JOHANN DANIEL WEBER,

ein Bergbauingenieur aus der Pfalz im Dienste Spaniens in Peru

Von Roland Paul, 2007
Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern

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Zum 250. Mal jährt sich am 17. Oktober der Geburtstag eines Mannes, von dem es Ende der 1780er Jahre in der „Pfälzischen Topographie“ hieß, dass er „im Ausland seinem Vaterlande Ehre macht“, des 1757 in Steinwenden geborenen Johann Daniel Weber. Er wirkte viele Jahre als Direktor der spanischen Bergwerke in Südamerika.

Als jüngster Sohn des reformierten Pfarrers Johann Heinrich Weber und seiner Frau Christina Magdalena geborene Kuch, einer Pfarrerstochter aus Hinzweiler, wurde er im reformierten Pfarrhaus in Steinwenden geboren. Sein Vater betreute dort seit 1739 eine umfangreiche Pfarrei, starb allerdings schon 1763 unter Hinterlassung von fünf Söhnen und zwei Töchtern. Der jüngste Sohn, Johann Daniel, war gerade sechs Jahre alt. Sein älterer Bruder Johann Carl, Nachfolger seines Vaters als reformierter Pfarrer in Steinwenden, nahm sich der Erziehung des jüngeren Bruders an.

1774 finden wir Johann Daniel Weber als einen der ersten Studenten an der gerade eröffneten Kaiserslauterer Kameral-Hohen-Schule, wo er Bergbauwissenschaften studierte. Wie lange er dort studiert hat, wissen wir nicht. 1779 jedenfalls übernahm er die Leitung des Quecksilberbergwerks „Pfälzer Muth“ in Wolfstein. Nach einem Konflikt mit dem dortigen Steiger Franz Jung kündigte er seinen Dienst als Bergverwalter in Wolfstein.

1782 heißt es, er sei „in fremde Länder abgereiset“. 1786 bezeichnete er sich als Hüttenbeamter des Reichsfreiherrn von Brabeck, der bei Olpe ein Bergwerk besaß. Im Sommer 1786 war Weber Teilnehmer IKA_Potosi_Ignazeines metallurgischen Kongresses, der im nördlich von Budapest gelegenen damals österreichisch-ungarischen Glashütte bei Schemnitz (heute tschechisch: Banská-Stiavnica) stattfand. Bei diesem Kongress wurde das neue Quecksilberverfahren des Wiener Geologen und Mineralogen Ignaz Edler von Born vorgestellt. Dieser hatte mit seinem hüttenkundlichen Werk „Über das Anquicken der gold- und silberhaltigen Erze, Rohsteine, Schwarzkupfer und Hüttenspeise“ in Fachkreisen großes Aufsehen erregt. Während seines siebenmonatigen Aufenthalts in Ungarn lernte Weber den spanischen Bergdirektor Fausto de Elhuyar kennen, der von seinem Landesherrn, König Karl III., beauftragt worden war, sowohl wissenschaftlich gebildete Berg- und Hüttenleute als auch praktisch erfahrene Bergmänner für Spanisch-Amerika anzuwerben, um durch sie die neuesten berg- und hüttentechnischen Erkenntnisse und Produktionsmethoden in Südamerika einzuführen. Der Spanier konnte Weber für die Arbeit in Südamerika gewinnen und schloss am 5. September 1786 einen Vertrag mit ihm. Ende Mai 1787 begab sich Elhuyar in Begleitung Webers nach Böhmen und Sachsen. Im sächsischen Freiberg widmete sich Weber intensiven Laborarbeiten, wobei er sich insbesondere mit Schmelz- und Amalgamationsprozessen beschäftigte.

