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Ensdorf, Bergwerk Ensdorf

Grubenfahrt ins „Grangeleisen“

Armin Schmitt, 2010

Ban_Ensdorf

 
2012: ENDE DES SAARBERGBAUS
„Glück auf“, der alte Bergmannsgruß bedeutet zweierlei: einmal das Glück, unter Tage ein Flöz aufzufahren, auf der anderen Seite das Glück, dem Berg nach der Schicht wieder heil entkommen zu sein.

 

Nur noch zwei Jahre wird dieses Glück im saarländischen Bergbau eine Rolle spielen, denn nach dem großen Beben vom 23. Februar 2008, nach der „Erschütterungsproblematik“, wie es in der Sprache der RAG heißt, wird der Bergbau im Saarland nur noch „abgewickelt“. Noch vor dem Ende des deutschen Bergbaus 2018 geht die Jahrhunderte dauernde Ära des Bergbaus an der Saar schon 2012 zu Ende. Reiche Kohlevorkommen in 2000 Meter Tiefe können wegen der instabilen geologischen Situation nicht mehr abgebaut werden. Große brüchige Sandsteinbänke lagern über dem Abbaugebiet. Durch das in die entstehenden Hohlräume nachbrechende Gestein kommt es zu gewaltigen Druckverschiebungen, die in der Vergangenheit wiederholt zu Erschütterungen geführt haben. Beim Beben im Februar 2008 kam es nicht nur zu erheblichen Schäden, sondern in der Folgezeit auch zu Formierung eines breiten Protestes der betroffenen Bevölkerung gegen einen weiteren Abbau. Der Druck auf die Politik und die RAG nahm zu. Ein frühzeitiges Aus war unumgänglich. Für die betroffenen etwa 4000 Bergleute auf dem Bergwerk Saar der RAG bedeutet dies: Frührente oder „Umsetzung“ zu „Anthrazit Ibbenbüren“ in Nordrhein-Westfalen. Sozialverträglich soll das Ende sein. Es werden bleiben: Erinnerungen, die Haldenlandschaft, die Tagesanlagen, die hoffentlich einer sinnvolle Weiternutzung zugeführt werden, und die „Ewigkeitskosten“ wie die Wasserhaltung oder die Beseitigung der Bergschäden, die durch die großflächigen Absenkungen im Abbaugebiet entstehen.

 

GRUBENEINFAHRT AM DUHAMEL-SCHACHT, GRUBE ENSDORF
Die Tagesanlagen der Grube Ensdorf gehören heute zum letzten Bergwerk im Saarland, dem Bergwerk Nord. Sie bilden ein beachtliches industriegeschichtliches Ensemble. Neben neueren Anlagenteilen findet man hier historische Gebäudeteile aus der Zeit um 1900, darunter Teile des Verwaltungsgebäudes, ein Fördermaschinenhaus mit einer historischen Fördermaschine und beachtliche Fördergerüste. Überragt werden die Tagesanlagen von der Bergehalde, im Volksmund als Monte Duhamel oder Monte Schlacko bezeichnet. Sie befindet sich im Wandel: Kunstprojekte und Musikveranstaltungen finden hier statt. Neuerdings wachsen 60 Weinreben hier. Ob sie einen ordentlichen Wein hergeben?

Die Grubenfahrt, die wir hier erleben, wird wahrscheinlich bald Geschichte sein. Von Duhamel-Schacht aus starten wir in das Flöz Grangeleisen, das letzte Flöz, das im Saarrevier noch abgebaut wird. Bis zu den Erderschütterungen 2008 wurden hier jährlich 4 Millionen Tonnen Kohle gefördert, nun sind es nur noch 1 Million Tonnen. Grangeleisen ist kein „intelligentes Flöz“, kein Filetstück. Die hier abgebaute Kohle enthält eine Menge Verunreinigungen, aber die Qualität reicht aus, um die Kohlekraftwerke der Region zu befeuern. Da jetzt schon deren Bedarf an Brennmaterial nicht mehr gedeckt werden kann, wird Kohle aus Polen und Südafrika hinzugekauft. Ab 2012, wenn die Förderung gänzlich eingestellt wird, werden die Kraftwerke an der Saar den gesamten Kohlebedarf auf dem Weltmarkt besorgen, also auch zu Weltmarktpreisen einkaufen müssen.

 

Im Ingenieurbad erhalten wir die Garderobe für unter Tage – eine baumwollene Unterhose, Unterhemd, ein beige-blau gestreiftes kragenloses Bergmannshemd, ein Halstuch gegen die kalten Wetter und großen Temperaturschwankungen unter Tage, schwere Lederschuhe mit hohen Schäften, Schienbeinschützer und die beigefarbene dicke Bergarbeiterhose, Schutzbrille und Helm, in der Lampenkaue schließlich das Geleucht und ein Atemgerät für den Notfall, den es aber mit Sicherheit nicht geben werde, wie beruhigend der begleitende Ingenieur erklärt.

