S a a r b r ü c k e n
B u r b a c h
P a r k a n l a g e  i n  d e r  B r e i t e s t r a ß e

 
 
„Den Opfern der Arbeit"
Denkmal (1934) von Walther Neu (* 1906)
Helden_d_Arbeit
In einer kleinen Parkanlage, nicht weit vom Werksgelände der stillgelegten Burbacher Hütte entfernt, steht ein heute fast vergessenes gußeisernes Denkmal. Dargestellt ist ein etwa zwei Meter großer Arbeiter, der den leblosen Körper eines Verunglückten in den Armen hält. Die realistisch-neoklassizistische Plastik wurde von dem Saarbrücker Maler und Bildhauer Walther Neu entworfen. Hermann Röchling selbst hatte den Guß in der Völklinger Hütte ermöglicht, die Stadt Saarbrücken stellte den Platz zur Verfügung und übernahm die Kosten für den Sockel. Als „Denkmal für die Opfer der Arbeit" war sie am 30. August 1934 eingeweiht worden, einige Tage nachdem der Abstimmungskampf an der Saar begonnen hatte, der am 13. Januar 1935 zugunsten des Anschlusses an das nationalsozialistische Deutschland entschieden wurde.

Von Anfang an waren mit der Errichtung des Denkmals ideologische Ziele verfolgt worden. Als Initiator, tatkräftig unterstützt von der Stadtverwaltung, trat die Deutsche Gewerkschaftsfront Saar auf, zu der sich im Oktober 1933 alle rückgliederungswilligen Gewerkschaften zusammengeschlossen hatten. Zum „Führer" der dem Nationalsozialismus nahestehenden Deutschen Gewerkschaftsfront wurde Peter Kiefer bestimmt, ein führender Funktionär der christlichen Gewerkschaften im Saargebiet und Propagandaleiter der Deutschen Front, zu der sich zuvor schon die bürgerlichen Parteien formiert hatten.

Vor dem Hintergrund dieser politischen Konstellation wird verständlich, daß es während der Planungsphase zu Konflikten kommen mußte. Bei der Behandlung des Antrages der Deutschen Gewerkschaftsfront durch die zuständige kommunale Bau- und Grundstücksdeputation stimmten die sozialdemokratischen und
kommmunistischen Mitglieder vergeblich gegen die Aufstellung des Denkmals und gegen ein finanzielles Engagement der Stadt. Die ursprünglich schon für den 1. Mai geplante Einweihungsfeier wurde durch eine Anordnung der Regierungskommission verhindert, die „Aufmärsche und Versammlungen unter freiem Himmel sowie öffentliche Kundgebungen überhaupt" untersagte, wohl weil man prodeutsche und nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen und Auseinandersetzungen befürchtete. Als schließlich am 30. Oktober die
Einweihung doch stattfinden konnte, nutzte die Deutsche Gewerkschaftsfront die Gunst der Stunde zur Inszenierung einer prodeutschen Kundgebung. Im Beisein von Oberbürgermeister Neikes, der das Denkmal „in die Obhut der Stadt" nahm, stellte Kiefer den Arbeiter als Kern der zu schaffenden „Volksgemeinschaft" heraus.
Das Denkmal erklärte er zum zentralen „Gedenk- und Ehrenmal" für alle die „Volksangehörigen", die „ihr Leben im Dienst der Arbeit und des Volkswohles lassen mußten". Die Einweihungsfeierlichkeiten endeten schließlich mit dem gemeinsamen Singen der deutschen Nationalhymne.

Die Aufschriften auf dem Denkmalsockel - „Den Opfern der Arbeit" und „Gewidmet von der deutschen Gewerkschaftsfront Saar" - wurden 1949, nach einer Intervention des Hochkommissariats, von der Stadtverwaltung entfernt. Die Spuren der ursprünglichen Sockelbeschriftung sind noch sichtbar.

Das „Denkmal der Arbeit" war der Auftakt einer Reihe von Arbeiterdenkmälern, die im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert wurden und propagandistischen Zwecken dienten. Sie alle folgen mehr oder weniger realistischen oder neoklassizistischen Stiltendenzen, die den Kunstvorstellungen des Dritten Reiches entsprachen (^Saarbrücken-Brebach: Eisengießer, St. Ingbert: Saarbergmann und Walzmeister, Neunkirchen: Eisengießer, Landsweiler-Reden: Bergmann).
  
