Zwangsarbeit

Lager Emsenbrunnen Funde

Steingutfunde aus dem Lager Emsenbrunnen. 
Beschriftung: Hutschenreuther Selb / Bavaria / 1941 (lnks) 1942 (rechts) Reichsarbeitsdienst

So blieb es nicht aus, dass viele der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen diese Strapazen nicht überlebten. Im Lager Emsenbrunnen, in dem sowjetische Kriegsgefangene für die Grube Reden interniert wurden, erstellte der Lagerleiter Recktenwald nach dem Krieg eine Namensliste mit den Todesursachen. Von den 350 Insassen starben von Mitte 1943, bis zu Ende des Krieges, insgesamt 93 Gefangene. Bei 53 steht auf dieser Liste lediglich “gestorben“. Doch darf vermutet werden, dass die Todesursachen bei diesen Personen auf die schon oben erwähnten mangelhaften hygienischen, medizinischen und ernährungsspezifischen Umstände zurückzuführen waren. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphterie, Hirnhaut- oder Lungenentzündungen standen dabei an erster Stelle. Unterernährung hat sicherlich auch eine Rolle gespielt. Die Liste des Lagerleiters vermerkt bei weiteren 17 Personen „tödlich verunglückt“. Die Arbeitsbedingungen unter Tage waren generell hart und gefährlich. Im Gegensatz zu den Deutschen war aber die Mehrzahl der Fremdarbeiter keine ausgebildeten Bergarbeiter. Sie mussten sich in einem schwierigen Umfeld zurechtfinden, mit dem Druck durch Leistungsvorgaben, unzureichender Sicherheit und nicht vorhandener Arbeitskleidung klarkommen, sowie Hunger und Erschöpfung erdulden. Ein perfides System das Deutsche - und Fremdarbeiter in Leistungsgruppen vereinigte, führte auch zu brutalen Ausschreitungen gegenüber den Gefangenen, die unter den ihnen gestellten Bedingungen keine gleichwertige Leistung wie die deutschen Bergleute erbringen konnten. Es wurden Förder- oder Produktionsvorgaben unterschritten und den deutschen Arbeitern Bezüge gekürzt. So beteiligten sich auch einfache Arbeiter an gewaltsamen Exzessen, denen vor allem sowjetische Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte ausgesetzt waren. Man kann davon ausgehen, dass aufgrund dieser Zustände hunderte sowjetischer Kriegsgefangene in saarländischen Gruben ihr Leben ließen.- Weitere Todesursachen auf der Liste des Lagers Emsenbrunnen: „Auf der Flucht erschossen“ (5), „Flüchtig; von Soldaten auf dem Rücktransport erschossen“ (2), bei Überschreitung des Warndrahtes erschossen“ (1), „Selbstmord“ (1).

Lager Emsenbrunnen

Von den Anwohnern totgeschwiegen - die heutigen Reste des  Lagers Emsenbrunnen. Vor Ort gibt es nicht mehr viel zu sehen. Foto 2011

 

Terror und Unterdrückung

Um unter dem Arbeitsdruck und den Repressalien keine Aufstände oder Meutereien aufkommen zu lassen und auch um die Arbeitsdisziplin im allgemeinen aufrecht zu erhalten, wurde von den Unternehmen der Werkschutz, der auch schon vor dem Kriege existierte, weiter ausgebaut. Zu den herkömmlichen Aufgaben, der Überwachung an den Ein- und Ausgängen der Fabriken, kam nun die Patrouille auf dem Werksgelände und auch die Verhinderung von Sabotageakten, sowie die Überwachung der Ausländer hinzu. Eine immer weiter gehende Militarisierung dieser Werkschutzgruppen führte zu einer Bewaffnung die von Pistolen bis zu Maschinengewehren reichte. Der SD Saarpfalz-Lothringen gehörten 1944, 6098 Mann an, davon waren 2017 bewaffnet.Bummeleien und geringste Verfehlungen wurden von diesen Wachleuten auf der Stelle exemplarisch bestraft. Ein straff strukturiertes Denunziantensystem innerhalb der Fabriken sollte jede Verfehlung der Direktion bekannt machen, die diese dann an die Gestapo weiterleitete.Die Röchling-Werke (Völklinger Hütte) verfügten über eine besonders brutalen Werkschutz der aus SS-Mitgliedern bestand. Tägliche Übergriffe gegen Fremdarbeiter waren hier an der Tagesordnung, belegt sind auch Misshandlungen die zum Tode führten.Das Unternehmen verfügte über ein Schnellgericht in dem u. a. neben einem Vertreter der Röchling-Werke, auch die Gestapo und der Werkschutz vertreten waren. Bei einer bestimmten Anzahl von Verstössen trat dieses Gericht zusammen. Den Verurteilten erwartete bei einer Strafe zwischen 14 und 28 Tagen das Arbeitserziehungslager Etzenhofen, von dem gemutmaßt wird, dass es auf Initiative von Hermann Röchling und seinem Schwiegersohn, dem Betriebsführer Freiherr v. Gemmingen gegründet worden war. Strafen zwischen 28 und 56 Tagen brachten den Betroffenen nach Schirmeck und über die 56 Tage hinaus, in ein Konzentrationslager.


