Die Bergmannsfamilie

 

 

 

 

Die Bergmannsfamilie 

Familienleben und Industrialisierung

von Dr. Charlotte Glück-Christmann

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Dieser Vortrag ist im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit entstanden, die ich am Institut für Regionalgeschichte an der Universität des Saarlandes ge­schrieben habe.

Ich bin damals von der Vermutung ausgegangen, dass eine wirtschaftliche Re­vo­­lution wie die Industrialisierung großen Einfluss auf das Familienleben gehabt haben muss. Das Familienleben muss sich grundlegend verändert haben, wenn auf einmal nicht mehr die ganze Familie zusammen in der Landwirtschaft das Familieneinkommen erarbeitet, sondern der Vater in der Industrie das Geld alleine verdient.

Ich habe für die Dissertation zwar auch Oral History betrieben, also Zeitzeugen befragt, und literarische Quellen ausgewertet, vorwiegend habe ich aber sta­tistisch gearbeitet, d. h. ich habe Kirchenbuchdaten, also Geburts-, Heirats- und Sterbedaten in den Computer eingegeben und ausgewertet. Untersucht habe ich dabei zwei sehr exemplarische Orte: Landsweiler-Reden, ein typisches Berg­manns­dorf im engeren Saarrevier und Faha, heute ein Ortsteil von Mettlach, das bis in die 1950er Jahre ein reines Bauerndorf war. Die Ergebnisse, die ich für das Bergbaumilieu der Saarregion gewonnen habe, lassen sich natürlich teil­weise auf andere Industriezweige übertragen und sind damit nicht nur für die Saarregion von Interesse.

Das Einzugsgebiet der saarländischen Bergwerke ging übrigens weit in die Pfalz hinein und die Aussagen über das weitere Industrierevier betreffen damit die gesamte Westpfalz.

Zu Beginn meiner Ausführungen werde ich ihnen am Beispiel einer konkreten Familie erläutern, wie sich die vormoderne Familie innerhalb weniger Genera­tionen zur modernen Familie, wie wir sie kennen, wandelte. Lassen Sie uns also etwas am Leben der Familie Prinz aus Landsweiler-Reden teilnehmen.

 

Die Familie Prinz, Landsweiler-Reden

Im Januar 1802 heiratete Peter Prinz, ein Bauernsohn aus Eiweiler, Barbara Strauß, eine Tochter LPM00011241_01des Klinkenmüllers. Die Klinkenmühle – zwischen Lands­weiler und Schiffweiler gelegen – war mindestens seit 1705 bis zu ihrem Ver­kauf an die Grube Reden 1912 im Strauß´schen Familienbesitz. Die Braut­leute waren mit 22 bzw. 15 Jahren für die damalige Zeit ungewöhnlich jung, wodurch leicht Spekulationen über eine Liebesgeschichte zwischen den beiden angestellt werden können. Leider lassen sich aber die Beweggründe für diese frühe Heirat nicht mehr rekonstruieren. Das Paar, zumindest einer von beiden, muss jedoch von zu Hause etwas Startkapital bekommen haben, da ansonsten für sie eine Haus­halts- und Familiengründung nicht möglich gewesen wäre. Das Ehepaar ließ sich in Schiffweiler nieder und bekam in 25 Jahren 13 Kinder, von denen jedoch nur sieben das heiratsfähige Alter erreichten.
Diese Zahlen – die regelmäßige Geburtenfolge im Abstand von etwa zwei Jahren, bis die Fruchtbarkeit der Frau ihrem Ende zugeht und die hohe Kinder­sterblichkeit – sind charakteristisch für die vormoder-   Die Ruine der Klinkenmühle                                            nen Verhältnisse.

Da von den sechs Söhnen der Eheleute Prinz nur zwei überlebten, konnte Jakob, der Ältere, die Landwirtschaft des Vaters übernehmen, wogegen Wilhelm, der Jüngere, Bergmann wurde. Eine Teilung des Hofes unter den zwei Söhnen hätte für keinen zum Überleben gereicht, zumal ja im Realerbteilungssystem auch die Töchter zumindest finanziell, meist aber auch durch Ackerland, abgefunden werden mussten. Die Töchter von Peter und Barbara Prinz heirateten über­wie­gend Handwerker. Nur Maria schloss mit einem Lehrer, dem Sohn eines Papier­fabrikanten, die Ehe. Recht typisch ist, dass Helene Prinz schon acht Monate nach dem Tod ihrer Schwester deren Witwer heiratete.

Haus-Prinz2 Von allen Kindern der Eheleute Prinz soll uns im Weiteren nur der Sohn Wilhelm interessieren. Er musste das agrarische Herkunftsmilieu wie viele andere junge Menschen seiner Generation verlassen und sich als Bergmann eine Existenz aufbauen. Eine recht beachtliche Bergmannstradition brachte seine Frau Katharina Zimmer mit in die Familie. Schon deren Vater und beide Groß­väter werden als Bergleute aufgeführt. Eine so weit zurückliegende enge Ver­bindung mit dem Bergbau können selbst in der Saarregion nur wenige Familien aufweisen. Diese Berufskontinuität wird dann von allen sechs überlebenden Söhnen des Wilhelm und der Katharina Prinz fortgesetzt. Die einzige Tochter dagegen heiratete einen Metzger und kam dadurch in kleinbürgerliche Ver­hältnisse.