T r i e r e r s t r a ß e / R e i c h s s t r a ße

Skulpturen der Bergwerksdirektion/Hauptverwaltung der
Saarbergwerke AG *


Menges
 





















Die Entwürfe zu diesem bemerkenswerten Zeugnis preußischer Verwaltungsarchitektur lieferten die Berliner Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden, die sich den damals aktuellen historistischen Stiltrends und der Schinkel-Schule verpflichtet fühlten. Geschickt paßten sie die beiden Seitenflügel, verbunden durch einen
Eckpavillon, den topographischen Verhältnissen an.

Nicht nur die aufwendige Architektur deutet auf die Prosperität im damaligen Saarbergbau und das Repräsentationsbedürfnis der Bauherren hin, sondern auch der umfangreiche Figurenschmuck. Die
Loggienpfeiler des Eckpavillons schmücken zwei Figuren - ein Hüttenarbeiter und ein Bergmann. Sie symbolisieren die beiden wichtigsten und eng miteinander verwobenen Industriezweige an der Saar: den Bergbau und die Eisenindustrie.
 
Reicheren Fassadenschmuck erhielt der Mittelpavillon des Nordwestflügels an der Triererstraße. Er war ursprünglich wesentlich aufwendiger gestaltet als heute. Hier befand sich ein weiterer Eingang mit einem darüberliegenden Balkon. Beide Bauelemente würden nach den Kriegszerstörungen nicht mehr rekonstruiert. Vorhanden ist allerdings noch der skulpturale Schmuck. Zwischen den Fenstern des zweiten Obergeschosses stehen auf Konsolen vier große, etwa 2,50 Meter hohe Plastiken: Ein Kohlehauer mit dem typischen Schachthut,
den das alte Bergmannssymbol - Hammer und Schlägel - schmückt, lehnt sich an seine Keilhaue, ein Bergwerksdirektor in standesgemäßer Prachtuniform hält in der linken Hand einen Säbel, in der rechten den Riß einer Grube, ein ebenfalls uniformierter Steiger stützt sich auf einen Steigerstab und ein Gesteinshauer in Arbeitskleidung hält in seiner erhobenen Rechten einen Fäustel und in der Linken einen Gesteinsbohrer. Rangniedrige Bergleute flankieren also die führenden Repräsentanten des Bergbaus und verweisen auf eine
Eintracht, die so in der spannungsreichen sozialen Wirklichkeit nicht vorhanden war.

Sowohl die Skulpturen und Wappen des Eckpavillons als auch die Plastiken des Mittelpavillons stammen aus der Werkstatt der Gebrüder Menges aus Kaiserslautern. Maßgeblichen Anteil an den Entwürfen hatten vermutlich Jakob Menges (1846-1916), der älteste der vier Brüder, und sein Bruder Karl (1853-1937). Die Gebrüder Menges waren die dritte Generation einer angesehenen pfälzischen Bildhauerfamilie.

Die Medaillons, die unter den vier Plastiken in den Fensterzwickeln des ersten Stockwerks angebracht sind, enthalten die im Profil gezeigten Porträts namhafter Persönlichkeiten, die sich um den Bergbau an
der Saar verdient gemacht hatten (von links nach rechts): Heinrich Böcking, ab 1814 Bürgermeister von Saarbrücken und seit 1834 Bergrat; Heinrich von Dechen, Direktor des preußischen Oberbergamtes in Bonn, dem während der Erbauungszeit der Bergwerksdirektion auch die Saarbrücker Bergverwaltung unterstand; Otto L. Krug von Nidda, Ministerialdirektor der preußischen Bergverwaltung in Berlin; schließlich Leopold Sello, der zwischen 1816 und 1857 Direktor der preußischen Grubenverwaltung an der Saar war und in einer Denkschrift die Grundlagen des Prämienhaussystems formulierte. Die Porträts stammen aus der Werkstatt des Bonner Bildhauers Küppers.

Komplettiert wird der plastische Schmuck durch 29 steinerne Tafeln mit den Namen der Gruben und Schachtanlagen, die während der Erbauungszeit zum Verwaltungsbereich der Bergwerksdirektion gehörten. Viele davon sind längst stillgelegt. Heute existieren nur noch die drei Bergwerke Ensdorf, Göttelborn-Reden und Warndt-Luisenthal. Weiterhin schmücken acht Wappen den Eckpavillon: in den Arkadenzwickeln der Vorhalle sind es die des Deutschen Reiches, des Königreiches Preußen und der Städte St. Johann und Saarbrücken, in den Loggienzwickeln die Wappen von Lothringen, Nassau-Saarbrücken, von der Leyen und von Kerpen.