Um die Arbeitskraft der Verurteilten dem Unternehmen zu erhalten wurden diese schon in aller Hermann Röchling und Adolf HiltlerFrühe, (5.30 Uhr im Sommer, 7.30 Uhr im Winter) mit dem Zug vom Lager Etzenhofen nach Völklingen zurück gebracht. Dort wartete dann 12 Stunden besonders harte und  gefährliche Arbeit auf sie. Nach der Rückkehr ins Lager mussten die Gefangenen zum Strafexerzieren antreten oder unsinnige, schikanöse Arbeiten, wie z. B. Betonblöcke hin und her schleppen, verrichten.  Folter und Vergewaltigungen waren in diesem Lager keine Seltenheit. Die Angst- und Schmerzensschreie, insbesondere der sowjetischen Frauen, waren auch außerhalb des Lagers zu hören. So ist belegt, dass sich auf einem nahen Hügel Menschen aus der Umgebung versammelten um die Wachmänner zu beschimpfen.

Foto: Kriegsverbrecher unter sich: Adolf Hitler und Hermann Röchling. 1946 wird er durch amerikanische Soldaten auf der Flucht durch Zufall ergriffen. Ein eigens berufenes internationales Gericht  in  Rastatt verurteilt ihn zu 10 Jahren Haft. Schon nach dem 1.Weltkrieg  war er 1919 von einem Gericht als Kriegsverbrecher angeklagt und zu 10 Jahren verurteilt worden.

In der Zeit von April 1943 bis Dezember 1944 wurden insgesamt 1604 Personen in diesem sogenannten Arbeits-Erziehungs-Lager interniert. Dort wurden sie von 150 Aufsehern bewacht, denen der Leiter des Werkschutzes, SS-Obersturmbannführer Rassner, vorstand.

Da die anderen saarländischen Unternehmen nicht über den traurigen „Luxus“ eines eigenen Straflagers verfügten, wurde nahe bei Saarbrücken das "Erweiterte Polizeigefängnis“ Neue Bremm errichtet. Dieses Lager war seinem Zwecke nach kein Konzentrationslager, also nicht darauf ausgerichtet, menschliches Leben systematisch zu vernichten. Mit den dort im Männerlager unentwegt stattfindenden Folterungen, sowie der minimalistischen Ernährung war der Effekt letztlich aber der gleiche. Die Verbindung zum nahegelegen Saarbrücker Schloss und zur dort sitzenden Gestapo, der das Lager zugeordnet war, multiplizierte den Terror gegen die Internierten. So benutzte die Gestapo die  "Neue Bremm" für ihre „Sonderbehandlungen“, wie der Gefangenenmord im Nazi-Jargon genannt wurde. 

 
 
 
ZW_Neue-Bremm
Lager "Neue Bremm" mit einem Wachsoldaten vor dem Zaun.

