedeutung. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Papierherstellung in einen sakralen Zusammenhang steht, denn das handgeschöpfte Papier wird vor allem für die Herstellung von Bücher mit buddhistischen Lehrtexten und Mantras benutzt. Der Produktion religiöser Bücher wird größte Sorgfalt entgegengebracht. Das traditionelle bhutanesische Papier wird aus der inneren Rinde von zwei Sträuchern mit den Namen 'Daphne' und 'Edgeworthia' hergestellt, die überall in Bhutan anzutreffen sind. Mittlerweile finden auch Bambus- und Baumwollfasern sowie Reisgras Verwendung. Vermutlich kam die Kunst der Papierherstellung aus Tibet, doch wurde das Papier aus Bhutan, das reich an den dafür benötigten Rohstoffen war, auch ein gefragter Exportartikel.

Bei der Papierherstellung wird die Rinde zu einem Brei zerstoßen, gekocht und mit Asche vermischt. Anschließend wird der Brei geschlagen. Zwei Sorten von Papier werden üblicherweise hergestellt. Resho, das „Baumwollpapier“, ist in der gesamten Himalaya-Region verbreitet. Der Brei wird auf einen rechteckigen oder quadratischen Rahmen, der mit einem Baumwolltuch bespannt ist, geschüttet und durch Schwenken des Rahmens in einem Wasserbad sorgfältig verteilt. Anschließend wird der Brei auf dem Rahmen zum Trocknen ausgelegt. Nach einigen Stunden kann der getrocknete Papierbogen abgehoben werden.

Bei der Herstellung von Tsasho, dem „Bambuspapier“ wird ein Rahmen, der mit einem dünnen Flechtwerk aus Bambusfasern versehen ist, in den Bottich mit Brei getaucht, der dann gleichmäßig auf der Rahmenfläche verteilt wird. Der Papiermacher dreht anschließend den Rahmen um und das noch feuchte Blatt fällt auf einen langsam wachsenden Stapel von Papierbögen. Diese werden in der Nacht mit einem Stein beschwert, so dass das überflüssige Wasser ausgepresst wird. Am nächsten Morgen werden die noch immer feuchten Blätter in einem Trockenraum, der mit Lehmwänden ausgestattet ist, gegen die Wand geklatscht, wo sie sich nach dem Trockenprozess lösen und auf den Boden fallen.

Die so hergestellten Papiere haben eine sehr hohe Qualität, sind beständig und nicht anfällig für Insektenfraß. Zur Buchherstellung wird das Papier in schmale längliche Streifen geschnitten und von Kalligraphen mit Tinte beschrieben, die auch Ruß, Kräutern, Yakblut u. a. Naturmaterialien hergestellt werden. Besonders repräsentative Bücher wurden auch mit Tinte aus Goldstaub kalligraphiert und wie im europäischen Mittelalter illuminiert. Ob diese Verfahren auch heute noch üblich sind, ist nicht sicher, denn moderne Druckverfahren gewinnen auch in Bhutan immer mehr an Einfluss.

Neben der Kalligraphie wurde auch das Druckverfahren ausgeübt. Dazu wird der Text spiegelverkehrt in einen Holzdruckstock geschnitzt. Die Holzplatte wird mit Tinte bestrichen und mit einer Rolle auf das Papier gedruckt.

Die Textseiten der Bücher werden nicht gebunden, sondern die Blätter werden auf gleiche Länge wie Breite geschnitten und aufeinander gelegt. Gehalten wird das Konvolut von Einzelblättern durch zwei Holzbretter. Die Deckplatte ist mehr oder weniger repräsentativ gestaltet, beispielsweise durch Malerei, Schnitzwerk oder Metallarbeiten mit religiösen Szenen oder Symbolen. Die religiösen Schriften werden in rote oder gelbe Seide eingeschlagen und verschnürt. Meist handelt es sich um die Tanjur, die übersetzte Lehre Buddhas, eine Enzyklopädie des Buddhismus in 225 Bänden, die zusammen mit den Kanjur, den heiligen Schriften des tibetischen Buddhismus in 108 Bänden, den Kanon der buddhistischen Texte bilden.