Im Treppenhaus der Bergwerksdirektion befindet sich seit 1964 ein Ehrenmal für die toten Bergleute, ein Fenster-Triptychon des Spiesener Glasmalers Ferdinand Seigrad. Anlaß war das Grubenunglück in Luisenthal am 7. Februar 1962, doch ist es nicht nur den Opfern von Luisenthal gewidmet, sondern allen Saar-Bergleuten, die bei Arbeitsunfällen ums Leben kamen. Das mittlere Fenster des in Blautönen gehaltenen Triptychons zeigt die „Bergmanns-Pietä", eine Frau, die einen toten Bergmann in ihren Armen hält. Rechts ist die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, links sind zwei Bergmänner in Festtracht dargestellt. Im Treppenhaus und in den Gängen des oberen Stockwerkes der Bergwerksdirektion sind Kunstwerke zu sehen, die 1993 im Rahmen des Projektes Kunstwerkberg, einer Kooperation der Saarbergwerke AG und der Hochschule der Bildenden Künste Saar, entstanden. Studierende waren damals zu einem kreativen Dialog mit der bergmännischen Arbeit und den Saarbergwerken aufgerufen. Das Ergebnis sind Kunstwerke, die sich in unterschiedlichsterweise mit den Themen Bergbau, Arbeit und Bergmann sowie mit den räumlichen Gegebenheiten der Bergwerksdirektion auseinandersetzen. Einige der Arbeiten hat die Saarbergwerke AG angekauft.
Als „Prachtbau" und „Zierde der Stadt" wurde die „Königlich-Preußische Bergwerksdirektion" nach ihrer Fertigstellung 1880 gefeiert. Und in der Tat ist der Sitz der damaligen preußischen Bergverwaltung trotz mancher Veränderungen, insbesondere nach einer Teilzerstörung im Zweiten Weltkrieg, ein eindrucksvolles
Dokument der ökonomischen Bedeutung des Bergbaus an der Saar. Bis 2007 prägte das Gebäude am Knotenpunkt von Bahnhof-, Reichs- und Triererstraße das Stadtbild. Auch hatte es bis dahin seine Funktion behalten: Es war  Sitz der Hauptverwaltung der Saarbergwerke AG. Durch den Niedergang des Kohlebergbaus verlor das Gebäude seine ursprüngliche Funktion und wird derzeit (2009) durch die Integration in ein großes Einkaufzentrum bis auf die Fassade zertört.
Damit wurde einzigartige Bausubstanz von hohem industriekulturellem Rang in einer an Baudenkmälern nicht gerade gesegneten Stadt dem Kommerz geopfert. Die Fassadenplastiken bleiben allerdings erhalten.

Literatur
Ernst Klein/ Hans-Christoph Dittscheid/ Martin Klewitz/ Gerd Schuster, Die Hauptverwaltung der Saarbergwerke A G , hg. v. der Saarbergwerke
A G , Saarbrücken o . J . (= Nachdruck einer Veröffentlichung der Saarbrücker Hefte, Heft 43/1976)
Kunstwerkberg, hg. von der Saarbergwerke
AG und dem Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Saarbrücken 1993 (Ausstellungskatalog)

 

S a a r b r ü c k e n
U n i v e r s i t ä t  d e s  S a a r l a n d e s

Torque
Stahlplastik (1992) von Richard Serra (* 1939)

Torque Stahlplastik von Richard Serra

Richard Serra gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Bildhauern. Seine stählernen Großskulpturen stehen allerdings nicht nur in Museen, sondern vor allem auf öffentlichen Plätzen. Der von ihm bevorzugte Werkstoff  Stahl ist untrennbar mit dem Industriezeitalter verbunden. Er hat die Entwicklung der Technik und des Industriebaus entscheidend mitgeprägt und neue Möglichkeiten im Hochhaus-, Brücken- und Tunnelbau erschlossen.

