Frankreich, Jägerthal

 

J Ä G E R T H A L
–   eine industriekulturelle Idylle in den Nordvogesen

 von Armin Schmitt, Oktober 2009


Jaegerthal 

 

 

 








 





 

Sein Großvater habe, so erzählte der Patron des kleinen Restaurants in Jägerthal, auf dessen Terrasse wir uns Restaurantin der Herbstsonne von einer Wanderung ausruhten, mehrfach die Nationalität gewechselt. In dieser Grenzregion, in der Gegend um Niederbronn-les-Bains und Reichshoffen, habe man nie so genau gewusst, wo man gerade hin gehörte. Der Großvater sei 1867 geboren und 1946 gestorben, habe den Deutsch-Französischen Krieg und die beiden Weltkriege erlebt. Und je nach Ausgang der Schlachten änderte sich die staatliche Zugehörigkeit… An seinen Vater könne er sich, so erzählte er weiter, nur dunkel erinnern: Er sei aus Russland nicht mehr zurückgekehrt. Ein Cousin sei in Polen gefallen. Schlimme Zeiten für die Familie. Und ein Bekannter aus Reichshoffen sei nach Jahren russischer Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause gekommen. Ein verlorener Sohn. Man hatte ihn längst schon als gefallen aufgegeben. Das elterliche Erbe sei schon längst an die Geschwister verteilt gewesen. Er habe sein Glück dann anderswo gesucht, lebte in Reichshoffen und sei an manchen Sonntagen ins Jägertal gekommen und habe hier auf der Terrasse einen „Petit Rouge“ getrunken. Es seien immer harte Zeiten hier im Tal gewesen. Auch als in den letzten Jahren die Eisenindustrie an Bedeutung einbüßte und viele Menschen sich nach neuer Arbeit umsehen mussten.

 Nicht gerade das Glück, aber eine gute Arbeit hätten sie früher allerdings alle gefunden. In der Eisenindustrie Wasserfallder Region, bei „de Dietrich“: Der Großvater schon, der Vater bis er 1941 an die Ostfront musste, der Heimkehrer aus Reichshoffen. Auch er selbst. Drüben in Niederbronn existiere immer noch eine große Fabrik der Industriellenfamilie de Dietrich, die der gesamten Region ihren Stempel aufgedrückt habe… Ich erinnerte mich: Auch der emaillierte gusseiserne Ofen im Wohnzimmer meiner Eltern war ein de Dietrich. Ich habe diesen Ofen sehr gemocht und mein Vater hielt große Stücke auf ihn. Als Wohnzimmerofen hatte er eine gemütliche Form und strahlte wunderbare Wärme aus. Auch ein Glück: Wärme. DeDietrich war sicherlich eines der ersten Wörter, das ich lesen konnte.

 Wir benötigen etwas Phantasie, um uns vorzustellen, dass in diesem Tal der Schwarzbach schon vor 200 Jahren Fuhrwerke, beladen mit Erzen, Holz oder Eisen, über die nur teilweise gepflasterten Wege holperten, Eisen geschmolzen und gegossen wurde, Hämmer pochten. Das Tal war von Lärm erfüllt, von Rauchwolken und Gestank. Geschäftigkeit herrschte. Arbeiterwohnungen wurden gebaut, um die Arbeitskräfte zu halten, später entstand eine hochherrschaftliche Villa für die Familie de Dietrich. Jägertal war die Keimzelle des Eisen-Imperiums der de Dietrich und zeugt von den Anfängen der Industrialisierung im Elsass. Heute ist Jägertal eine schläfrige Landidylle. Wir sind die einzigen Gäste auf der Terrasse des Restaurants. Zwei Katzen spielen um den Tisch herum und betteln um einen Happen von unserer Paté.

 Zweihundert Meter oberhalb des Ortes hatten wir – unser eigentlich Ziel - an dem alten Hüttenweiher die Ruine Ruine2der 1890 stillgelegten Eisengießerei der Dietrichs erkundet. Weitere Gebäude sind erhalten: eine Lagerhalle, einige Arbeiterhäuser, der Hammergraben. Ungestört kann man hier auf Spurensuche gehen. Die Häuser sind saniert und werden von ausgesprochenen Blumenfreunden bewohnt. Im Ortskern selbst liegt hinter altem Baumbestand in einer weitläufigen Parkanlage die Gründerzeitvilla der Familie de Dietrich. Sie ist heute noch im Familienbesitz. An dem alten Eisentor verbietet ein Schild den Zugang. Weil heute Gartenarbeiten stattfinden, steht das Tor weit offen und wir können einen Blick riskieren und kurz eintauchen in das feudale Leben der gesellschaftlichen Elite im ausgehenden 19. Jahrhundert. Unverändert sind Portierhaus und die Wirtschaftsgebäude mit Remise, die talwärts direkt an der Schwarzbach liegen, während die Villa, erhaben bergseitig errichtet, über dem Dorf herrscht. Die Hausherren sind heute nicht da, die Läden der Villa sind geschlossen. Die Glockenuhr am Gebäude schlägt gerade vier Uhr.

