Die Muschelfischer von Vizhinan

Die Muschelfischer von Vizhinjam
von Armin Schmitt, November 2013

02 Bau der Boote


Die Rufe der Fischer von Vizhinjam sind der Weckruf des Morgens. Sie übertönen das Rauschen, mit dem die See gegen das Land rollt. Darüber die rauen Schreie der Krähen, die sich in den Palmen, die federleicht in den noch frischen Morgen fingern, herumtreiben und alle anderen Vögel vertrieben haben, die man üblicherweise in den Tropen erwartet. Sie haben auch nachts nicht ihr Gezänk eingestellt; anders als die ebenso ruhelosen Zikaden des Mittelmeers, die wenigstens nach dem Sonnenuntergang ihren schrillen „Gesang“ für einige Stunden unterbrechen.

Die Krähen finden hier ein gutes Auskommen: Sie hacken an den Palmfrüchten, jagen den Einsiedlerkrebs, bevor er sich in ein Erdloch verkriecht, schnappen sich die Miesmuscheln, die die Fischer zurücklassen, durchwühlen den Müll, der die Landschaft verschandelt. Armut deformiert die Menschen und lässt sie achtlos werden. Das Nachbardorf, auf dem Weg zur nahen Moschee, versinkt im eigenen Schmutz, zu ertragen nur noch, weil einige der Bewohner für Fremde doch noch freundliche Blicke haben und aus der Trostlosigkeit immer wieder schöne Bilder auftauchen: die Kinder auf der Mauer, die Fischer unten im Hafengewimmel mit ihrem Tagesfang, die Frauen in ihren farbfrischen Saris…

Aber eigentlich gilt es hier von den Fischern zu erzählen, die an diesem Morgen ein Bild abgeben, das so vielleicht schon seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden nach dem gleichen erprobten Muster immer wieder neu zusammengestellt wird.

Einige der Fischer sind schon dabei, ihre Boote mit geübten Griffen aus vier oder fünf baumstammähnlichen, leicht gebogenen Holzbalken, die über Nacht sicher vor Flut und Feuchtigkeit unter Plastikfolien und Palmzweigen „auf Reede“ lagen, zusammenzusetzen. Andere schleppen, gebeugt unter der Last, die meterlangen Holzplanken nach vorne auf den noch von der letzten Flut feuchten Saum zwischen Land und dem zurückweichenden Meer. Bald reiht sich Holzgerippe an Holzgerippe: Jeweils zwei von der Sonne gebleichte Planken werden den Boden, zwei etwas höhere die Seitenteile des Bootes bilden. Noch aber ist kaum vorstellbar, wie aus diesen unverbundenen Hölzern Boote entstehen können, mit denen die Fischer sich auf die Wellenberge des Arabischen Meeres hinauswagen, auf dem jetzt, im Spätherbst, immer noch die Nordostwinde und der Nachmonsun für Unruhe sorgen. Doch mit Hilfe eines Hanfseils verschnüren sie die Holzplanken jetzt heck- wie bugseitig mit Querbrettern, die mit ihren hörnerartigen Griffen dem entstehenden Meeresgefährt – halb Floß, halb Boot – nicht nur die Form, sondern auch ein Gesicht zu geben scheinen. Das Seil muss gut geknüpft sein, denn löst es sich, verliert sich das Ganze; die Hölzer driften davon, die Muschelernte sinkt zurück auf den Grund und die Fischer werden ihre liebe Not haben, unbeschadet und aus eigener Kraft das Land zu erreichen.


01 Ausfahrt der Muschelfischer im Morgengrauen

 

 

Die „Hörnern“ der beiden Querbretter geben den Fischern festen Halt, wenn sie – meist zu zweit - das Boot in die Gicht schieben, sich abstoßen und geschickt aufspringen, sobald eine zurückweichende Welle es packt und hinaushebt und sie mit den rhythmischen Schlägen der gehälfteten Bambusrohre ihre Fahrt zu den nahen Riffs fortsetzen. An den Hörnern ziehen sie sich auch wieder zurück in die Boote, wenn sie ihre Arbeit unterbrechen, um auszuruhen. Denn ihre Arbeit ist schwer. Stunde um Stunde tauchen sie hinab in sechs, acht Meter Tiefe, um entlang der Riffs mit langen Messern die Muscheln zu lösen. Kehren sie schließlich zurück ans Ufer, kann man sehen, wie sie im Heck wie im Bug knien, um so kräftiger die Bambusrohre zu bedienen. Nur lose fügen sich die Balken zum Boot, so dass sich der Rumpf mit Wasser füllt. Hier liegen prallvoll und schwer die Muschelnetze. Bis zuletzt bleiben die Muscheln in ihrem Element. An den „Hörnern“ packen die Fischer ihre Boote erneut, wenn sie, getragen von einer anderen Woge, vier Stunden später an Land gespült werden. Schließlich wird um sie auch ein Strick gelegt, mit dem fünf, sechs Männer die schweren, wassergetränkten Boote nach und nach aufs Trockene ziehen, wo sie, meist mit lautstarken Diskussionen, wieder in ihre Einzelteile zerlegt und Rippe an Rippe zum Trocknen unter der Sonne ausgelegt werden. Spätestens jetzt ist der Beobachter geneigt, nicht nur das gesamte Bild zu bestaunen, sondern auch in den Booten den Einklang von Schönheit, Funktion und Einfachheit zu bewundern.

Am Strand ist derweil eine erwartungsvolle Menschenmenge aus Neugierigen, Muschelkäufern und Helfern entstanden. Die Einkäufer der nahen Hotels betrachten kritisch die Ernte, verhandeln den Preis; in verbrauchten Plastiktüten tragen die Leute aus dem benachbarten Dorf ihre kleinen Portionen nach Hause. Den Verkauf besorgen die allmählichen zurückkehrenden Muschelfischer selbst oder deren Frauen. Während die einen ihre „Ernte“ schon an die Leute bringen, kehren andere erst zurück. Sie halten die Boote geschickt in Wellentälern, bis sich in einem günstigen Moment, die Schubkraft der Wellen geschickt ausnutzend, plötzlich ihre Körper anspannen und ihre gesammelte Kraft überfließt und ihre Bambusstäbe rhythmisch das Wasser peitschen, um nicht mit der zurückfließenden Brandungswelle wieder ins Meer geworfen zu werden.

Das Kommando über die Heimkehrer hat ein graubärtiger älterer Mann im gelben Sarong. Sein markantes Gesicht - Lavater hätte seine Freude gehabt - gibt ein schönes Profil ab, das auch am griechischen Mittelmeer vor zweitausend Jahren Respekt eingeflößt hätte. Er beherrscht nun die Uferzone, ist Herr der Rückkehr, organisiert die Ankunft der Fischer, gibt Anweisungen in diese und jene Richtung, packt selbst mit an, hilft den Müden aus dem Boot, schleppt die muschelgefüllten Netze zu den Käufern, die immer noch in Gruppen beisammenstehen.

Erst nach und nach kehrt dort unten wieder Ruhe ein. Die letzten Muscheln sind verkauft, die klimatisierten Taxis sind verschwunden, die letzten Tuk-Tuks knattern davon. Einige Fischer dösen noch zwischen ihren skelettierten Booten. Gegen Mittag, wenn die Hitze zunimmt, legt sich über den Strand träge tropische Schwere. Nur die Brandungswellen geben keine Ruhe und natürlich auch die Krähen nicht. Ihrem Geschrei bietet nur heftiger Regen Einhalt. Aber der ist nicht in Sicht.


17 Muschelernte I

 

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Fotografie © Armin Schmitt 2014