Die Verwendung von Stahl in der Bildenden Kunst ist nicht neu, doch hat sich kein Bildhauer radikaler und spektakulärer mit den typischen Eigenschaften des Materials auseinandergesetzt. Serra bemerkt dazu: „Die Anwendung von Stahl als Baumaterial auf der Grundlage von Masse, Gewicht, Gegengewicht, Belastungs- kapazität, Punktbelastung war völlig abgetrennt von der Geschichte der Plastik"1. Genau hier setzt er an. Seine Vorbilder sind konsequenterweise die Pioniere der Stahlkonstruktionen: Eiffel, Roebling, Maillard und Mies van der Rohe. Serra begreift sich als Bauingenieur und Techniker, seine Ateliers sind Werften, Fertigungsanlagen und Stahlwerke. In der Dillinger Hütte hat Serra schon häufiger Teile seiner für Europa bestimmten Stahlskulp- turen anfertigen lassen. Dort entstanden auch die Stahlplatten der Großplastik Torque, die 1992 im Eingangs- bereich der Universität montiert und aufgestellt wurde. Sechs trapezförmige, nach oben sich verjüngende Stahlplatten sind über einem seitengleichen Sechseck so aneinandergelehnt, daß sie sich gegenseitig in einem Gleichgewicht halten. Oben sind die tonnenschweren Stahlplatten an drei Eckpunkten achsensymmet- risch so verschoben, dass eine rhythmische Drehbewegung entsteht und der Eindruck erweckt wird, als falle die Skulptur jeden Moment in sich zusammen.

Torque_innenTorque bezieht sich nicht mehr wie traditionelle Denkmäler auf eine Persönlichkeit oder ein historisches Ereignis, sondern verweist zunächst nur noch auf sich selbst. Gleichzeitig tritt sie aber auch mit ihrer architektonischen Umgebung in einen spannungsreichen Dialog: Aspekte des Drehens, vor allem das rhythmische Öffnen und Schließen reflektieren die Eingangssituation. Torque wird „Drehtür" zum Universitäts- gelände.

 

Als Standort für seine Plastik wählte Serra eine städtebaulich heikle Situation. Sie steht an der Nahtstelle zwischen einer älteren Bebauung und den Funktionsbauten aus den 60er und 70er Jahren. Die Gebäude der ehemaligen Below-Kaserne, 1938 entstanden und nach dem Zweiten Weltkrieg Keimzelle der Universität, bilden den Eingangsbereich zum Campus. Es handelt sich um einheitliche Baukörper, die achsensymmetrisch aufeinander bezogen sind. Diesem älteren Baukomplex wurden später Gebäude ohne einheitlichen Gesamt- bezug angefügt. Hier mischt sich Torque ein: Durch die Standortwahl wird die Symmetrie des Eingangsbe- reiches gestört, gleichzeitig aber ein neuer Mittelpunkt geschaffen. Die Gebäude der Umgebung „geraten in den Sog der Skulptur oder scheinen von ihrer Fliehkraft ausgestreut."2

Auch der Betrachter kann sich der Skulptur nicht entziehen. Dem Ankommenden präsentiert sich „Torque" eher hermetisch und bedrohlich, fragiler zeigt sie sich vom Campus aus. Wenn die Wahrnehmung auch Einsturzge- fahr signalisiert, so kann die Skulptur dennoch gefahrlos betreten werden. Im Inneren herrscht eine fast
meditativ-sakrale Stimmung. Torque ist kein gefälliges Accessoire innerhalb des öffentlichen Raums. Bei der ersten Begegnung wirkt die Plastik fremdartig und irritierend. Ihre Entstehung war begleitet von heftigen Diskussionen über Sinn, Qualität und Finanzierung. Manche Relikte - Graffitis und Kommentare auf den Stahlplatten der Skulptur - erinnern noch heute daran.

1
Richard Serra, Erweiterte Notizen zu Sight Point Road, in: Uwe Loebens, Torque.Richard Serra.
Dokumentation zu der Großskulptur auf dem Campus der Universität des Saarlandes, Saarbrücken, 1993, 14
2Loebens, Torque, 30

Literatur
Uwe Loebens, Torque. Richard Serra.
Dokumentation zu der Großskulptur auf dem Campus der Universität des Saarlandes,
Saarbrücken 1993 (Studien. Schriftenreihe des Instituts für aktuelle Kunst im Saarland an
der Hochschule der Bildenden Künste Saar,
Saarlouis, Nr. 2)

Tip
Ein Gang über den Campus ist eine „Lehrwanderung durch 40 Jahre Architekturgeschichte"
(Fred Oberhauser, Das Saarland, 103). Hervorzuheben sind insbesondere die alten Below-Kasernen (1938), in denen 1948/49 die Lehrveranstaltungen aufgenommen wurden, der Bibliotheksturm (50er Jahre)und das Mensa-Gebäude (1970), eine gelungene Synthese aus Architektur (Walter Schrempf) und Bildender Kunst (Otto Herbert Hajek). In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe ansprechender Neubauten entstanden.