Auch hier entschied die Häftlingskategorie über die Behandlung durch die Aufseher. Allerdings wurde es im Lager „Neue Bremm“ dann definitiv zu einer Frage des Überlebens. Die Ausschreitungen richteten sich vor allem gegen die hierher verbrachten Juden und Slawen. Deutsche Häftlinge ging es normalerweise besser. Viele von ihnen wurden als sogenannte „Funktionshäftlinge“ eingesetzt. Dies brachte eine Verbesserung der Haftsituation, da sie von den abartigen Drillaktionen der dortigen Aufseher geschützt waren und auch bessere Ernährung erfuhren.Offiziell wurden 82 Menschen in diesem Lager ermordetet. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch weit höher sein. Viele der hier gefolterten und bis zum Skelett abgemagerten Gefangenen, die von hier in Konzentrationslager nach Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau, Ravensbrück oder Mauthausen verbracht wurden, dürften das Martyrium, das sie in der „Neuen Bremm“ erlitten hatten, nicht lange überlebt haben.



Rückkehr

Trotz des Vormarsches der amerikanischen Streitkräfte gab es Pläne für groß angelegte Überführungen von Zwangsarbeitern, aus dieser Region, in das rechtsrheinische Gebiet, damit deren Arbeitskraft weiterhin für die Zweigwerke der Unternehmen erhalten blieben. Diese Bestrebungen wurden jedoch nicht mehr in Tat umgesetzt. Stattdessen sollten die Fremdarbeiter hier weiter beschäftigt werden. Ein sinnloses Unterfangen angesichts der Umstände, dass ein Großteil der Hüttenwerke- und Grubenanlagen durch Bombenangriffe lahmgelegt oder gänzlich zerstört waren. Für die meisten Beschäftigten, so auch für die 70.000 Fremdarbeiter in der Region, gab es hier schlicht keine Arbeit mehr. Die Auflösungen der Lager geschahen unkoordiniert und in chaotischen Szenerien. Die amerikanischen Truppen stießen schneller vor als die Wachmannschaften ihre Gefangenen rückführen konnten. Viele der Fremdarbeiter waren in dem Chaos der Transporte auch geflohen, andere hatten sich gleich versteckt und wurden so erst gar nicht mehr erfasst. Im Lager Neuhaus wurden 30 russische Kriegsgefangene von den Wachmannschaften erschossen, weil sie „Schwierigkeiten“ gemacht hatten. Nachdem diese Versuche scheiterten, blieben die meisten Fremdarbeiter auf sich alleine gestellt und warteten auf den Einzug der Amerikaner. Gab es schon vorher bei Kleidung und Ernährung durch die Unternehmen eine mehr als unzureichende Versorgung, so fiel diese durch die Kriegswirren gänzlich aus und die hier verbliebenen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter mussten sich nun selbst besorgen was sie zum Überleben benötigten. Wurden sie dabei von deutschen Wachmannschaften ertappt so reagierten diese rigoros. Standgerichte urteilten über Nichtigkeiten, wie z. B. das Aufnehmen von Wäschestücken. Die Verurteilten hatten dann nichts mehr, als einen schnellen Tod durch Erschießungskommandos zu erwarten.
 
 
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Bei einem Bombenangriff zerstörtes Barackenlager bei Püttlingen 1944.

 
Mit dem Einmarsch der Amerikaner änderte sich dieses Bild sehr schnell. Vereinzelt wurden den ausländischen Arbeitskräften ein „24 stündiges Plünderungsrecht“ eingeräumt und ihnen sogar bewaffnete Eskorten zur Seite gestellt. Die lange Zeit der Entbehrungen und Unterdrückungen entluden sich an manchen Orten in Racheaktionen an den Peinigern. So ging in Saarlouis ein unbeschädigter Häuserblock in Flammen auf und in Landsweiler - Reden wurde der besonders brutal agierende Obersteiger der Grube von ehemaligen Fremdarbeitern des Lagers Emsenbrunnen auf offener Straße erschossen. Mit der Besetzung des Saarlandes, durch die amerikanischen Streitkräfte, konnten die belgischen und französischen Fremdarbeiter sofort in ihre Heimat zurückkehren. Größere Schwierigkeiten ergaben sich bei der Erfassung von polnischen und russischen Deportierten. Diese mieden jede organisierte Sammlung, empfanden diese als jenem System zugehörig, dem sie gerade entkommen waren. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene die sich nicht selbst nach den Aufrufen den Behörden stellten, wurden als sogenannte displaced persons (Dps) geführt. Und so blieb es nicht aus, dass man alle derer man habhaft wurde, wieder in Lager presste, dort sollten sie ihre Repatriierung erwarten. Das Chaos stellte sich an diesen Orten von neuem ein. Thypus-Erkrankungen machten die Runde und eine strenge Bewachung verbot es allen die Lager zu verlassen. In Saarbrücken erschoss ein französischer Wachmann einen russischen DP, bei dem Versuch von einem Kasernengelände zu flüchten.    
 
