W_Groener

Aus der Fabrikhalle in den Kulturbetrieb:
Der Lyriker Walter Gröner


"Fabrikler, Leser und Poet" heißt der erste Band mit Lyrik und Kurzprosa von Walter Gröner, der ihm 1985 die Anerkennung des Literaturbetriebs brachte. Hier schreibt einer keine Arbeiterliteratur im landläufigen Sinn, sondern erschafft seine Poesie als Gegenwelt zum Arbeitsalltag. Für Walter Gröner ist seine konkrete Arbeitsrealität Anknüpfungspunkt für Assoziationen, Anlaß, sich hinauszuträumen in die "restlich vorhandene Welt" :

 "Werkstück spannen, fluchten, Schleifvorgang per Hebel in Szene setzen, linksohrig das Geräusch der fressenden Scheibe verfolgen, über den Laufrost an den Tisch treten, Blickwinkel einstellen:

 

 

Vento a Tindari

 

Tindari, mild kenn ich dich

 

zwischen weiten Hügeln hängend über Wassern

 

die lieblichen Inseln des Gottes

 

oggi m'assali

 

e ti chini in cuore.

 

 

 

Schleifvorgang beendet, Vorrichtung in Ausgangsstellung, Werkstück aufnehmen, einlegen, spannen, fluchten, Hebel, Laufrost, Blickwinkel:

 

 

 

Unbekannt ist dir das Land,

 

in dem ich täglich versinke

 

und heimliche Silben nähre:

 

anderes Licht streift deine Fenster,

 

Freude, doch nicht die meine,

 

ruht dir im Schoß.

 

 Und so weiter. Du kennst ja den Ablauf. Eine gewisse Herzensunruhe dabei ist unvermeidlich, was sich aus dem Widerspruch Poesie - Akkord ergibt."

(aus: Fabrikler, Leser und Poet, S. 12 - 13)




 

Lesen ist für Walter Gröner nicht nur ein existentielles Grundbedürfnis, er lebt in und mit dem Gelesenen. Seine Texte sind voller Anspielungen auf Dichter und Dichtungen. So grüßt er René Schickele an dessen Grab mit "Guten Morgen, René", erinnert an "Paul Boldt! Der Küsse mit Zähnen füllte", spricht zu Klabund: "Grüß dich, Klabunde. Sah dich soeben bleichschädlig / Über die Dächer reiten". Schließlich begibt er sich zu einer "Reise auf den Testaccio", gemeinsam mit Francesco Petrarca und Giacomo Leopardi, zu Ehren des Heilbronners Wilhelm Waiblinger.

Der Fabrikler und Leser Walter Gröner, wird zum Poeten, indem er durch seine Wortgefüge Assoziationen auslöst, Erinnerungen wachruft und durch die Kunst des Aussparens eine Verdichtung herstellt, die Dichtung schafft. In seinem Prosatext "Anruf, Gegenwart", werden Orte und Personen zusammengefügt, Neues entsteht für den Leser, der aus den Kürzeln und Nebensätzen seine eigenen Geschichten herausholen kann.

 "Also. Monte Verità, die Geister um die "Kampfschrift des Christrevolutionärs", Gregor Gog, Plivier, der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, vergessene Einzelgänger, Warner, Weiser. Urach, die Bachschlingen der Erms, Haus Am Grünen Weg: kabinenunterteilt für Gleich- und Ähnlichgesinnte, ein Weltanschauungsrondell und Zukunftskatapult. Einer hats begonnen: Karl Raichle, roter Matrose 1918, Literatur- und Kunstlehrling. Ende der zwanziger Jahre wars zu Ende. Raichle im Süden. (...) Einer hats verwandelt und überliefert: Johannes Becher, schriller Tubabläser, feierlicher Kantor."

