Tradtionelles Kunsthandwerk in Marokko

Traditionelles Kunsthandwerk in Marokko

Marrakesch, 27. 3. 2013

Marokko gehört zu den farbenfrohen Ländern der Welt. Orientalisches Treiben in den Märkten, blühender Handel in den Labyrinthen der Souks seit Jahrhunderten, überbordende Auslagen, Händler hinter Bergen von Früchten und Gewürzen, buntem Schuhwerk, farbenfrohen Stoffen, Teppichen, Kisten, Schachteln, Tische und Schränke mit aufwändigen Intarsien, anmutigen orientalische Lampen aus Messing und Kupfer, Leder- und Töpferwaren aller Art, kunstvollen Flechtarbeiten, kostbare Ölen, filigranen Schmuckstücken und wunderbaren Steinmosaiken... Auf den Plätzen und in den Souks von Meknès, Fés oder Marrakesch begegnet man der Kunstfertigkeit auf Schritt und Tritt, kann den Handwerkern zuschauen, ihre Erzeugnisse in den Läden bewundern. Augenschmaus folgt auf Augenschmaus. Und Geruch auf Geruch. Und Geschmack auf Geschmack. Faszinierend die Farbenfreude, das Durcheinander von Wohnen und Arbeiten, von Herstellung und Verkauf, grundiert von einem orientalischen Sound aus Stimmen, Arbeitsgeräuschen und Musik. Nur ungern lässt man sich weitertreiben, es sei denn Jugendlichen knattern gerade auf ihren Mopeds vorbei, ziehen einen Höllenschweif aus atemraubenden Gestank hinter sich durch die schmalen Gassen, weit schlimmer als die Ausdünsten der Gerbereien.

Im Staatlichen Kunstgewerbezentrum von Marrakesch

In der Teppichweberei im staatlichen Kunstgewerbezentrum hat man für die Fotoerlaubnis vielleicht zehn Dinare zu löhnen: Farbfrohe Wollbündel an den Webstühlen für die Teppiche. Musterbögen, angefangene Teppiche, die Anfänge eines Musters, fast fertige – nach wochenlanger Arbeit. Die Frauen an den Webstühlen kichern, laden ein, sich neben sie zu setzen, ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Mutig, denkt man. Aber auch sie bessern ihren Tageslohn auf. Fotoerlaubnis nur gegen Cash. Egal. Es lohnt sich. Die Instrumentenmacher erlauben ohne Aufschlag, Bilder von den Instrumenten zu machen, von den Lauten, Trommeln, Violinen und Ouds. Hier würde man gerne länger verweilen, aber man scheint als Betrachter nicht sehr willkommen. Gefragt ist der Käufer. Der Korbmacher nebenan flechtet Körbe und Taschen in allen Größen und für alle Zwecke, näht und nietet Applikationen. So lassen sie sich wohl besser verkaufen. Wirken irgendwie moderner. Er ist versunken in seine Arbeit. Wendet sich nicht eimal um. Die Holzschnitzer und Kistenmacher sind spezialisiert auf Schachbretter, Tische und auf die immer wieder variierten Kisten und Kasten, Schatullen und Döschen für kleine und große Kostbarkeiten. Die Lederwarenmacher stellen sich allmählich um. Die Nachfrage nach schönen Bucheinschlägen geht zurück, angesagt sind Lederhüllen für Ipad, Handy und Laptop. Mit Akribie bemalt der Holzmaler Schränke und Türen, verkauft nebenbei auch Postkarten, leicht überteuert, aber mit charmantem Lächeln, was alles erleichtert. Alte Photokarten, die ein vergangenes Marrakesch zeigen. Erinnerungen an die „Stimmen von Marrakesch“ stellen sich ein. Ein kleines Glück en passant.

Farbbündel über der Straße: Im Färberviertel von Marrakesch

Wenn man etwas Glück hat, gelangt man bei Streifzügen durch die Souks auch in das Färberviertel, wo man gegen eine kleine „Gage“ den Färbern bei der Arbeit zuschauen kann. In großen Kesseln wird die Naturwolle im Farbsud gekocht, gelb, rot, blau. Mit großen Holzlöffeln wird in den dampfenden Kesseln gerührt. Färbemitteln sind Natur-Pigmente, hergestellt aus Mineralien oder Pflanzen, zumindest behaupten dies die Färber und präsentieren überzeugend ihre leuchtende Pigmentsammlung aus Safran, Idigo, Purpur, Lapislazuli. Nach dem Färben leuchten die Wollbündel, aufgehängt zum Trocknen an Schnüren über der Straße. Ein schöner Anblick.