Im Sommer 1787 hielt sich Weber einige Zeit in Weimar auf, wo er bei dem mit Goethe befreundeten bedeutenden Verleger und Übersetzer spanischer, portugiesischer und französischer Werke, Friedrich Justus Bertuch (1747-1822) zu Gast war. Dieser Besuch war auf Empfehlung des Bergbauingenieurs IKA_Potosi_BertFriedrich Traugott Sonnenschmidt, eines Neffen Bertuchs, zustande gekommen. Bertuch bat Weber für seine 1785 mit Christoph Martin Wieland begründete „Allgemeine Literatur-Zeitung“ und andere vorgesehene Publikationen Artikel aus und über Südamerika einzusenden. Über Erfurt, Gotha (wo er den Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg besuchen wollte) und Frankfurt kehrte er im September 1787 in die Pfalz zurück und weilte noch einmal für einen Monat bei seinen Brüdern, dem Pfarrer Johann Carl und dem Kaufmann Heinrich Jakob Ludwig Weber in Steinwenden, um Formalitäten zu regeln, seine Spanischkenntnis zu vertiefen und sich von seinen Verwandten und Freunden in Kaiserslautern zu verabschieden. Die Brüder statteten ihn mit Finanzmitteln für die weite Reise aus. Im November 1787 begab er sich über Straßburg, wo er Elhuyar und seine Frau traf, mit denen er die Reise über Lyon und Paris bis Madrid unternahm. In der spanischen Hauptstadt fanden sich schließlich alle Teilnehmer der Expedition ein, um ihre Bestallungsurkunden entgegen zu nehmen. Im April 1788 erhielt Weber sein Anstellungsdekret, das vom König und seinem Minister Don Antonio Valdez unterzeichnet wurde. Zum Leiter der Expedition wurde der Schwede Füchtegott Leberecht Freiherr von Nordenflycht (1752-1815) ernannt.

Am 23. April 1788 verließen die Mitglieder der Bergbauexpedition unter Leitung des Barons Nordenflicht mit dem Postschiff „Infanta“ den spanischen Hafen La Coruna. Nach 86tägiger Seereise kamen sie im Hafen von Montevideo an. Dort verweilten sie zehn Tage, ehe sie ihre Reise mit einem kleinen Segelschiff fortsetzten, das sie am 29. Juli nach Buenos Aires brachte, wo sie ein Vierteljahr blieben. „Bis jetzt“, so schrieb Weber am 26. Oktober 1788 an seine Brüder Carl und Heinrich, „genieße ich eine vollkommene Gesundheit, die aber auch in einem so vortrefflichen Lande nicht anders sein kann. Ein ewiger Frühling…, gesunde und reine Luft, gesunde und außerordentlich schmackhafte Lebensmittel,… überdies noch eine sehr rechtschaffene Behandelung von Seiten der Königlichen Regierung und der hiesigen Eingebornen…“ Weiter berichtete er seinen Brüdern: „Ich stehe im Rang als zweiter Direktor der Königlichen Mineralogischen Expedition des Königreiches Peru, habe jährlich 2000 pesos fuertos oder 2000 deutsche Conventionsthaler Besoldung… Für diese Besoldung bin ich verbunden S(eine)r. Katholischen Majestät 10 Jahre zu dienen, erhalte noch überdies freie Reise bis an meinen Bestimmungsort. Ungekränkt in meiner Religion erhalte ich nach Verfluß von zehn Jahren freie Rückreise bis in mein Vaterland, und dann eine lebenslängliche Pension, die meinen Verdiensten, die ich mir in Amerika um den Bergbau erwerben werde, angemessen sein wird und die ich verzehren kann, wo ich will.“

carretas_sMit Wagen, den so genannten Carretas, traten die Mineralogen Ende Oktober ihre Weiterreise an. Zunächst ging es über den Camino del Peru nach Cordoba, von dort aus über Santiago del Estero und Tucuman nach Salta. Auf Maultieren und Pferden mussten die Männer schließlich über Jujuy durch die tropischen Regenwälder der Montana hinauf zu den Pässen der Hochanden reiten. Nach drei Monaten, am 24. Januar 1789, erreichten sie ihr Ziel Potosi. Sobald sie sich von den Erschöpfungen der Reise erholt hatten, begannen die Bergleute im Februar 1789 den Cerro de Potosi zu vermessen und wichtige Maschinen zu errichten bzw. wieder in Gang zu setzen.

