Arbeit und Lebensart


Haubdsach: Gudd geschaffd!
Georg Fox,  Oktober 2010

 Banner_Detail

Auf der Werteskala unseres Landes steht ,,das Schaffen" ganz weit oben. Es ist gewissermaßen ein grundlegender Schritt auf dem Weg zur saarländischen Vollkommenheit, denn das beständige Tätigsein ist hierzulande eine Herzensangelegen­heit. Saarländer arbeiten nicht allein ,,midd der Schibb" oder ,,middem Kobb". Wer im Saarland ,,ebbes schaffd", geht regelrecht auf in einem wich­tigen Bereich unserer Lebensart, ganz gleich, wo immer er nun auch aktiv wird. Deshalb lässt sich ,,Schaffen" nicht leicht abgrenzen. Man kann kei­nesfalls darunter nur den Bereich einer mit Lohn vergoltenen Arbeit verstehen. Vielfach wird näm­lich das, was man schafft, auf Verhandlungsbasis mit einem ,,Isch mach' dir aach mòò ebbes!" be­zahlt. Bei uns im Saarland wurde der Tauschhandel von der Produktion bis zur Dienstleistung jeden­falls nie ganz abgeschafft.

Das Bild des Schaffers ist eine gängige Metapher und umschreibt den tätigen Menschen, dessen Ar­beit nicht ein ,,Muss" sondern im Gegenteil Lebens­freude und sogar Entspannung vom Stress jeglicher Art bedeutet. Demnach ist ,,Schaffen" also weit mehr als nur ,,Arbeiten". Denn die Arbeit an sich bedeutet im Saarland noch keine große Leistung. ,,Das machd mer middem linggseme Winggsje!" sagt man, wenn man gerade solch' eine Kleinigkeit er­ledigt. ,,Schaffen" hingegen bedeutet, dass man zu­sätzlich noch saarländisches Herzblut bei der Ar­beit verströmt, man kniet sich mit Hingabe in eine Tätigkeit hinein, man geht in seiner Arbeit voll auf. Wundern Sie sich nun darüber, dass im Saarland hauptsächlich nach der Schicht ,,geschaffd gebbd"? Wer im Saarland ,,ebbes schaffd", steht damit auf gleicher Ebene mit der Gesamtheit aller Werktäti­gen und wird integriert unter den Schaffern. Dies hat zur Folge, dass sogar ,,de Scheff" oder auch ,,de Dirregdoor" zu den Schaffern gezählt werden. Sie unterscheiden sich allein dadurch, dass man ihre Qualifikation näher mit dem Satz umschreibt: ,,Der hadd es Ganse unner sisch!"

Eine besondere Verknüpfung besteht zusätzlich zum Essen, denn im Saarland heißt eine Spruch­weisheit: ,,Wann mier gudd gess hann, hann mier aach schnell geschaffd!" Natürlich setzt sich auch zunehmend die aus dem Reich assimilierte ironi­sche Übertreibung durch: ,,Wer nicht arbeitet, soll wenigstens gut essen!" Dabei handelt es sich je­doch allenfalls um einen Ratschlag für die Einstel­lung zur lohnabhängigen Arbeit, was wohl un­schwer daran zu erkennen ist, dass man als Verb ,arbeiten' und nicht ,schaffen' benutzt hat. Weil der Saarländer ein aktiver Mensch ist, ist er eigentlich ständig am ,,Schaffe".

,,Was schaffschde danne?" will man bei einer Be­grüßung wissen und fragt damit nicht nur, was man denn so augenblicklich tut. In Wirklichkeit ist es eigentlich die Frage nach der momentanen Be­findlichkeit. ,,Wie geht's dir, was machst Du so?" Demnach heißt bei uns ,,Er schaffd sei Aarwed." nicht nur: Er erledigt die ihm aufgetragene Arbeit. Vielmehr bedeutet es hierzulande, dass jemand sein Leben rundum meistert und die Freuden seiner Pflicht erlebt und erledigt.

Unmerklich kann das ,,Schaffen" dann aber ei­nen negativen Unterton bekommen, wenn man etwa fragt: ,,Was haschde danne dòò geschaffd?" Es bedeutet: Hier wurde zwar etwas getan, aber es war eher eine ,,Gnoddelei" statt einer vernünfti­gen Arbeit. ,,Der hadds geschaffd" heißt im Ge­gensatz dazu nicht etwa: Er hat seine Arbeit erle­digt. In diesem Satz schwingt vielmehr einerseits eine gute Portion Anerkennung mit, weil jemand es zu etwas gebracht hat. Wer es „geschaffd“ hat, der arbeitet meistens nicht mehr selber, sondern er ,lässt' arbeiten. Aber es gibt den gleichen Satz auch in einer ganz anderen Bedeutung, womit dann auch die Vielseitigkeit der Mundart wieder bewiesen wird, auch wenn es bei einem höchst traurigen Anlass geschieht. Ist nämlich jemand gestorben, so sagt man ,,Der hadds geschaffd!". Und da weiß man nun nicht, ob jemand Mitleid oder Bewunderung ausdrücken will.

