Aus gegebenem Anlass stellen wir dieser Dokumentation zu Chris Vesters Projekt  "Eisenmangel" einen Kommentar des Künstlers voran.

.....ein Jahr danach.

Im Frühjahr 2009 ist ohne Diskussion, ohne Information oder Vorwarnung das von „Schichtwechsel“
initiierte Projekt, und der Stadt Völklingen zu treuen Händen überantwortete Kunstwerk „Eisenmangel“
in einer Nacht- und Nebelaktion von der Stadtverwaltung entfernt worden.

Das Projekt war dafür gedacht, einen wichtigen Ort im städtebaulichen Gesamtgefüge der Stadt
Völklingen mit einem angemessenen Kunstwerk zu markieren. Der Ort ist Schnittpunkt zweier stadt-
und landschaftsprägender Elemente: die alte Verbindungsstraße zwischen Saarbrücken über Völklingen
nach Saarlouis kreuzt das Köllertal an dieser Stelle. Heute wird dieser Ort von einem mehrspurigen
Verkehrskreisel mit 100 m Durchmesser und einer querenden Autobahnbrücke besetzt.

Das Kunstwerk selbst nahm in symbolischer Form auf die alte Hüttenstadt Bezug und sollte mit der
Darstellung von vier mächtigen Roheisenpfannen auf die Geschichte der Arbeit mit ihrem, dabei
erworbenen Gut Eisen hinweisen. Nach einem Akt , geprägt von Ignoranz und Besserwisserei ist nun der
Kreisel am Stadteingang wieder geräumt und in seiner räumlichen und inhaltlichen Leere wieder ganz dem
tosenden Verkehr gewidmet, um vielleicht zu Erntedank wieder mit etwas Kitsch geziert zu werden.

Ein Jahr nach dem „Bildersturm“ ist die Stadtverwaltung von Völklingen offensichtlich noch nicht in der
Lage ein ernsthaftes Konzept für eine Neugestaltung dieses städtebaulich so sensiblen Punktes am
Eingang zur Innenstadt seinen Bürgern vorzulegen.

Chris Vester im Mai 2010

 

EISENMANGEL
C  h   r   i   s    V   e   s   t   e  r
S t i l l e b e n für Völklingen
Ein Projekt im Rahmen von SCHICHTWECHSEL 2000

Eisenmangel

 

EIN STILLEBEN FÜR VÖLKLINGEN
Einige Anmerkungen zu Chris Vesters Environment-Plastik "EISENMANGEL"
von Armin Schmitt

"EISENMANGEL.STILLEBEN FÜR VÖLKLINGEN", so nennt Chris Vester sein plastisches Environment, das in einem mehrmonatigen Arbeitsprozess als Prolog zu SCHICHTWECHSEL 2000 entstanden ist . Die Idee und das Konzept entstanden schon vor zwei Jahren nach einer ersten Begegnung mit dem Künstler. Damals war die stillgelegte Völklinger Hütte für Vester schon längst keine unbekannte Größe mehr. Er hatte sich 1995 mit dem Denkmal künstlerisch auseinandergesetzt, hatte es photographiert und gezeichnet. Die Architekturzeichnungen, die damals entstanden waren, sind schon in mehreren Ausstellungen gezeigt worden.

Die Idee Roheisenpfannen nachzuempfinden, hatte verschiedene Inspirationsquellen: Zunächst einmal verweisen die Gefäße unmittelbar auf die Arbeitswirklichkeit in der Hütte, also auf die Roheisenproduktion. In die Roheisenpfannen ergoss sich glühendes Eisen aus dem Hochofen, das dann zur weiteren Verarbeitung, beispielsweise im Walzwerk, abtransportiert wurde. Die Roheisenpfannen waren über zwei Meter hoch und hatten auch einen Durchmesser von ca. zwei Metern. Meines Wissens hat sich keine der alten Pfannen auf dem Hüttengelände erhalten. Schließlich kam noch ein weiterer ganz persönlicher Grund hinzu: Als Plastiker interessiert sich Chris Vester vor allem für die zwei Urformen des plastischen Gestaltens: die menschliche Figur und das Gefäß. Deshalb war der Weg zu den gigantischen Roheisenpfannen als herausragende Arbeitsgeräte im Verhüttungsprozess nicht weit.

Den Titel "EISENMANGEL" wählte Chris Vester.um den gegenwärtigen Strukturwandel anzudeuten. Gefäße haben ihre Funktionen des Aufnehmens. Bewahrens und Ausgießens eingebüßt. Wo einst Fülle war. ist jetzt Leere. Der Eindruck des "EISENMANGELS" wird noch verstärkt durch die Anordnung der leeren, abgelegten Behälter: Einer ist umgestürzt, der andere steht kopfüber, die beiden anderen sind - ineinander gestapelt - ebenfalls umgestülpt und funktionslos.

InnernVester will allerdings das Kunstwerk nicht allein als historische Ikone und Erinnerungsmal begriffen sehen, sondern als Zeichen des Aufbruchs, der kreativen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Deshalb ließ er sich auch auf ein Experiment ein, nämlich öffentlich, nicht in dem Schonraum eines Ateliers zu arbeiten. Während der Arbeitsphase kam es immer wieder zu Begegnungen mit den Menschen. Die Entstehung der Plastik wurde von zufälligen Passanten und den Anwohnern mitverfolgt, neugierig beobachtet und kommentiert. Ein kleines Mädchen berichtete dem Künstler von dem Unfall seines Großvaters in der Hütte, ein ehemaliger Hüttenarbeiter wurde angeregt, über seine Arbeit am Hochofen zu erzählen.