Bei Pudjas oder auch in den Klosterschulen kann man beobachten, wie die Mönche mit diesen Bücher umgehen. Sie sitzen im Lotussitz. Die Bücher liegen vor ihnen. Sobald sie mit der Rezitation der Sutren einer Seite beendet haben, blättern sie eben nicht um, sondern legen die losen Blätter mit dem Text nach unten auf den Stoß der schon rezitierten. Nach dem Gebrauch werden sie nur umgedreht und wieder sorgfältig in den Seidentüchern verschnürt, um anschließend wieder in die Bücherregale, die sich oft neben den Altären befinden, zurückgestellt zu werden.

In der Nationalbibliothek in Thimphu sind über 6000 tibetische und bhutanesische Bücher ausgestellt, Manuskripte wie Xylographien, die mit Druckstöcken hergestellt wurden. Außerdem werden viele Tausende von Druckstöcken dort aufbewahrt – allesamt Zeugnisse einer hohen Buchkultur.

Thangzo – Kunst des Webens und Färbens

Von jeder Bhutanreise bleiben neben den liebenswerten Menschen, der buddhistisch geprägten Kultur, den grandiosen Naturschönheiten, der einheitlich wirkenden Architektur vor allem auch die traditionellen Textilien besonders in Erinnerung. In der Öffentlichkeit tragen die Männer den im 18. Jahrhundert kreierten Gho, eine lange Robe zum Überziehen, die kniehoch getragen wird. Sie wird durch einen Gürtel gehalten. Darunter wird ein weißes Hemd, das Teygo, getragen, dessen Ärmel vorne umgeschlagen werden. Das wichtigste Kleidungsstück der Frauen heißt Kira, ein knöchellanges viereckiges Stoffstück, das an der Schulter von Spangen gehalten wird. Unter der Kira wird eine Seidenbluse getragen, darüber eine kurze Jacke. Noch heute spielen handgewebte Textilwaren in der bhutanesischen Gesellschaft eine wichtige Rolle und werden offiziell gefördert. Doch viele Personen, Büroangestellten oder Studenten vor allem, tragen im Alltag meist nur noch maschinengewebte Imitationen der alten Stoffe, weil sie in der Anschaffung billiger sind. Auch die Frauen greifen immer häufiger zu importierter synthetischer Seide, weil diese nicht nur kostengünstiger, sondern auch robuster und einfacher zu reinigen ist. Original gewebte Textilien, zu Ghos und Kiras weiterverarbeitet, werden nur noch zu hohen Festtagen getragen.

Auch wenn die Spannung zwischen den aufwändig handgewebten Textilien und den pflegeleichten, billigen, aus Indien stammenden Industriestoffen zugenommen hat, spielt das Handwerk des Webens immer noch eine große Rolle und ist fest im kulturellen und wirtschaftlichen Leben des Landes verankert. Das Weben ist nach wie vor vorwiegend in Frauenhand. Vor allem im Ostbhutan sieht man sie noch häufig in den Dörfern am Webstuhl sitzen. Die meisten Textilien werden in Heimarbeit an vier unterschiedlichen Webstuhltypen hergestellt. Webmaterialien sind Baumwolle, Wolle, rohe und veredelte Seide, Yakhaar und Nesselgarn. Auch die Stofffarben werden oft von den Weberinnen selbst aus Pflanzen und Mineralien in häufig aufwändigen Verfahren hergestellt. Rote Farbtöne werden beispielsweise sehr zeitraubend von den Ausscheidungen des Lac-Insektes (Kerria lacca) hergestellt oder - weniger zeitintensiv – durch Nutzung der Farbstoffe in der Färberrötepflanze. Blautöne gewinnt man aus den gegärten Blättern einer Indigopflanze, gelb aus Kurkuma oder Rhododendron, die in Bhutan auch in größeren Höhen sehr häufig anzutreffen sind. Zur Herstellung schwarzer oder dunkler Farben eignet sich Walnussrinde oder Nussschalen. Inzwischen sind chemische Färbemittel oder gefärbte Garne auf dem Vormarsch.