 Am Dorfausgang beansprucht eine kleine, sehr schöne Industriehalle unsere Aufmerksamkeit. Wir erfahren, dass in ihr ehemals eine Turbine stand, mit der man zunächst Strom für die kleine Hütte, nach deren Stilllegung für die Bewohner des gesamten Tales erzeugte. In dem davor liegenden Teich spiegeln sich in der späten Sonne das Turbinenhaus und die herbstlichen Bäume. Zwei Liegestühle am Rand des Teiches ergänzen das idyllische Bild. Ein Bonsai-Züchter aus Heidelberg, hatte unser gesprächiger Patron erzählt, wohne hier mit seiner Frau. Und das angrenzende Arbeiterhaus habe er gerade gekauft. Es ließe sich hier ganz gut leben.

 Als wir bergauf Richtung Niederbronn-Les-Bains wanderten, kam uns Goethe in den Sinn. Auch er hatte sich in der Straßburger Zeit in dieser Gegend umgesehen. Ob er sich in Jägertal aufgehalten hat, ist unverbürgt, dass er aber Niederbronn besuchte, ist gesichert und auch, dass er auf die von Dietrichs aufmerksam wurde. In Dichtung und Wahrheit setzte er Jean III de Dietrich ein kleines literarisches Denkmal. Dieser  war ein Nachfahre des Hugenotten Demange Didier, der 1578 aus dem lothringischen St-Nicolas-de-Port ins damals deutsche Elsass geflüchtet war und dort den Namen Sonntag Dietrich annahm. Jean III. stieg im 18. Jahrhundert zu einem der reichsten Grundbesitzer des Elsass und einem der größten Fabrikanten auf. So erfuhr auch Goethe von ihm bei seinen Streifzügen im Elsaß und den Vogesen:

 „Hier kam uns durch Gespräche einiger Fußbegleiter der Name von Dietrich wieder in die Ohren, den wir schon öfter in diesen Waldgegenden ehrenvoll hatten aussprechen hören. Die Tätigkeit und die Gewandtheit dieses Mannes , sein Reichtum, die Benutzung und Anwendung desselben, alles erschien im Gleichgewicht; er konnte sich mit Recht des Erworbenen erfreuen, das er vermehrte, und das Verdiente genießen, das er sicherte. Je mehr ich die Welt sah, je mehr erfreute ich mich, außer den allgemein berühmten Namen, auch besonders an denen, die in einzelnen Gegenden mit Achtung und Liebe genannt wurden; und so erfuhr ich auch hier bei einiger Nachfrage gar leicht, daß von Dietrich früher als andre sich der Gebirgsschätze, des Eisens, der Kohlen und des Holzes, mit gutem Erfolg zu bedienen gewußt und sich zu einem immer wachsenden Wohlhaben herangearbeitet habe …“ (Goethe, Hamburger Ausgabe, Bd. 9, S.425).

 Auf dem Rückweg nach Niederbronn begegneten wir zwei interessanten Bauwerken der vorletzten Jahrhundertwende, die ehemals zum Familienbesitz der de Dietrich gehörten: Der Ferme Mellon, heute Hotel und Restaurant, und ganz in der Nähe der herrschaftlichen Villa Riesack. Sie wurde 1912 von Eugéne de Dietrich im historistischen Stiel erbaut. Sie liegt etwas zwei Kilometer vor Niederbronn-les-Bains auf einer Anhöhe. Eine junge Frau, die wir ansprechen, erzählt uns, dass man die Villa mieten könne. Sie würden hier den Geburtstag eines Freundes feiern – führwahr ein schöner Ort für ein Fest. Von dem kleinen Park der Villa öffnet sich der Blick Richtung Niederbronn-les-Bains, Start und Ziel unserer kleinen Herbstwanderung, dem wir nach kurzer Rast in der untergehenden Herbstsonne entgegeneilten.
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Information:

  • Es gibt zwei Möglichkeiten nach Jägerthal zu kommen: Mit dem Auto über Niederbronn-les-Bains oder, viel besser, im Rahmen einer schönen Wanderung mit einem industriekulturellen Hintergrund: Sie führt von der Source de Niederbronn über den Col der la Liese, Col der Borneberg, Col der Wolfental schließlich über einen langen Abstieg nach Jägertal. Im Tal stößt man dann auf das Gelände der ehemaligen Eisengießerei und kann dort auf Spurensuche gehen. Anschließend gibt es Gelegenheit, sich im Restaurant Jägertal zu stärken. Wenn man Glück hat, kann man sich dort sogar Geschichten erzählen lassen.

 

  • Informationen zum Wanderweg findet man in allen guten Wanderführern.Auch Reichshoffen ist eng mit der Geschichte er Familie de Dietrich verbunden. Im Museum ist die Geschichte der Industriellenfamilie dokumentiert:

  • Musée du Fer
    9, Rue Jeanne d´Arc
    67110 Reichshoffen
    0033-(0)3 88 80 34 49

  • Villa Le Riesack, Landgästehaus, Route des Jägertal, F-67110 Niederbronn-Les-Bains
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Das Copyright aller Bilder dieses Beitrages und des Galerie-Moduls liegt bei dem Autor Armin Schmitt © 2009
Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2009

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