Dass Saarländer beständig ,,auf" etwas schaffen, hat unlängst einer meiner schreibenden Kollegen festgestellt. ,,Mier schaffe uff der Schdadd­verwaldung", ,,uff der Bank", ,,uff der Hidd", ja so­gar ,,uff der Gruub"' auch wenn es 800 Meter abwärts zu der weiß-ich-wievielten Sohle geht. Saarländer schaffen grundsätzlich immer ,auf' der Grube. Pflichtgemäß sei hier dann auch noch die Arbeits­art der Beamten erwähnt. Sie schaffe nicht ,,auf etwas", sie schaffe im Saarland an etwas, nämlich ,,aan der Paasjoon".

,,Schaff mier denne Kerl häär, schaff mier das Dseisch wegg!" So sagt man, wenn das Wegbringen oder Herbeiholen größere Überzeugungstaten sind. Im Wort ,,Schaffen" wird also die Leistung immer mit gesehen, das Wort impliziert weit mehr als nur eine Arbeit. ,,Er hadd sei Wääsch geschaffd," heißt es, und man meint, jemand hat den Weg gepackt. Er hat ,,vill se schaffe" bedeutet dagegen normaler­weise nicht, dass jemand in seinem Beruf voll aus­gelastet ist. Eher sind da die privaten Nebentätig­keiten, ,,die Famill, die Fraa, die Kinner, Sagg und Pagg" mit eingeschlossen, woran jemand zu schaf­fen hat.

Und zum Abschied sagen Saarländer gewöhnlich nicht ,,Auf Wiedersehen!" sondern ,,Mach's gudd' awwer nidd se ofd! Und vor allem: Schaff nidd sevill!"

Weitere Texte von Georg Fox finden Sie hier: Bitte klicken
 
______________________________________________________________________________

Fox__bear_72

 Autorenportrait
Georg Fox

Die Spannbreite seiner Texte ist weit. Einerseits sind es Glossen und Satiren, die in besonderer Weise die saarländische Mentalität spiegeln. Andererseits verfasst Fox Kurzgeschichten und Erzählungen, die von schicksalhaften Entscheidungen erzählen. Seine Texte werden im gesamten deutschsprachigen Raum, auch in Österreich und der Schweiz abgedruckt. Dabei sind die Kurzgeschichten von Georg Fox bisweilen auch geprägt durch tiefe religiöse Bezüge. In dem Buch „Hausgeheischnis“ (2000) beschreibt Georg Fox das Leben im Saarland der 50er Jahre. In dem Buch „Gaa kää Probleem“ (Oktober 2003) finden sich Glossen, Satiren und Mundarttexte. Gerade neu veröffentlichte er das Audiobuch: Ganz äänfach: Gudd druff“. (CMO). Im Köllertal erschien 2009 sein Gedichtband „Am Abend wird es still am Köllerbach“ (PVS-Edition).

Fox hat sich zudem der Mundart im Saarland verschrieben. Mehr als sechs Jahre konnte man ihn wöchentlich auf SR3-Saarlandwelle hören, wenn er „Òòmends schbääd“ seine saarländischen Nachtgedanken sprach. Hier vermittelte er mit der Sprache der kleinen Leute eine Stimmung, die ihm wichtig ist. „Am Ende eines Tages gehe ich auf eine Gedankenreise zu den Ideen, die mich am Tage nur flüchtig berührt haben. Ich zimmere mir ein Boot und segele davon!“ sagte er einmal selbst zu diesen vergnüglichen Erzählungen zum Ausklang eines Tages. Mehrere Jahre war Georg Fox Sprecher der literarischen Autorenvereinigung „Bosener Gruppe“ und publizierte mit Günter Schmitt die Dokumentation zum saarl. Mundart-Symposium.

Zahlreiche Preise wurden Georg Fox im Laufe der Jahre zuerkannt, so u.a. der Autorenpreis des Landkreises Neunkirchen und der Kulturpreis des Stadtverbandes Saarbrücken. 2006 gelang es ihm als erstem Saarländer, den renommierten Mundartpreis der vorderpfälzischen Gemeinde Dannstadt-Schauernheim ins Saarland zu holen. Was viele nicht wissen: Fox zeichnet auch Skizzen, malt Aquarelle und stellt Druckgrafiken her, die in Kunstmappen und auf Kalendern abgedruckt werden.

 

Kontaktdaten:
Georg Fox
Dietr.-Bonhoeffer-Str. 2
66346 Püttlingen
Telefon: 06806.95 16 06
________________________________________________________________________________

Text und Bildmaterial dieses Beitrages
Georg Fox Copyright © 2010
Bildbearbeitung: Christoph M Frisch
Titelgrafik unter Verwendung eines Aquarells
von Georg Fox.