Die Kleidung hat in Bhutan nicht nur einen ästhetische, sondern auch symbolische Bedeutung. So erkennt man beispielsweise an den Kabne, die bei Festtagen oder Tempelzeremonien getragen wird, den gesellschaftlichen oder religiösen Rang des Trägers: Weiß ist der Zeremonialschal des Laien, Rot tragen führende Regierungsbeamten, Orange die Minister, Gelb der König oder das religiöse Oberhaupt, der Je Khenpo, der oberste Abt der Drupka-Kagypa-Schule. Farben spielen überhaupt in der buddhistischen Tradition eine wichtige Rolle. Sie repräsentieren bestimmte Elemente: Rot das Feuer, Blau das Wasser, Grün das Holz, Weiß das Eisen und Gelb die Erde. Hinzu kommen wiederkehrende Symbole wie Drache und Phönix, die Swastika und Lotusblütenblätter, Beschwörungen des Glücks und den langen Lebens.

Die aufs höchste verfeinerte Webkunst wird auch deutlich in den religiös motivierten Textilherstellungen, die vorwiegend von Männern, häufig auch Mönchen, angefertigt werden, z. B. Thronbezüge, Tanzkostüme, Altardecken oder Thangkas, religiöse Rollbilder, die der Meditation dienen. Bhutan ist auch berühmt für aufwendig gefertigte, riesige Thangka, die sog. Thongdrol. Sie werden bei religiösen Festen in den Morgenstunden für nur kurze Zeit über den Fassaden von Klostergebäuden herabgelassen und bringen denen, die sie erblicken, Segen und Heil.

Herausragende Beispiele der Webkunst sind mittlerweile in Ausstellungen in aller Welt bekannt geworden. Einen großartigen Überblick gibt auch das 2001 unter der Schirmherrschaft der damaligen Königin Ihrer Majestät Königin Ashi Sangay Choden Wangchuck eröffnete Textilmuseum in Thimphu, der Hauptstadt des Bhutans. Neben einer ständigen Sammlung finden regelmäßige Wechselausstellungen statt, die das hohe Niveau der Webarbeiten dokumentieren. Außerdem wird die aktuelle Webkunst gefördert, indem die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne gesucht wird, beispielsweise in der Ausschreibung von Designwettbewerben.

Zur Förderung der Textilproduktion und Förderung dieser alten Handwerkskunst wurde 2005 auch die Textil-Akademie in Thimphu gegründet. Hier erhalten Interessierte eine Ausbildung in der Webkunst und der Herstellung traditioneller Textilien. Stipendien und Praktika im Bereich der Textilkonservierung werden vergeben. Schließlich werden Wanderausstellungen für lokale und internationale Veranstaltungen durchgeführt, um so das wertvolle kulturelle Erbe lebendig zu halten.

Tshemzo – Verarbeitung von Stoffen und Leder

Die Kunst der Stoff- und Lederverarbeitung bezieht sich vor allem auf das Nähen, Applizieren, Sticken sowie die Hutherstellung und das Anfertigen reich verzierter Zeremonialstiefel, die nur zu bestimmten Anlässen getragen werden. Im sakralen Bereich liegen die Aufgaben dieses Kunsthandwerks auf der Produktion von Tempel- und Zeremonialbehängen und der bestickten Thangkas für die Tempeln oder auch den privaten Gebrauch. Die vornehmste Aufgabe ist die Herstellung der riesigen seidenen Tempelthankas, die oft nur einmal im Jahr während eines Tempelfestes für kurze Zeit vor Sonnenaufgang gezeigt werden.

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Literatur:

Binder, F./ Rode, W.: Bhutan. Königreich des Donnerdrachens, München 2002

Friedlicher Drache. Textilkunst aus dem Königreich Bhutan, Rosenheim 2008

Klein, W./Pfannmüller, G.; Bhutan, München 2006

Pommaret, F.: Bhutan, Nürnberg 1992, neuste Auflage: 2013

Schickelgruber, C./Pommaret, F.: Bhutan. Festung der Götter, Bern, Stuttgart, Wien 1997

Empfehlenswerte Webseiten:

Die Gesellschaft publiziert einen hlabjährigen Newsletter mit dem Titel „Thunlam“. Die

Ausgaben seit 2003 können auch digital auf der Webseite der Gesellschaft nachgelesen

werden.