 

Vom Duhamel-Schacht geht in einem engen Förderkorb es etwa 800 Meter in die Tiefe. In Zweierreihe stehen wir in einer engen, etwa 5 Meter langenden Eisenkiste, mit der es nun etwa 8 m /Sek nach unten geht. Es ist dunkel, einige machen ihre Stirnlampen an. Durch die Ritzen des Förderkorbes dringt der kühle Fahrwind und ab und an auch Licht, wenn der Förderkorb einen der Stollen passiert. Manchmal hört man auch Wortfetzen. Uns hält ein Stahlseil und, wie wir später erfahren, die Kraft einer uralten Dampfmaschine, gebaut 1918 von der Maschinenfabrik Dingler in Saarbrücken. Sie ist neben der Maschine der Grube Velsen im Warndt die letzte noch funktionsfähige alte Fördermaschine und ein herausragendes Dokument der Technikgeschichte, das hoffentlich auch nach dem Ende des Bergbaus erhalten bleibt.

 

Angekommen auf der Sohle von 800 Meter entlässt uns die Enge des Förderkorbes in große tunnelartige Stollen. Diffuses Neonlicht erhält sie spärlich. Bergleute sind nur vereinzelt zu sehen. Überall dicke Bündel von Versorgungsleitungen, Rohren, Schilder mit Warnhinweisen, Schienenstränge, altes Gerät … Zwei drei Begleiter und eine Untertage-Schmalspurbahn erwarten uns. In kleinen geschlossenen Eisenwaggons geht die Fahrt weiter; im Vergleich zu früheren Zeiten eigentlich relativ komfortabel. Die geschlossenen Eisenwaggons bieten sicheren Schutz vor herabfallendem Gestein. Die Sitze sind hart, aber das rhythmische Fahrgeräusch des Elektrozuges weckt Vertrauen. Manchmal wird es fast dunkel im Stollen – niemand spricht mehr, so sehr beeindruckt sind wir alle von dieser Reise in das Innere der Erde. Mit Hilfe von Metallankern oder Stahlbögen wird das hangende Gestein über uns gehalten. Nach einer Fahrt über drei oder vier Kilometer steigen wir um auf eine Seilbahn, mit der es abwärts Richtung „Grangeleisen“ geht. Die Reise ist nun nicht mehr so „luxuriös“, wir sitzen, aufgereiht in Zweierreihen ziemlich unbequem in offenen Kuliwagen und halten uns fest, so gut es geht. Ferne Arbeitgeräusche deuten darauf hin, dass wir uns langsam dem Abbaufeld nähern. Manchmal leuchten einzelne Grubenlampen auf. Neben der Seilbahn läuft inzwischen ein Transportband, das das „schwarzes Gold“ zum Förderschacht transportiert. Das Abbaufeld Grangeleisen kann nicht mehr weit sein… Als wir die Kuliwagen verlassen und die Glieder wieder richten, haben wir eine erste Ahnung von der harten Arbeit der Bergleute, insbesondere auch in vergangener Zeit, als es unter Tage noch weniger Maschinen gab, als man bei der Seilfahrt tatsächlich an Seilen hing, als die Kohle noch im Handbetrieb mit „Keilhaue“, und Schaufel abgebaut wurde, als ausgebeutete Kinder und halbblinde Grubenpferde durch enge Stollen die Kohle transportierten, als die Bergleute kaum geschützt waren von den gefährlichen Schlagwetterexplosionen. Rohre und Versorgungsleitungen sind dick mit Fett bestrichen, das den Kohlestaub bindet. In gewissen Abständen sind über uns Wassergefäße angebracht, die sich bei einer Explosion durch die Druckwelle automatisch entleeren, wodurch schützende Wasservorhänge entstehen, die das nachfolgende Feuer ersticken sollen… Keine Gefahr heute. Wir gehen zu Fuß weiter. Der Stollen wird enger, die Temperatur steigt, es riecht nach feuchter Kohle. Für ein Abbaufeld ist es fast unheimlich still. Wir können ferne Stimmen hören, weil das Förderband abgestellt, keine Maschine läuft, ein leichtes Brodeln ist in der Luft.

 

Wir erreichen schließlich das Abbaufeld Grangeleisen und stehen vor der gigantischen Schrämmmaschine. Das hydraulische Schildstreb schützt die Maschine und uns vor dem darüberliegenden Gestein. Etwa vier Meter dick ist das Kohlenstreb, durch das sich der Walzenschrämmlader wühlt. Das Flöz liegt schräg in der Erde. Zwischen Schrämmlader und dem Schildstreb kraxeln wir weiter nach unten, halten uns fest an Seilen, die man offensichtlich extra für uns angebracht hat. Die Bergleute an der Maschine sind jung, ihre Gesichter sind von Kohlestaub geschwärzt. Wir begrüßen uns mit einem „Glück auf“. Von ihrer Arbeit lassen sie sich kaum ablenken. Wir erfahren, dass die Maschine wegen einer zu starken Kohlendioxydkonzentration abgeschaltet worden sei, offensichtlich aber ein Fehlalarm, eine Gefahr bestünde nicht. Sie werde bald wieder angefahren. Wir warten gespannt. Schließlich setzt sich das Ungetüm wieder in Bewegung. Von einem Bergmann elektronisch gesteuert, fressen sich zwei Bohrköpfe in das schwarze Gestein, das vor 200 Millionen aus dem Morast versumpfter Wälder entstanden ist. Einige von uns hoffen auf Fossilienfunde, Versteinerungen von Pflanzen und Cephalopoda, marine Kopffüßler oder Ammoniten, die längst ausgestorben und in Millionen von Jahren zu Kohle geworden sind. Niemand macht heute Funde.