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 An  d e r  R ö m e r b r ü c k e

Kunstprojekt Heizkraftwerk Römerbrücke
(1986 - 1988)

Heizkraftwerk an der Roemerbruecke Saarbruecken

             Foto: © Christoph M Frisch 2010

Umweltverträglichkeit, die Berücksichtigung der stadtbildprägenden Lage innerhalb einer innerstädtischen Grünzone und eine anspruchsvolle architektonisch-künstlerische Gestaltung waren Leitideen bei der
Errichtung des neuen Heizkraftwerkes Römerbrücke (1986-1988). Von dem Frankfurter Architektenteam Jourdan und Müller wurden von Anfang an fünf international renommierte Künstler am Gestaltungsprozeß
beteiligt. Ihre Werke haben zwar keinen unmittelbaren Bezug zur Industrie und Arbeitswelt, werfen allerdings Fragen auf, die sich auf die Technik und Energiegewinnung beziehen.

Was sucht ein leibhaftiger Schneemann neben einem Heizkraftwerk, jahraus-jahrein, auch in den Sommermonaten? Das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss macht sich mit seinem Beitrag Der
Schneemann, der in einer Glasvitrine vor dem Eingang aufgestellt ist, ein Phänomen der Energiegewinnung zunutze: Die frostige Kälte für die Glasvitrine wird durch die Abwärme des Heizkraftwerkes produziert. Entsprechend paradox wird irgendwann das Ende des Kunstobjektes sein: Der Schneemann schmilzt, wenn die Wärmeenergie bei einem Störfall oder beim Abschalten des Kraftwerkes ausbleibt.

Der Stürzende Tempietto von Edward Allington und die Wassermühle von Katharina Fritsch sind historische Anspielungen. Fritsch bezieht sich auf die Wasserkraft als vorindustrielle Energiequelle, setzt dem modernen Industriebau am Ufer der Saar ein Kraftwerk en miniature, eine Wassermühle, entgegen. Dadurch entsteht eine starke Spannung zwischen der hochentwickelten modernen Technik und dem nostalgischen „Relikt" einer untergegangenen Epoche. Eine Idylle wird in Szene gesetzt und ein Zusammenspiel von Natur und Technik assoziiert, die so heute nicht mehr existiert. Gleichzeitig werden im Vergleich die gigantischen Dimensionen der heutigen Technik unmittelbar sinnfällig.

WassermuehleDie Mühle selbst ist eine Konstruktion aus Holz und Beton. Die Verwendung von Beton verknüpft einerseits die Mühle mit dem Industriezeitalter und dem großen Nachbarn, verweist andererseits aber auch auf die Funktionslosigkeit des Objekts. Diese wird noch dadurch unterstrichen, daß das Mühlrad nicht bis ins Wasser reicht - vielleicht ein versteckter Hinweis der Künstlerin auf eine kaum genutzte Form umweltverträglicher Energiegewinnung.

Ähnlich kontrastiv geht auch der Engländer Allington vor. Sein Stürzender Tempietto aus Blech ist zwischen den beiden wuchtigen Kühlblöcken des Heizkraftwerkes montiert. Nachts sendet er einen Lichtstrahl auf die vorbeifließende Saar, in die er zu stürzen scheint. Eine grazile klassische Bauform mit mythisch-religiöser Funktion wird hier dem nüchtern-   funktionalen Industriebau gegenübergestellt.

Am konsequentesten reagiert Schütte auf die vorgegebene Kraftwerksarchitektur. An den beiden Kraftwerks- blöcken befestigte er farbige geometrische Neonröhren, die architektonische Elemente des Bauwerkes wiederholen und seine nüchterne Funktionalität spielerisch aufbrechen. Zusammen mit dem Lichtkegel des Tempiettos dienen sie der Licht-Inszenierung, die gerade nachts das Heizwerk zu einem eindrucksvollen Blickfang macht. Jede der Lichtquellen spielt auf die umliegenden Gebäude der Stadt an, die vom Kraftwerk mit Energie versorgt werden. So erklärt sich vielleicht auch der Titel des Kunstwerkes: Abstrakte Stadtlandschaft.

Durch ihre Originalität und ihre thematische und architektonische Gebundenheit an den Industriebau leisten die vorgestellten Objekte einen ungewöhnlichen Beitrag zur Kunst im öffentlichen Raum. Das technische „Kunstobjekt" Heizkraftwerk hat inzwischen viele Preise erhalten: 1989 eine Auszeichnung des Bundesbau- ministeriums für „zukunftsweisende Industriearchitektur", den internationalen Umweltpreis des US-Magazins "Power international" und 1990 den Uno-Umweltpreis.

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