Als Nordenflycht vom König nach Lima berufen wurde, trat sein bisheriger Stellvertreter Juan Daniel Weber an dessen Stelle als Bergdirektor von Potosi. Dort führte Weber nicht nur notwendige Reparaturen durch, er installierte das Born’sche Amalgamationsverfahren in der Silbergrube Viscainos und den dazugehörigenKarl-IV Hüttenanlagen. 1793 schrieb er seinem Bruder Johann Carl Weber u. a. über die Einführung des neuen Verfahrens: „In Peru habe ich durch diese so nuzbare Einführung der von Bornschen Amalgamation diesem heiligen Manne ein ewiges Denkmal errichtet, und es ist kein kleines schmeichelhaftes Vergnügen für mich, unter allen zurückgelassenen Schülern, besonders den vom Könige von Spanien nach Amerika geschickten, der einzige bis hierher zu seyn, der diese so nuzbare Erfindung glücklich, und mit so großem Vortheile auf amerikanisch-peruanischen Boden verpflanzt hat“. Trotz des neuen Verfahrens blieben größere Erfolge aus. Dies führte dazu, dass Unternehmer und peruanische Bergleute die Arbeit der „Ausländer“ angriffen. In der Zeitschrift „Mercurio Peruano de Historia, Literatura y Noticas publicas“ verteidigte Weber die Arbeit der Bergbaukommission, die erst dann mehr Früchte zeigen könne, wenn auch die peruanischen Metallurgen mit den Grundlagen auf chemischem Gebiet besser vertraut seien. Auf die Aufforderung der Gegner hin, Weber solle ihnen eine Art Lehrbuch an die Hand geben, antwortete er: „Wenn ich Gelegenheit hätte, würde ich das Werk gerne ausführen, denn mein Ziel ist, meine freie Zeit der Allgemeinheit zu opfern. Einstweilen müssen Studium und Fleiß die Mängel ausgleichen, denn es hätte keinen Zweck, diese Lücke mit geschriebenen Arbeiten auszufüllen, wenn das Publikum nicht die geringste Ahnung von den Grundlagen hat.“ Trotz des Ausbleibens einer erhöhten Silberproduktion verlängerte der spanische Hof die Verträge mit den Mitgliedern der Bergbaukommission.

Von Südamerika aus ließ Weber die Verbindung zu seinen Verwandten und Freunden in Deutschland nicht abreißen. Er korrespondierte mit seinen Brüdern in Steinwenden, später nach deren Tod (1800) mit deren Söhnen, dem Pfarrer Carl Gottfried Weber und dem Kaufmann Johann Daniel Wilhelm Weber. Drei dieser Briefe befinden sich heute zusammen mit dem Nachlass des 1814 in Steinwenden geborenen und 1836 in die USA ausgewanderten Carl David Weber, des Gründers der kalifornischen Stadt Stockton, in der Manuskriptsammlung der Bancroft Library an der Universität von Berkeley (Weber Family Papers). Weitere sieben Originalbriefe Webers an Friedrich Justus Bertuch werden im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar aufbewahrt. Guten Kontakt pflegte Weber auch mit Mitgliedern der Familien Böcking, Karcher und Rettig in Kaiserslautern und seinem Vetter, dem Heidelberger Historiker und Biographen des Kurfürsten Carl Ludwig, Professor Friedrich Peter Wundt (1745-1808). Einige seiner Briefe wurden in der „Jenaer Allgemeinen Literaturzeitung“ und in der von Christoph Wilhelm Jakob Gatterer herausgegebenen Zeitschrift „Technologisches Magazin“ veröffentlicht.

Der Tod seiner Brüder im heimatlichen Steinwenden, die beide kurz hintereinander im Jahre 1800 verstorben waren, ging Weber im fernen Peru sehr nach. „Ich konnte mich nicht enthalten einige würdige Brudertränen über ihre Gräber zu vergießen“. Ihr Andenken sei ihm „ewig heilig und unvergeßlich“, schrieb er am 26. Dezember 1801 aus Potosi an seinen Neffen Carl Gottfried Weber und versäumte er nicht, ihm einige „goldene Regeln“ für sein weiteres Leben mit auf den Weg zu geben: „Bestrebe Dich so viel wie möglich nützliche Industrie, Geselligkeit und Tugend und wenn du dessen fähig bist und in deinen Kräften steht – auch Künste und Wissenschaft zu verbreiten… Verwalte Dein Amt im Ort bürgerlicher Gesellschaft mit Treue, Eifer und Standhaftigkeit, stehe Deiner Familie als ein guter Vater und rechtschaffener Mann vor. Verehre Deine Mutter als Autorin Deiner Existenz…“

