D i  l l i n g e n

S a a r a u e

Internationales Stahlsymposion 1990
 
Der Stahl-Standort Dillingen ist seit einigen Jahren auch Kunst-Standort: In der Saaraue und am Zusammenfluß von Prims und Saar wird der Spaziergänger von großen stählernen Kunstwerken überrascht. Sie entstanden 1990 im Rahmen eines Künstlersymposions, das anläßlich der 2000-Jahrfeier des Stadtteils Pachten durchgeführt wurde.

Die Verwendung von Stahl als Ausgangsbasis für die Skulpturen war den Künstlern vorgegeben. Das lag nahe, denn seit Jahrhunderten wird die Geschichte Dillingens wesentlich von der Eisen- und Stahlindustrie geprägt. Schon in vorindustrieller Zeit, 1685, war hier eine erste kleine Eisenhütte gegründet worden. Heute erstreckt sie sich über weite Teile der Stadt und prägt mit ihrem modernen Hochofen, mit Schloten und Werkshallen das Stadtbild. Die Stahlkunst hat in Dillingen schon eine gewisse Tradition. Einige Arbeiten des weltberühmten Stahlplastikers Richard Serra wurden hier realisiert (Saarbrücken: „Torque"). Auch bei der Produktion der Stahlobjekte des Symposions standen Dillinger Firmen den Künstlern zur Seite.
 

Die Anfänge der Verwendung von Stahl als plastischer Werkstoff gehen auf Pablo Picasso (1881-1973) und Julio Gonzales (1876-1942) zurück, die Anfang dieses Jahrhunderts Experimente mit Stahl durchführten und erste Stahl-Assemblagen schufen. Inzwischen hat sich Stahl im Material- und Formenrepertoire der Kunst des 20. Jahrhunderts fest etabliert. Stahl hat durch seine hohe statische Festigkeit die Möglichkeiten des plastischen Gestaltens erheblich erweitert und gleichzeitig neue Wege der Realisierung notwendig gemacht. Während Plastiken aus dem allmählichen Verfertigen einer Form in Ton, Wachs oder ähnlichen Stoffen hervorgehen und Skulpturen allmählich aus einem Stein- oder Holzblock herausgearbeitet werden, so steht bei einem Stahlobjekt das Endergebnis in Form eines vom Künstler geschaffenen Modells von Anfang an fest.


Fünf renommierte Stahlplastiker wurden zum Symposion eingeladen: Alf Lechner (München), Friedrich Gräsel (Bochum), Lothar Meßner  (Wadgassen), Hans Jürgen Breuste (Hannover) und Eduardo Paolozzi
(London). Trotz unterschiedlicher konzeptioneller Ansätze entdeckt man beim Betrachten der Arbeiten auch Gemeinsamkeiten: Die Stahlobjekte stehen nicht auf einem Sockel, sondern fügen sich unmittelbar in die Landschaft ein. Durch ihre Dimensionen wirken siebisweilen monumental. Schließlich verweigern sie als abstrakte Formund Raumgebilde eine eindeutige Botschaft. Sie treten vielmehr in einen vielfältigen Dialog mit der Landschaft und dem Betrachter ein.


Tip
Die Stahlobjekte des Stahlsymposions sind auf der rechten Saarseite (Saaraue) aufgestellt. Die Kunstwerke sind bequem im Rahmen eines Spazierganges entlang der Saar zu erreichen. Parkmöglichkeiten gibt es an der Konrad-Adenauer-Brücke.

Weitere Sehenswürdigkeiten: Im Alten Schloß befindet sich eine schloß und industriegeschichtliche Sammlung. Ursprünglich stand hierein mittelalterliches Wasserschloß, das in der Renaissance überbaut und zwischen 1789 und 1791 von Balthasar Wilhelm Stengel barock umgestaltet wurde. Zerstörungen im 2. Weltkrieg entging nur die Vorburg mit dem Torbau. Der barocke Nordwestflügel wurde wieder hergestellt.
Auskunft: Förderverein Altes Schloß Dillingen e.V., AG der Dillinger Hüttenwerke,
Tel.: 06831/709-212 (Stadtverwaltung Dillingen)
Öffnungszeiten: Mi, Sa, So 15-17 Uhr und nach Vereinbarung.

