Handmade – eine Dokumentation handwerklicher Arbeit

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VORWORT

Handwerk und Industrielle Produktion – die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Was hat das Handwerk mit der Industriekultur zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel: Vor der Industrialisierung war das Handwerk neben Landwirtschaft und Handel der vorherrschende Erwerbszeit. Es ist also viel älter als die Industrialisierung und Technisierung der Produktion im Laufe des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur handwerklichen Herstellung von Waren ist die industrielle maschinell, produziert das Immer-Gleiche. Das Handwerkliche wird bestimmt durch die manuelle Machart, es ist bisweilen grob, nicht ganz perfekt, aber es atmet. Das industrielle Produkt ist glatt, ohne Makel, aber auch steril. Man kann es innerhalb einer begrenzten Zeit immer wieder neu erwerben. Das handwerkliche Produkt dagegen ist individuell, ein Unikat. Man bekommt es nicht wieder, denn die Reproduktion ist immer nur eine Annäherung. Augenmaß, Material, das Können des Handwerkers spielen eine wichtige Rolle. Der Handwerker ist ein Individualist, manchmal sogar ein Künstler, der sein ganzes Können in das Produkt gibt. Im Gegensatz zum klassischen Industriearbeiter hat er immer das Ganze im Blick: das Produkt, den Kunden und den Gewinn. Den Mehrwert steckt er selbst ein. Im Sinne von Marx ist er gegenüber dem hergestellten Produkt nicht entfremdet. Schließlich findet die industrielle Arbeit in maschinenbestückten Fabriken statt. Der Handwerker benötigt spezielle Werkzeuge, selbstverständlich auch kleine Maschinen. Sein Arbeitsplatz befindet sich in einer Werkstatt, in einer Nische, einem kleinen Laden im Basar. Ihm reicht auch nur ein Dach über dem Kopf oder er arbeitet unter freiem Himmel wie die Schumacher in Indien oder die Frisöre, die mit einem Nagel, Schmiede10einer beliebigen Hauswand, Spiegel, Stuhl, Schere und Kamm einen Salon improvisieren.

Die Industrialisierung hat das Handwerk nicht überflüssig gemacht. Konnte sie auch nicht. Denn ohne klassische Handwerker wie Maurer, Zimmerleute, Schlosser und Maler werden weder Haus noch Stadt gebaut. Handwerkliche Produkte sind im Zeitalter billiger Massen- und Wegwerfware begehrter denn je. Die Bedeutung des Handwerks im Zeitalter der Maschine ist ein Beleg für die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Die industrielle Produktion ist vorherrschend, aber das Handwerk beansprucht weiterhin seinen Platz. Oft geht die manuelle Fertigung eine Verbindung mit der Kreativität ein. Man denke an die Taschenmacher und Schneider, die Gold- und Silberschmiede, die Töpfer und Drechsler. Und schaut man sich in der Welt um, findet man, vor allem in weniger industrialisierten Regionen, faszinierende Handwerkskünste: wunderbare Steinmetze in Indien und Peru, Zimmerleute und Holzschnitzer Foto: Christoph M Frisch © 2012                    im Bhutan, Ikonenmaler auf dem Berg Athos, Gerber und Färber in Marrakech, Korbflechter in Bolivien, Buchbinder in Deutschland, Weber, Silber- und Kupferschmiede in Persien …

 

KlammerWeil man sie überall auf der Welt noch antrifft, wird der manuellen Arbeit als Kontrapunkt zur industriellen Arbeit auf unserer Webseite Raum geboten. Angestrebt wird als work in progress eine Dokumentation handwerklicher Arbeit weltweit. Wer mit einem Bild und einem erläuternden Text einen Beitrag leisten will, ist herzlich eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Die Texte können auch in englischer Sprache verfasst werden.                                                 Armin Schmitt,August 2010


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