(aus: Fabrikler, Leser und Poet, S. 82)

 

Ebenso wichtig wie die Bücher ist für Walter Gröner das Unterwegssein. Seine Reisen und Aufenthalte in Straßburg, Berlin, Prag, München, Nordtitalien, Schweiz, Georgien. Er erlebt Gelesenes nach und schafft daraus Eigenes. So erinnert er in seinen "Sommergesprächen" in "Straßburg Stadt" an René Schickele, in der "Stadt Berlin" an Paul Boldt, Ringelnatz und Klabund, die "Stadt Prag" ist für ihn die Stadt von Rabbi Löw und Frantisek Hales.




Bas Rhin

 

Adieu, René. Das Herz der Länder ist ausgewandert,

Unter dem Teppich des Gegröls und der hübschen Masken

Ist noch die Schwingung der Bahn.

 

In solchen Lüften, die alle von gestern wehn,

Leben wir die verbliebene Weile, die Schlafenden

Und die Pochenden,

Und wir müssen schon gute Spürhunde sein,

Und wir müssen fest in die Richtung sehen,

Damit uns vom Rest nur der Widerschein trifft.

 

Wenn wir die Pfade kreuzen,

Die Linien scharz und gelb und violetter Farben

Zwischen Angelus und Morgenläuten

Im Kupee, in Gassen, wo die Lichter schrein:

 

Unter der Welt ist ein Bildersaal,

Da gilt kein Datum und da kommt niemand hinein,

Es sei denn er wüßte den regellosen Gezeitenfluß,

Es sei denn er wäre von jenem ewig dauernden Stamm.


(aus: Fabrikler, Leser und Poet, S. 53

Walter Gröner war "nie an der intellektuellen Futterkrippe zu Hause", wie Peter Hamm ihn, den Neuling, beim Literatentreffen im Kreienhoop 1984 vorstellte. Sein Wissen sammelte er auf den Schauplätzen des Lebens, die immer mit Existenzkampf verbunden waren.

Gröner wurde 1950 in Heubach (Ostalbkreis) geboren. Nach der Volksschule und ein paar Monaten Handelsschule macht er sich davon, heuert als Schiffsjunge an. Bald ist er wieder an Land und schlägt sich als Hilfsarbeiter durch, geht 1969 nach Berlin. Dort hört er aus brennendem Interesse Vorlesungen in Vor- und Frühgeschichte. Die Kontakte mit der Studentenbewegung bleiben nicht ohne Spuren, politisieren ihn, zum Wortführer wird er nicht. Von 1972 bis 1977 arbeitet er als Ausgräber bei der Bodendenkmalspflege Rheinland-Pfalz zwischen Darmstadt und Mainz.  Walter Gröner wird Schleifer in Akkord und Wechselschicht in einer Metallfabrik. Er zieht durch Städte und Landschaften und muß doch notgedrungen immer wieder in die Fabriken zurück. Derzeit lebt und arbeitet er in München, als "Fabrikler, Leser und Poet".




Arcquá

 Schwankender, Pendler,

Reisender auf Wechselstation,

Sehr nah Verwandter,

In der Familie

Ungefähr nächstes Glied;

 

Redest grünsilbern aus Zweigen,

Rot und beschwörend im Stein:

 

Zünde dir Kerzen, kleine,

Vorm Umfallen sacht flackernde Feuer,

Unter dem Himmel,

Wo sich die Luft vermischt!


(aus: Fabrikler, Leser und Poet, S. 32)


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Walter Gröner
 Foto: Christoph M Frisch © 2013


Biographie
Geb. 1950 in Heubach/Württemberg
Angelernter Arbeiter, in den 70ern auf
Ausgrabungen, später Metallschleifer,
zuletzt in Oberbayern.


Veröffentlichungen
Reise auf den Testaccio, 1983
Fabrikler, Leser und Poet, Elster Verlag, Bühl-Moos 1985, 92 Seiten und im Piper-Verlag, München 1988
Neuauflage Verlag Louisoder, München 2013
Ein rasend hingehauchtes Herbsteslicht, edition suhrkamp, Frankfurt/M. 1986, 73 Seiten
Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften, u.a. in der "Allmende"


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Titelgrafik Christoph M Frisch © 2009