Titel_B_Potosi 

Potosí und Cerro Rico 

Symbole kolonialistischer Ausbeutung

von Armin Schmitt, 2009

Die Luft ist dünn in Potosí, der alten Bergbaustadt in 4000 Meter Höhe. Sie liegt auf einer Hochebene des Altiplano in den bolivianischen Anden und wird überragt von einem kegelförmigen Berg, dem Cerro Rico, dem Reichen Berg, dem die Stadt alles verdankt: ihre Silberschätze, ihren legendären Reichtum und ihre grandiose Architektur, aber auch Elend, Mühsal und tausendfachen Tod. An dem Silber, das hier aus dem Berg geholt wurde, klebte das Blut der Indios und afrikanischer Sklaven. Potosí und der Cerro Rico sind Symbole kolonialistischer Ausbeutung. Stadt und Berg erzählen von der menschenverachtenden Gier der europäischen Eroberer.

Heute gehört Potosí zu Bolivien, zur Zeit der spanischen Fremdherrschaft zum Königreich Peru. Fremde, die dünne Luft nicht gewohnt, bewegen sich langsamer als die Einheimischen auf den Straßen. Der Puls steigt und Kopfschmerzen machen sich breit, wenn man die Schritte in dieser Höhe nicht zügelt. Vor der Kälte in den Abendstunden und in der Nacht schützen warme Pullover aus Alpaka-Wolle vom Indiomarkt, wo man alles Notwendige bekommt - Lebensmittel, Haushaltswaren, Ponchos, Hüte, Wolle, Zaubermittel und Schwarzpulver...

LKWFünf Stunden benötigt der Bus von Sucre hierher, quält sich über Serpentinen in halsbrecherischer Fahrt allmählich in die Höhe, fährt durch eine karge, steppenartige Hochgebirgslandschaft, in der immer schütterer das Getreide wächst und schließlich ganz verschwindet. Man muss schon hier geboren sein oder sich nach längerem Aufenthalt angepasst haben, um sich in dieser Höhe wohl zu fühlen. Zweifellos tun das die Lamas, die ebenso neugierig wie dümmlich dem Bus nachschauen, der die Stille unterbricht.

Rau und trocken ist der Winter in dieser Höhe, der Sommer bringt warme Tage und kühle Nächte. Bisweilen kann es zu heftigen Regengüssen kommen. Dann werden Straßen innerhalb von Minuten zu reißenden Flüssen. Manchmal ist die Weiterfahrt nicht mehr möglich und man muss warten bis tief in die Nacht, in der man, wenn man Glück hat, reichlich entlohnt wird: Der südliche Himmel zeigt seine unendliche Weite und eine funkelnde Sternenpracht, denn klar sind die Nächte und kein künstliches Licht trübt den Blick. So können sie leuchten, die Sterne, smaragdgrün, rubinrot, saphirblau, diamantweiß ...

Wenn die Sonne scheint, „funkelt“ auch der Cerro Rico: Gelb-, Weiß- und Grüntöne werden rötlich-braun grundiert. Weithin sichtbar überragt er wie eine riesige künstliche Aufschüttung die Stadt. Vegetation fehlt ihm völlig. Man sieht dem Berg seinen Reichtum an Mineralien und Metallen heute noch an, auch wenn die große Zeit des Bergbaus vorbei ist. Über Jahrhunderte wurden Kupfer, Zinn und Silber gewonnen. Vor allem die Silberfunde führten im 16. und 17. Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen Boom. Potosí entwickelte sich zu einer der größten Städte der Welt und vom sagenhaften Reichtum wusste man sogar im fernen Europa. Zu bestimmten Festtagen, so wird berichtet, wurden die Straßen, mit Silberplatten ausgelegt. Die Bewohner, die nicht vom Bergbau lebten, fanden ihr Auskommen im Transportwesen, handelten mit Nahrungsmitteln und Brennholz, verkauften Coca, das den Hunger stillt und die Sinne betäubt, wenn die mühselige Arbeit in den Stollen nicht mehr zu ertragen war oder die Lungen unweigerlich vom Staub zerfressen wurden.

Die Inka hatten die Silbervorkommen entdeckt und erstmals ausgebeutet. Mitte des 16. Jahrhundert gründeten Berg_u_Stadtdie spanischen Konquistadoren eine erste Bergbausiedlung. Auf das laute und geschäftige Treiben spielt der Name an, den man der Siedlung gab. Das Quechuan-Wort p’utuqsi bedeutet „Lärm“. Schnell entwickelte sich die Siedlung zu einer blühenden Stadt, stieg zur Villa Imperial auf und erhielt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Hauptlieferant des spanischen Silbers eine „Casa de la Moneda“, eine königliche Münze. Große Mengen des Silbergeldes, das im 16. und frühen 17. Jahrhundert in Europa kursierte, stammte aus den Bergwerken am Cerro Rico. Anfang des 17. Jahrhunderts hatte Potosí 120 000 Einwohner und galt damit als eine der größten Städte der damaligen Welt.