Spannende künstlerische Aktivitäten wurden so im Herzen der Stadt entfaltet. Im Verein mit anderen Ateliers wurde aus der City-Promenade eine temporäre Kunstlerpassage. Die Stadt mietete leerstehende Geschäftsräume an. In sie zogen Künstler ein, füllten sie mit neuem Leben.

Und gewinnt nicht auch der Verkehrskreisel vor dem Amtsgericht, vorher durch eine langweilige gähnende Leere gekennzeichnet, an Qualität? Das bisher recht unattraktive urbane Foyer hat einen Blickfang erhalten, ein weithin sichtbares Ikon des Industriezeltalters , das auf die große Vergangenheit der Stadt hinweist und gleichzeitig auch auf eine mögliche Zukunftsperspektive, nämlich auch ein Stück Heimat zu sein für die Künste und die Auseinandersetzung mit der Industriekultur, die nicht allein auf die Hütte beschränkt werden darf. Darüber hinaus verweist der Titel auch auf die Materialität des Kunstwerkes. Es besteht eben nicht aus Eisen, sondern wurde konstruiert aus Ytongsteinen. Gips, stabilisierender Jute und Farbe."EISENMANGEL" Ist deshalb auch nicht der Versuch einer wirklichkeitsgetreuen Rekonstruktion von Roheisenpfannen, sondern eine künstlerische Leistung. Die begehbare Environment-Plastik hat es so in der Realität nie gegeben. Vester hat aus der Kombination von Horizontalen, Vertikalen und Diagonalen eine eigenständige Komposition geschaffen, die Einzelelemente zu einem Ensemble gefügt, das mit seiner Umgebung korrespondiert.

RohlingeDarüber hinaus hat er die Form dynamisiert. Die eigentlichen Roheisenpfannen aus Stahl und hitzebeständigen Schamottsteinen waren nicht konvex, sondern hatten gerade Wände, die sich nach unten hin leicht verjüngten. Die Plastiken Vesters gehorchen einem anderen Gestaltungswillen: Die Form der Gefäße hat sich gegenüber dem Vorbild verändert, indem sie eine bauchige Form erhielten. Dadurch werden die immensen Druckverhältnisse - Immerhin fasste ein solches Gefäß dreißig Tonnen - und das Expansionsverlangen des flüssigen Eisens visualisiert . Schließlich betont auch die Farbgebung die Eigenständigkeit der Plastik. Vester hat ganz gezielt einen "ins Auge springenden" warmen Farbton gewählt, der nicht die Farbigkeit der tatsächlichen Roheisenpfannen imitiert, aber dennoch durch sein rötliches Glühen Assoziationen an Hitze und rostigen Stahl zulässt.

Chris Vester hatte das Projekt zunächst für das Foyer des alten Bahnhofs konzipiert, eine Idee, die sich Verpacktaus verschiedenen Gründen nicht realisieren ließ. Zum Glück, möchte man fast sagen. Denn jetzt steht die Plastik im Entree-Bereich Völklingens in einem viel interessanteren städtebaulichen Zusammenhang, wird täglich von Tausenden von Autofahrern gesehen. Der Künstler schrieb dazu: "Dreidimensional zu einem Emblem komponiert, bilden die drei Gefäße einen Kontrast zum Flüchtigen eines Verkehrskreisels, Inmitten dauernder Rotation und Geschwindigkeit ruhend. Von oben gegen Verfall durch Verwitterung geschützt durch ein Brückenbauwerk aus Stahlbeton. Präsentiert Zigtausenden von eilenden Autofahrern täglich in einem offenen, lärmenden Raum. Hermetisch durch den nie ruhenden Verkehr* abgeriegelt, beinahe unzugänglich - eine Insel in der unermüdlich dröhnenden Brandung des Verkehrs.

"STILLEBEN FÜR VÖLKLINGEN" hat Vester seine Plastik im Untertitel genannt. Sie ist keine Plastik für die Hütte, sondern für die Stadt.Dem Untertitel kommt dennoch programmatische Bedeutung zu: Es war der Wunsch der "Kulturaktion Völklinger Hütte e.V." mit dem zehnten Schichtwechsel nicht nur im TransportWeltkulturerbe, sondern auch in der Stadt präsent zu sein. Wir sind der Meinung, dass es nicht immer nur um die Hütte gehen darf, sondern um HÜTTE UND STADT, denn beide gehören untrennbar zusammen, haben historisch immer eine Einheit gebildet und müssen auch in Zukunft als eine Einheit behandelt werden. Nur gemeinsam können sie aus ihrer Vergangenheit eine Zukunft entwickeln.

Darüber hinaus sollte die Großplastik auch ein Zeichen des Dankes der "Kulturaktion Völklinger Hütte" an Völklingen und die Völklinger Bürger sein. Zehn Jahre hat die Stadt durch vielfältige logistische und materielle Hilfeleistungen die Veranstaltungsreihe SCHICHTWECHSEL unterstützt und so viel zu ihrem Erfolg beigetragen. Und über zehn Jahre haben wir von vielen ehemaligen Hüttenarbeitern, mit denen wir immer wieder die Zusammenarbeit suchten, viel Zuspruch erfahren. Für diese Immer wieder Mut machende Sympathie ist "EISENMANGEL" eine kleine Geste des Dankes. Nicht nur mit dem "Prolog", sondern auch mit weiteren Veranstaltungen während des SCHICHTWECHSELS 2000 wollten wir die Künste in die Stadt tragen und damit auch symbolisch eine neue Brücke zwischen Stadt und Hütte bauen.

 

Der Text fogt der Rede, die anlässlich der Enthüllung und der Übergabe der Plastik an die Stadt Völklingen gehalten wurde.



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