 

Die gebrochene Kohle fällt in die parallel laufenden Förderbänder und wird über eine Strecke von vier Kilometer zum Förderschacht abtransportiert – eine logistische Meisterleistung unter Tage. Die Maschine, das brechende Gestein, die Rollen des Förderbandes erzeugen einen ohrenbetäubenden Lärm. Es muss anstrengend sein, den ganzen Tag in dieser Enge und in diesem Lärm zu arbeiten. Wasser kühlt nicht nur die Bohrer, sondern befeuchtet auch die Kohle, damit sich die Staubentwicklung in Grenzen hält. Acht Mal pro Schicht läuft die Maschine durchs Abbaustreb, auf und ab. Still steht sie nie, auch nicht an Sonn- und Feiertagen, nicht an Ostern und Weihnachten. Sie muss immer laufen, um sich bezahlt zu machen, in drei Schichten täglich. Wenn sich die Maschine vorarbeitet im Streb, rückt der hydraulische Schildstreb nach. Dahinter bricht das überhängende Gestein nach und füllt die Hohlräume. Bei großflächigem Abbau kommt es dann über Tage zu den berüchtigten Grubensenkungen. Oft sind sie gar nicht wahrnehmbar, weil im Laufe der Zeit große Flächen abgesenkt werden. Schäden entstehen nur an den Randzonen, an den Bruchstellen am Rande der Absenkungen. Hier geraten Häuer und Kirchtürme in Schieflage, bilden sich Risse im Mauerwerk.

Bergarbeiter

 

Foto:Krüger Druck + Verlag © 2011             Bergleute des Bergwerks Saar beim Vortrieb (2008)   

Wir steigen langsam durch das Kohlestreb weiter nach unten. Der Lärm der Schrämm-Maschinen begleitet uns. Bald erreichen wir den Kopfstollen, ein Versorgungsstollen. Hier steht der Versorgungszug, die Technik- und Sicherheitszentrale für die Kollegen im Abbaufeld. Die Stromzufuhr wird von hier gesteuert, die Schadstoffe in der Luft kontrolliert. Bei Erreichen von Grenzwerten werden von hier aus sofort alle Geräte abgeschaltet. Wir befinden uns in einer subtropischen Klimazone mit warmfeuchtem Klima. Einigen macht das Untertage-Klima zu schaffen. Zu Fuß, mit der Seilbahn und mit dem Zug geht es wieder zurück zur Seilfahrt am Duhamel-Schacht. Langsam wird wieder kälter. Wir sind müde und beeindruckt von dieser faszinierenden Unterwelt. Mein Großvater kommt mir in den Sinn, der nach dem zweiten Weltkrieg viele Jahre in der Grube gearbeitet hat. Mit pressluftgetriebenen Abbauhämmern arbeiteten sich die Bergleute damals noch ins Flöz. Der Kohlestaub hat im die Lunge zerfressen.

 

 Es ist schon dunkel, als wir das Bergwerk wieder verlassen. Wir haben noch Zeit, die alte Dampfmaschine zu bewundern, an der eben noch unser Leben hing. Sie ist nicht nur schön, erzeugt ein fast meditatives, rhythmisches Motorengeräusch, sondern ist auch eine technische Meisterleistung, die nun schon fast hundert Jahre täglich Dienst tut. Es wäre zu wünschen, dass nicht nur dieses herausragende technikgeschichtliche Dokument erhalten bleibt, sondern auch in Zukunft Grubenfahrten stattfinden können. Nur die authentische Erfahrung kann einen wirklichen Eindruck vermitteln. Kein Film, keine Schilderung kann die Begegnung von Ort ersetzen. Die unterirdische Welt des Bergbaus, dem das Saarland immerhin seine Existenz als Bundesland wesentlich verdankt, darf nach 2012 nicht für immer verloren gehen, sondern sollte der Öffentlichkeit zugänglich bleiben, um den Kohleabbau realistisch dokumentieren zu können. Neben dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte entstünde ganz in der Nähe ein weiterer spektakulärer Ort der Industriekultur, der die Attraktivität der Region beträchtlich steigern würde.

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Informationen:

 http://de.wikipedia.org/wiki/Bergwerk_Saar

 www.saarlandbilder.net/orte/ensdorf/grube
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Titelgrafik: Christoph M Frisch  © 2011
Bildnachweis: Die Fotografie in diesem Beitrag wurde dem Band
DER SAARLÄNDISCHE STEINKOHLEN BERGBAU entnommen.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Krüger Druck + Verlag © 2011

 

 

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