Mit 160 000 Einwohner ist sie immer noch eine Großstadt in exponierter Höhenlage. Und der Hausberg mit seinen Resten an Bodenschätzen gehört wieder den Bolivianern. Etwa 13 000 mineros, organisiert in Familienbetrieben und kleinen Kooperativen, bauen die Edelmetalle weiterhin ab.

Der Cerro Rico brachte wenigen Reichtum, aber vielen den Tod. Die Zahl derjenigen, die in den Schächten und Bergwerk_EingangStollen des Berges unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen zu Tode kamen, wird sich wohl kaum wirklich ermitteln lassen. Die lokalen Führer, die Touristen durch die engen Stollen der teilweise zugänglichen Besucherbergwerke führen, berichten von Hunderttausenden, ja von Millionen von Toten. Afrikanische Sklaven, die wegen des Arbeitskräftemangels zur Zwangsarbeit herangeschafft wurden, starben oft schon von ihrer Ankunft an Entkräftung und Krankheit. Zur Arbeit in die Bergwerke getrieben, wurde der Berg zu ihrem Grab. Mit dem Silber wurde tausendfacher Tod nach Spanien und Europa transportiert. Noch heute, so erzählen die Führer der Besucherbergwerke, sind die Arbeitsbedingungen unvorstellbar hart und mühsam. Kaum jemand übersteht diese Arbeit unbeschadet länger als zehn Jahre und viele mineros leiden unter Silikose. Betriebssicherheit und Arbeitsschutzmaßnahmen werden klein geschrieben. Die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Stollen reichen bis zu 1500 Meter tief in den Berg. In ihnen herrscht bei Temperaturen von bis zu 40 Grad klaustrophobische Enge, Ausdünstungen vergiften die Atemluft. Dynamit-Unfälle, herabfallendes Gestein, Staubwolken und Gasexplosionen sind an der Tagesordnung. Auch Kinder arbeiten in den Bergewerken des Cerro Rico. In eindruckvollen Bildern dokumentiert dies der preisgekrönte Film „The Devil’s Miner – Der Berg des Teufels“ (2005) von Kief Davidson und Richard Ladkani. Sie berichten aus der Perspektive der beiden Brüder Basilio (14) und Bernardino Vargas (12). Ihr Arbeitsplatz sind 450 Jahre alte Stollen in einer Höhe von 4300 Meter. Zehn Stunden leisten sie täglich Schwerstarbeit, sind Lastenschlepper, Schubkarrenfahrer, Sprengloch-Meißler. Ihr Vater starb mit 35 Jahren an Staublunge. Ohne die Arbeit der Kinder müsste die Familie hungern.

Die alten Industriebauten, die Wasserhaltung und die barrios mitayos, die Arbeiterquartiere, stehen zusammen mit dem Stadtzentrum seit 1987 unter dem Schutz der UNESCO, gehören zum Kulturerbe der Menschheit. Zahlreiche Kirchen und Klöster und Privathäuser aus dem 17. Jahrhundert bestimmen das Stadtbild: das           PotosiKloster Santa Teresa, die Kathedrale, die barocken Kirchen La Compania, San Francisco, San Lorenzo und San Martin und natürlich auch die königliche Münze, die Casa de la Moneta. In den historischen Vierteln verändert sich langsam der Alltag. Potosí erlebt wie andere bolivianische Städte einen westlich orientierten Modernisierungsschub. Vor der Metallverarbeitung und der Textilindustrie ist der Haupterwerbszweig allerdings immer noch der Bergbau. Eine Wachstumsbranche ist der Tourismus. Einige Bergwerke können besichtigt werden, in der Umgebung gibt es heiße Thermalquellen. Und wenn man will, kann man sich in einem der kleinen Restaurants bei chilenischem Wein und italienischer Pizza oder in der Tradition des Landes bei Coca-Tee und scharf gewürztem Huhn stärken. Lange bleiben werden die wenigsten Touristen. Wer die Höhe nicht gewohnt ist, wird wenig Schlaf und Erholung finden. Was wird aus der Stadt, wenn die Schätze des Cerro Rico erschöpft sind? Mit ihnen verliert sie ihre Existenzgrundlage. Bleibt zu hoffen, dass Potosí alternative wirtschaftliche Ressourcen wie den Tourismus, Textil- und Metallindustrie weiter entwickelt und seinen Menschen eine Zukunft gibt. Und es bleibt zu hoffen, dass die Erinnerung an Kolonialismus, unmenschliche Arbeitsbedingungen, an menschenverachtende Ausbeutung, an geschundene Körper und hervorragende städtebauliche Leistung aus der Kolonialzeit wach gehalten werden.
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Bilder für diesen Artikel: Armin Schmitt  © 2009
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