Sehenswert ist im Stadtzentrum auch der neoromanische „Saardom" (1910-1913). Im Pfarrhaus wird ein Lucas van Leyden zugeschriebenes Altartriptychon aufbewahrt. Im Museum des Stadtteils Pachten liegt der Schwerpunkt auf der Römersiedlung.
Auskunft: Stadtverwaltung Dillingen,
Tel.: 06831/709-212
Öffnungszeiten: Sa, So 15-18 Uhr und nach Vereinbarung.
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Sanctuarie
Stahlplastik (1990) von Hans-Jürgen Breuste (* 1933)


Sanctuarie

Breustes Sanctuarie (frz.: Erinnerungsstätte, geweihte Stätte) besteht aus drei einander zugeordneten Stahlgebilden, die sich ihrerseits aus vier, fünf bzw. sechs ineinander verzahnten und gekreuzten Stahlrechen zusammensetzen. Sie bilden eine Art Gitter- oder Stachelwerk, das wie eine Barriere in der Landschaft aufragt und Assoziationen an Panzersperren oder Stacheldrahtverhaue auslösen kann. „Für mich", schreibt Breuste," ist 'Sanctuarie' ein Assoziationsobjekt zum Konzentrationslager Bergen-Belsen und der Ort, an dem sie aufgestellt wurde, eine für dieses Konzentrationslager geweihte Erinnerungsstätte..."1. Eine Inschrifttafel mit einem Textauszug aus dem Tagebuch der Anne Frank lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters in diese Richtung. Anne Frank starb im März 1945 in Bergen-Belsen.

Breuste bezieht sich mit seiner Stahlplastik auf eine konkrete historische Situation. Er vergegenwärtigt die Greueltaten der National-Sozialisten und das Schicksal einer Verfolgten, die, konfrontiert mit Terror und Mord, Würde und Menschlichkeit bewahrte. Versteckt in einem Amsterdamer Haus hatte Anne Frank, Tochter eines jüdischen Bankiers, zwischen 1942 und 1944 ihre Tagebuchaufzeichnungen
niedergeschrieben. Sie sind zu einem erschütternden Dokument der Judenverfolgung geworden. Breuste versucht mit Sanctuarie die Erinnerung an das begangene Unrecht wachzuhalten, eine wichtige Funktion, die Kunstwerke im öffentlichen Raum haben können. Der Standort gegenüber einer Bootsanlegestelle für Ausflugsschiffe ist bewußt gewählt. Hier, jenseits der Alltagshektik, fordert die Erinnerungsstätte zum
innehalten und Gedenken auf.

A.S.
 
Inschrift:
Amsterdam, 15. Juli 1944
Ich habe einen sehr hervorstechenden Charakterzug, der jedem auffällt, der mich kennt: meine Selbstkritik. Ich sehe mich in all meinen Handlungen als wäre ich eine Fremde. Absolut nicht voreingenommen oder mit einem ganzen Pack Entschuldigungen stehe ich dann dieser Anne gegenüber und sehe zu, was sie Gutes oder Schlechtes tut. Diese Selbstbetrachtung läßt mich nie los und bei jedem Wort, das ich ausspreche, weiß ich sofort, wenn es ausgesprochen ist: 'Das hätte anders sein müssen/oder 'Das ist gut so wie es ist.' Ich verurteile mich selbst in namenlos vielen Dingen und sehe immer mehr, wie wahr das Wort von Vater ist: 'Jedes Kind muß sich selbst erziehen. Andere können nur Rat oder Anleitung geben. Die endgültige
Menschen eigener Hand. Formung des Charakters liegt in eines jeden Menschen eigener Hand. Anne Frank wäre am 12. Juni 1989 sechzig Jahre alt geworden. Wieviele mußten sterben.
KZ Bergen-Belsen, Frühjahr 1945


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Dillinger Kubenvariation
Stahlplastik (1990) von Friedrich Gräsel (* 1927)

Kubenvariation

Auffallende Kennzeichen der Dillinger Kubenvariation (1990) von Friedrich Gräsel sind Körperhaftigkeit und Masse. Wie ein überdimensionierter Wurm windet sich das Stahlgebilde über der Uferböschung. Neun Rohre von 1,40 Meter Länge und Durchmesser sind so aneinandergefügt, dass sich die starre Grundform der Rohre in Bewegung verwandelt. Wirkt die Röhrenplastik aus der Ferne noch relativ leicht, gewinnt sie bei einer Annäherung zunehmend an Monumentalität. Je näher man herantritt, desto unmöglicher wird es, das Gesamtobjekt zu überblicken. Einzelelemente gewinnen an Bedeutung, je nach Standort verändert sich der Charakter des Stahlobjekts und ermöglicht den Betrachtenden unterschiedlichste Assoziationen.