Im Saarland wurden in Lebach und Saarbrücken zwei zentrale Sammellager für die verbliebenen DPs eingerichtet. Die Bevölkerung selbst musste für die Ausstattung in Form von Decken und Essgeschirr sorgen. Die Mehrheit der Kriegsgefangenen und Deportierten aus der Sowjetunion wurden, bewacht von Soldaten der Sowjetarmee, wiederum in Wagons gepresst und in ihre Heimat zurück gebracht. Für viele von ihnen, die bei ihrer Deportation noch halbe Kinder waren, war damit das Martyrium noch lange nicht zu Ende. Das paranoide Stalin-Regime erklärte sie pauschal schuldig mit den Deutschen kollaboriert, durch die ihnen abgepresste Arbeit dem Feind geholfen und der eigenen Nation Schaden zugefügt zu haben. Mit diesen Vorwürfen gingen neue Repressalien, Verfolgungen und Deportierungen einher. Umstände unfassbarer Ungerechtigkeit. Menschen deren einzige "Schuld" es war, dass sie überlebt hatten.


Grabstätte Zwangsarbeiter Emsenbrunnen


Heutige Grabstätte der Zwangsarbeiter des Lagers Emsenbrunnen. Friedhof Neunkirchen,  Frankenfeldstraße.
Foto: Christoph M Frisch 2012

Ein gewisses Maß an Unerträglichkeit wohnt der Beschriftung des Grabsteines inne. Man verschleiert durch die gewählte Wortwahl die Verbrechen und Schande die den Zwangsarbeitern zugefügt wurden.
"HIER RUHEN 98 SOWJETISCHE KRIEGSGEFANGENE DIE IN DEN SCHWEREN ZEITEN 1941 - 1945 FERN VON IHRER HEIMAT STARBEN."

 
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Die Zahlen und Fakten für diesen Artikel sind folgenden Publikationen entnommen:

Im besonderen möchte ich auf das Buch  Feind schafft mit... hinweisen, das mit einer bemerkenswerten Detailfülle über die Situation der Zwangsarbeiter im Saarland während des zweiten Weltkrieges berichtet.

Feind schafft mit...
Ausländische Arbeitskräfte im Saarland während des Zweiten Weltkrieges
Hans-Henning Krämer/ Inge Plettenberg
Ottweiler Druckerei und Verlag GmbH, 1992

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten
des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945

Herausgegeben vom Studienkreis zur Erforschung
und Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes 1933- 1945,
vom Bundesvorstand und vom Landesverband Saar der Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten.
Autor: Hermann Volk

Neue Bremm
Terrorstätte der Gestapo

Elisabeth Thalhofer
Röhrig Universitätsverlag, 2003

„Als der Krieg über uns gekommen war...“
Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloß
Saarbrücken 1993

Informationen zu dem Arbeitserziehungslager der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke

Mehr zum Thema finden Sie auf der empfehlenswerte Seite: Zwangsarbeit-Archiv
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Die historische Aufnahmen zu diesem Artikel stammen aus der Publikation:
Feind schafft mit...
Ausländische Arbeitskräfte im Saarland während des Zweiten Weltkrieges
Hans-Henning Krämer/ Inge Plettenberg
Ottweiler Druckerei und Verlag GmbH, 1992
Bildmaterial zu Emsenbrunnen © Christoph M Frisch 2011 - Alle meine Bildbeiträge zu diesem Artikel sind frei und dürfen im Kontext des Themas weiterverwendet werden.
Titelgrafik und EBB zu diesem Artikel: Christoph M Frisch 2011