Im Hinblick auf die veränderte politische Situation in der Pfalz nach der Inbesitznahme des linken Rheinufers durch das revolutionäre Frankreich schrieb Weber: „Man hat gewiss viel größeres Zutrauen, wenn man weiß, dass man von seinesgleichen regieret wird, und dass anjetzo kein anderes Vorrecht als die der Verdienste und Talente existiert: Alle anderen Distinctionen kennt die Natur unter den Menschen nicht. Seit dem Augenblick als mich die öffentlichen Blätter von der Reunion des ganzen linken Rheinufers mit der französischen Republik unterrichtet haben, nahm ich daran größten Antheil. Wenigstens was mich betrifft, bin ich nun einmal republikanisch gesinnt“. Das sind erstaunliche Äußerungen eines im Dienste des spanischen Königs stehenden Mannes, sie zeugen aber von seiner liberalen Gesinnung, die auch bei mehreren seiner Verwandten zu finden war.

Ende 1801 dachte Weber an eine baldige Rückkehr nach Europa und bat seine Neffen, beim spanischen Hofe um die Erlaubnis seiner Rückreise nachzusuchen. „Ich bringe viele Kenntnisse des hiesigen Landes mit und befinde mich imstande der Republik, meinem Vaterlande und den Wissenschaften sehr nützlich zu sein… In Lautern empfehle mich den Herren Röbel, Rettig und alle, die nach mir fragen, und dass ich bald die Ehre haben werde Sie zu umarmen, unterdessen wünsche ich ihnen alles Glück nebst trautem Gruße. Meinem Bruder Christian und Herrn Bruder Gerlach empfehle mich aufs beste, Deine Mutter, alle deine Geschwistern, und alle die meines Bruders Heinrich. Drücke sie alle in meinem Namen an dein Herz und versichere Sie alle meiner Wohlwollenheit und dass ich nie aufhören werde zu sein Ihr getreuer Oncle Weber“.

Doch dies war offensichtlich die letzte Nachricht. 1805 erhielten die Verwandten von einem in Südamerika tätigen Geschäftspartner des Saarbrücker Handelshauses Karcher die Auskunft, Weber sei Direktor des Gebirgs von Potosi, wohne aber in der Nähe eines Silberbergwerks bei Aullagas. Dieses Bergwerk sei sehr alt und berühmt, jetzt sei es aber überschwemmt: „An jenem Bergwerk arbeitet der Freund und Landsmann Weber seit acht Jahren, um einen Stollen hineinzutreiben. Er hat nehmlich vom König jährlich drei Tausend harte Thaler, diese Besoldung, und was er durch seinen Fleiß gewonnen, hat er in jenen Stollen verwendet wohl mehr als sechzig Tausend harte Thaler. Jetzt hat er wohl keine 100 Thaler eigen, doch gewinnt er in dem nehmlichen Stollen schon gutes Erz, womit er sich forthelft und wenn er das Glück hätte das Wasser abzuführen, so würde er in einer Nacht der reichste Mann auf der Welt werden“.

Wieder vergingen viele Jahre, ohne dass eine Nachricht von Weber kam. 1826 erfuhr der Steinwendener Pfarrer Carl Martin Engelmann, der Schwiegersohn von Pfarrer Johann Carl Weber, über seinen Onkel, den Frankfurter Pädagogen und Schriftsteller Dr. Julius Bernhard Engelmann (1773-1844), Weber sei um 1819 verstorben, nachdem er zuvor zum katholischen Glauben übergetreten sei, „hat einen Sohn mit einer Concubine gezeugt und diesem in seinem Testament sein ganzes Vermögen vermacht“. Die englische Bergwerkskompanie sei im Begriff, Webers reiches, aber noch nicht ergiebiges Bergwerk von dem Vormund des jungen Sohnes zu erwerben. Von verschiedener Seite wurden Zweifel an dieser Auskunft gehegt und den Verwandten in der Pfalz Vorschläge unterbreitet, auf welchem Weg sie ihre eventuell bestehenden Erbansprüche geltend machen könnten. Doch diese gaben sich mit der Auskunft zufrieden und unterließen weitere Nachforschungen.

In der Familie ist überliefert, dass zum Gedenken an den im fernen Peru verstorbenen Onkel ein Baum in seinem Heimatort gepflanzt wurde.
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  Autor dieses Beitrages

Roland-Paul_2009

 

 

 

 

 

Roland Paul ist der Leiter
des Instituts für pfälzische
Geschichte und Volkskunde
in Kaiserslautern.

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Portraitfoto: C.M.Frisch © 2009
Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2009