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Dillingen-Pachten
Stahlplastik (1990) von Alf Lechner (* 1925)

Dillingen_Pachten

Alf Lechners Stahlobjekt Dillingen-Pachten (1990) stellt wie Meßners Arcus triplex einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte der Stadt und zur Topographie her. Eine Landzunge am Zusammenfluß von Prims und Saar wählte Lechner als Standort für seine Doppelplastik aus. Zwei aufeinander bezogene Elemente symbolisieren die beiden Stadtteile. Das eine Objekt besteht aus einer gewalzten, konvex gebogenen rechteckigen Stahlplatte, der seitlich ein gerader Vierkantstab angesetzt ist. Das zweite Element kehrt die Form des Pendants um: Die gewalzte Stahlplatte ist flach gewalzt, während ihr ein gleichlanger, konkav gebogener Vierkantstab angesetzt ist. Ähnliches - im symbolischen Sinn Prims und Saar, Dillingen und Pachten - wird hier zusammengefügt und bildet eine neue Einheit. „Paarung", so kommentiert Lechner lakonisch seine Doppelarbeit, „ist die Voraussetzung für Leben."2





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Akropolis
Stahlplastik (1990) von Eduardo Luigi Paolozzi (*1924)

Akropolis
Die wie die Abstraktion einer Stahlstadt wirkende Plastik setzt sich aus einer Vielzahl gegossener Einzelelemente zusammen. Der kompakt, festgefügt und geschlossen wirkende Block der kubischen Einzelteile
ist umgeben von einem Gehäuse, das an verschiedenen Stellen wie aufgebrochen wirkt. Es entsteht zunächst der Eindruck einer monumentalen, eisernen Stadtanlage, doch drängen sich auch Assoziationen an elektrische Schalttafeln auf. Der Betrachter - kommt er näher und besteigt er die Skulptur - entdeckt wie bei einer Luftaufnahme nur die Urbanen Oberflächenstrukturen oder das Gewirr der Funktionseinheiten einer modernen Maschine. Das Innere kann nur erahnt werden. Nach eigenem Bekunden Paolozzis gingen Erfahrungen im Umgang mit antiker Kunst in die Gestaltung seines Dillinger Stahlobjektes ein. Zusätzlich inspiriert von der Hüttenlandschaft, entschloß ersieh, „eine Akropolis' zu entwerfen, deren Architektur ins Industriezeitalter übersetzt ist."3 Die steinerne antike Akropolis mußte übertragen werden in Strukturen aus Stahl, architektonische Formen verwandelten sich in maschinenähnliche Elemente. Darüber hinauswollte Paolozzi mit Akropolis eine „soziale Skulptur" schaffen, eine Skulptur, die bestiegen werden kann und die in einem vielfältigen Dialog mit der sie umgebenden Natur steht. Die Plastik stellt die Form, an der die Natur „weiterarbeitet": Hohlräume füllen sich mit Regenwasser, Moose setzen sich am Eisen an, aus den Vertiefungen werden irgendwann Gräserwachsen.



Z u g a n g  z u r  F u ß g ä n g e r u n te r f ü h r u n g  Ü b e r m  B e r g,
F r a n z - M e g u i n - S t r a ß e
 
Arcus triplex
Stahlplastik (1990) von Lothar Meßner (* 1926)
 
 
Arcus

Im Gegensatz zur Kubenvariation von Friedrich Gräsel fällt an Lothar Meßners Objekt die kraftvoll dynamische Bewegtheit und grazile Leichtigkeit auf. Schwere und Masse - Assoziationen, die sich bei der Vorstellung „Stahl" einstellen - lösen sich in Bewegung auf. Zwei stählerne Halbbögen fügen sich zu einem asymmetrischen Bogen zusammen, eine Anspielung auf die vielfältigen Beziehungen zwischen Dillingen und Pachten, ein ebenso harmonisches wie kraftvolles Ineinander. Zwei kleinere Metallbögen schwingen um die Basis der Großform. Der Titel Arcus triplex spielt auf die römisch-lateinische Vergangenheit der Stadt Dillingen-Pachten an. „Arcus" bedeutet „Bogen, Tor, Pforte", „triplex" bedeutet „dreifach" und bezeichnet die dreifache Variation des Bogenmotivs.

1 Internationales Stahlsymposion 1990, hg. v. der Stadt Dillingen/Saar 1990, 19
2 Ebenda, 41
3 Ebenda, 57

Literatur
Internationales Stahlsymposion 1990, hg. v. der Stadt Dillingen/Saar 1990
 
 
Armin Schmitt
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