Geruchserlebnis der besonderen Art: Im Gerberviertel von Marrakesch

Nähert man sich dem Gerberviertel, so leuchtet einem sofort ein, dass der Gerberberuf seit alters her nicht hoch angesehen war. Die Herstellung von Leder galt als ein schmutziges und anrüchiges Gewerbe, denn der Umgang mit faulenden Tierhäuten und giftigen Chemikalien setzte extremen Gestank frei. Zudem war es eine gefährliche Arbeit. Milzbrand, die Berufskrankheit der Gerber, und andere schwere Erkrankungen konnten zum Tode führen. Die Gerberei war unrein, der Gerber gehörte in der mittelalterlichen Stadt in die untersten Stand des Handwerks.

Kaum hat man das Gerberviertel erreicht und den etwas eigenartigen Geruch von Aas und chemischen Ausdünstungen wahrgenommen, kommt einem auch schon einer der zahlreichen Führer, ohne den man hier nicht weiterkäme, entgegen, und bietet mit einem Lachen und gegen ein kleines Entgelt die „Gasmasque de Marrakesh“ an, ein Büschel frischer Minze, das man bei Übelkeit unter der Nase reiben kann. Durch ein Tor betritt man kurze Zeit später eine Hinterhoflandschaft mit einer der zahlreichen Gerbereien des Viertels. Hier reiht sich, in die Erde eingelassen, Bottich an Bottich, einige zugedeckt, andere gefühlt mit milchiger, wiederum andere gefüllt mit einer roten, braunen, gelben Flüssigkeit. In einigen stehen die Gerber kniehoch in der Brühe, stampfen in die Bottiche, rühren in milchiger Kalkbrühe, entfernen Haare von den Häuten, ziehen Lederstücke aus der Gerbbrühe, bearbeiten sie mit einem Messer, werfen sie von einem Bottich in den anderen und treiben so die Metamorphose der stinkenden, faulenden Haut in wohlriechendes haltbares Leder voran. Die Prozesse zu durchschauen, helfen die Erklärungen des Führers kaum. Nur so vieles bleibt hängen: Gegerbt werde hier mit Methoden, die seit Jahrtausenden in Gebrauch sind. Denn das Gerben sei so alt wie die Menschheit. Seine Anfänge reichten in die Steinzeit zurück, als man durch Zufall entdeckte, dass Rauch oder bestimmte pflanzliche Stoffe Tierhäute haltbarer machten. Die alten Ägypter, die Griechen und Römer hätten die Gerbverfahren verfeinert. Spätestens durch die Römer seien sie auch in Nordafrika heimisch geworden. Die Römer hätten pflanzliche Gerbmittel aus Kiefern und Erlen, aus der Granatbaumrinde, aus Galläpfeln, Sumach und Eichen hergestellt. Teilweise sei das heute noch so, selbst wenn synthetische Färbmittel auf dem Vormarsch seien.

Auch wenn sich durch die Beobachtung und die Erklärungen nicht alles erschloss, so muss doch in den Bottichen, durch das Hantieren und Hin und Her der Gerber ungefähr folgendes geschehen: In ersten Schritten werden die Tierhäute für den Gerbprozess vorbereitet, durch Waschen Verunreinigungen beseitigt, durch „Äschern“ die Haare entfernt und das Kollagengefüge der Häute gelockert. Weitere biochemische Prozesse bereiten sie auf die eigentliche Umwandlung von Haut in haltbares Leder vor. Dabei kommen Gerbmittel pflanzlicher, mineralischer oder synthetischer Herkunft zum Einsatz, in Marokko, so der Führer, seien dies vor allem pflanzliche Mittel. Der Sud bestehe aus Walnussblättern, Eichen- und Kastanienrinde und speziell behandeltem Taubendreck, gekocht und über Nacht gut durchgezogen. Im Gegensatz zum Einsatz von Ammoniak bestehe für die Arbeiter dadurch keine Gefahr, sich Hautätzungen zuzufügen. Dadurch aber entstehe der penetrante Gestank. Solche Gerbverfahren seien sehr langwierig, dauerten bis zu einem Jahr. Chemische Zusätze könnten den Prozess jedoch auf einige Tage verkürzen. Fälle von Milzbrand gäbe es keine mehr. Die Veterinärbestimmungen seien verschärft und gegen den Bacillus anthracis gäbe es heute schließlich Antibiotika.

Nach der Gerbung durchlaufe das Leder noch einige finale Prozesse, werde gespalten, falls es zu dick ist, gefärbt und gefettet und anschließend zum Trocken ausgelegt. So auch auf den Dächern der flachen Gebäude der Gerberei in Marrakesch. Lederstücke in Natur, in Rot, Gelb und Braun liegen hier in der Sonne zum Trocknen aus. Die Minze in der Hand ist längst vergessen. An den Geruch ist man längst gewöhnt und „in der Nase“ hat man eher die prächtigen Auslagen mit den Schuhen und Taschen in den Souks – aus garantiert noch handgegerbtem Leder.

Das „Weiße Gold Marokkos“ - handgepresstes Argan-Öl

Südwestmarokko, 1. 4. 2013

Arganöl ist hoch im Kurs als Grundlage für Kosmetika und Delikatess-Speiseöl. Es wird gewonnen aus den Mandeln des Arganbaumes, der Arganie. Es handelt sich um einen der ältesten Bäume der Welt, der nur im Südwesten Marokkos gedeiht. Fährt man von Marrakesch in Richtung Essaouira kommt man in Küstenregion beispielsweise durch ein umfangreiches Gebiet, in denen die Arganie gedeiht. Manchmal sitzen hier Ziegen in den Bäumen und fressen die Blätter. Das soll ihr Fleisch besonders mager und wohlschmeckend machen, eine Delikatesse für zahlungskräftige Diabetiker, erzählt man. Das Wachstumsgebiet ist seit 1998 Biosphärenreservat der UNESCO. Vor allem in ländlichen Regionen wird das Arganöl noch in kleinen Familienmanufakturen, in den letzten Jahren verstärkt auch in Frauenkooperativen in mühevoller Handarbeit hergestellt, in einem Verfahren, das wahrscheinlich schon hunderte von Jahren alt ist, in letzter Zeit aber verstärkt unter Druck geraten ist. Denn in Casablanca und Agadir wird das Öl aus der Arganmandel inzwischen im großem Maßstab für die gestiegene internationale Nachfrage industriell gepresst. Dadurch wird vielen Frauen und Kleinstbetriebe der Boden unter den Füßen weggezogen. Durch Förderung von Kooperativen versucht die marokkanische Regierung dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

Natürlich ist die traditionelle Pressung im Vergleich zur industriellen sehr zeitaufwändig. Das ist das Problem. Für die Pressung von einem Liter Arganöl müssen zwei Tage Arbeit veranschlagt werden. Dabei werden 30 Kilo Früchte verarbeitet, die gesamte Ernte von 4-5 Bäumen. Das erklärt auch den hohen Preis von Arganöl, vor allem aus Handpressung: Zunächst werden die Früchte nach dem Trocknen von den Frauen auf einem Stein aufgeschlagen, danach die Mandelkerne angeröstet und mittels einer Steinmühle zermahlen, ein zeitraubender Vorgang. Aus dem unteren, konkav gewölbten Stein, auf dem der Mühlstein von Hand gedreht wird, fließt das dickflüssige Mandelmus in eine Schüssel. Unter Zugabe von Wasser wird das Mandelmus zu einem Brei, der so lange gerührt und geknetet wird, bis das Öl in einem kleinen Rinnsal aus der Masse herausgepresst werden kann, um dann als Speiseöl verkauft oder als Grundstoff für kosmetische Produkte weiterverbreitet zu werden. Die Berberfrauen pflegen mit dem Öl traditionell ihre Haare und Haut. Schaut man genau hin, so wird man feststellen, wie ihr schwarzes Haar glänzt, wie schön ihre Hände sind und wie glatt ihr Teint.

Tamegroute, 2.4. 2013

Impressionen aus Tamegrout im Süden Marokkos

Auf der Fahrt zurück nach Marrakesch Rast in Tamegroute, wo sich eine berühmte Koranschule befindet, außerdem die Gräber von charismatischen islamischen Heiligen und einer hochverehrten Frau irgendeiner Sekte, die ich vergessen habe. In der Bibliothek ca. 4000 wertvolle Handschriften aus dem 12. - 16. Jahrhundert, aufbewahrt in Glasschränken, einige davon aufgeschlagen in vorgebauten Vitrinen, so dass man sich über sie beugen kann: Kosmologien, mathematische Abhandlungen, ein Stadtplan von Kairo, Koran-Kommentare vergangener Jahrhunderte.

Der alte Bibliothekar, in reinliches Weiß nach Landesart gekleidet, gibt kurze Kommentare, teilweise sogar in Deutsch. Er sitzt im Rollstuhl, zu tief, um die Bücher zu sehen, weiß aber, wo welches Buch liegt aus der Erinnerung. Ein Teil seines Beines ist gerade amputiert worden; ein verbundener Stumpf schaut unter dem Kaftan hervor. Sein Sohn schiebt ihn entlang der Bücherreihe und der Alte stößt kurz und gepresst seine knappen Erklären hervor, manchmal sogar in einem fragmentarischen Deutsch. Er ist immer noch stolz, man spürt es und sieht es ihm an, Herr so vieler kostbarer Bücher zu sein. Die Hitze und Trockenheit habe sie gut saniert, erklärt später der Sohn und seit einigen Jahren seien sie in den Schränken gesichert. An eine Digitalisierung sein nicht denkbar. Es fehle das Geld.

Ein kurzer Weg führt später durch ein Dorfviertel in Lehmbauweise, typisch für die Dorfarchitektur südlich des Atlas. Zentralafrika ist nun nicht mehr weit. Die Sahara beginnt. Steine sind Mangelware. Also errichtet man die Häuser in Handarbeit und ständig ausbessernd aus Adopen, in der Sonne gebrannten Lehmziegeln, die überall hergestellt werden. Obwohl es sehr heiß ist, bewahren die schattigen engen Dorfgassen auch nachmittags noch eine angenehme Kühle. Die unteren Räume der Häuser dienen meist Wirtschaftszwecken, darüber wird gewohnt. Ab und an ist ein Radio oder Fernseher zu hören. Stimmen. Wunderbar das Spiel der Ockertöne im fahlem Licht und Schatten. Durchblicke durch schmale Dorfgassen, weite Fluchten, die im Licht enden, labyrinthische Wucherungen, chaotisch gewachsen, dem jeweiligen Bedarf angepasst, immer wieder ausgebessert. Dazwischen Aufgegebenes, halb Zerfallenes. Dann plötzlich: eine Kindergruppe. Lachende Kindergesichter. Buntes, lebhaftes Winken in der Dorfschlucht. Der Dorfkindergarten...

An der Hauptstraße wieder eine andere Szenerie: Töpferwaren - roh, glasiert, grün - quillen aus den Häusern. In den Hinterhöfen Töpfereien, gestapelte Tonwaren mit der dorftypischen grünen Glasur. Kurzes Innehalten, um die Töpfer zu beobachten. Wie sie den Ton durchkneten, damit er weicher wird, wie sie ihn zu Gefäßen und Schalen formen mit Hilfe der Töpferscheibe. Dann das Trocknen in Reih und Glied der noch rohen Gefäße in der Sonne, das Aufbringen der Glasur, das Brennen über 24 Stunden in einem mit Holz beheizten Erdbrennofen. Die Arbeiter am Brennofen sind jung. Kinderarbeit oder nur Hilfe nach der Schule? Niemand will Auskunft geben. Jeder muss helfen, wird gebraucht. Die professionellen Brennöfen der GTZ verrotten. Man setzt auf traditionelle Produktion, wahrscheinlich fehlt der Strom. Ein kleines Gewürzgefäß und eine orientalische Tonlampe ist als Erinnerung mit im Gepäck. Was ein kurzes Innehalten für Welten eröffnet.