Der soziale Aufstieg im Ort gelang Jakob, dem ältesten Sohn der Familie Prinz. Seine Frau Katharina Nauhauser entstammte den gleichen familiären Ver­hält­nissen wie ihr Ehemann. Ihr Vater und ihr Bruder waren zwar Bergleute, ihre Großeltern stammten aber wie die väterliche Linie ihres Mannes noch aus dem vorindustriellen, agrarischen Milieu. Beide Großmütter waren Töchter aus alt­eingesessenen Bauernfamilien. Während der Großvater väterlicherseits, Andreas Nauhauser, ein Maurer war, der sein Einkommen zeitweise durch die Ausübung des Lehramtes in Landsweiler (1810-1813) aufbesserte, war ihr Großvater müt­ter­licherseits, Friedrich Müller, ein zum Tagelöhner abgestiegener Bauernsohn. Die Kinder beider Großeltern fanden keine Versorgung mehr in der Land­wirt­schaft. Die Müller´schen Töchter heirateten Bergleute, die Nauhauser´schen dagegen Handwerker, zum Teil Maurer wie der Vater. Die überlebenden Söhne der Familie Nauhauser wurden zu Bergleuten.

 Bei den Eheleuten Jakob und Katharina Prinz zeigt sich nun, welchen Vorteil die ortsansässigen Familien mit agrarischer Tradition gegenüber den neuein­ge­wanderten Familien ohne Landbesitz hatten, wenn sich der verbliebene Grund­besitz mit dem Willen zum Aufstieg und ungeheuerem Fleiß verband. Jakob Prinz war ein vielseitig interessierter, aufgeschlossener Mann. Er beschäftigte sich, obwohl er keine höhere Schulausbildung hatte, gerne mit Mathematik und Astronomie und war als Mitglied der katholischen Zentrumspartei 1907-1922 Ortsvorsteher von Landsweiler-Reden. Ihm gelang der berufliche Aufstieg vom Hauer zum Maschinenwärter, und zusammen mit seiner Frau wollte er seinen Kindern einen weiteren Aufstieg ermöglichen, da diese es einmal noch besser haben sollten. Ein Haus besaß die Familie Prinz schon. Wilhelm Prinz, der Vater, hatte es in den 60er Jahren gebaut, sein ältester Sohn Jakob hatte es über­nommen. Außerdem besaß die Familie noch einige ererbte Äcker, deren Be­stellung neben etwas Kleinviehhaltung ausreichte, um den täglichen Lebens­bedarf der Familie zu decken. Dies ist ein Zeugnis dafür, dass selbst im engeren Industrierevier wie Landsweiler-Reden die Bevölkerung, wenn sie die Möglich­keit dazu hatte, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nebenerwerbliche Land­wirtschaft betrieb, um eine reine Lohnabhängigkeit zu vermeiden. Der Lohn von Jakob Prinz wurde gespart und für die Ausbildung der Kinder verwendet. Ein Sohn und eine Tochter erhielten eine Lehrerausbildung – eine für dieses soziale Umfeld typische Berufswahl -, der jüngste Sohn schlug die Beamtenlaufbahn bei der Eisenbahn ein. Wilhelm Georg, der kein Interesse an weiterer schu­lischer Ausbildung zeigte, erlernte den Beruf des Grubenschlossers und setzte damit die Berufstradition der Familie fort. Die älteste, unverheiratet gebliebene Tochter führte den elterlichen Haushalt und unterstützte den Vater bei seinen Verwaltungsaufgaben als Ortsvorsteher. Einen wesentlichen Beitrag zum be­scheidenen Wohlstand lieferte der starke familiäre Zusammenhalt, von dem die letzten Nachkommen der Familie in Landsweiler-Reden noch heute voll Aner­kennung und auch etwas Wehmut sprechen.

Familie-Prinz

 Jakob und Katharina Prinz, mit ihren Kindern Franz, Maria, August, Katharina und Wilhelm Georg (v.l.n.r.)

Am Beispiel der Familie Prinz lässt sich exemplarisch der in der Regel über drei oder vier Generationen verlaufende Wandlungsprozess der Familie aufzeigen. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung der Saarregion noch in agrarisch geprägten Verhältnissen lebt, zwingt bis zur Mitte des Jahrhunderts die zunehmende Pauperisierung (Verarmung) der Landbevölkerung immer mehr Menschen dazu, sich ihre Existenz durch Industriearbeit zu sichern. Die Aus­we­itung der außerhäuslichen Lohnarbeit auf immer größere Teile der Bevölkerung ist eine der wesentlichen Ursachen für den tiefgreifenden Wandel im familiären Zusammenleben, dessen bisheriges Endprodukt in der modernen Familie des In­dustriezeitalters zu sehen ist und auf deren Entwicklung im folgenden näher ein­gegangen werden soll. Das Zusammenleben im Hause des Ortsvorstehers Prinz weist schon um die Jahrhundertwende wesentliche Kennzeichen einer bürger­lichen Familie auf. Frau und Kinder tragen zwar durch die Nebenerwerbs­land­wirtschaft noch wesentlich zum Familieneinkommen bei, das Zusammenleben wird jedoch nicht mehr alleine wie in den vormodernen Haushaltsge­mein­schaften durch die Sachzwänge des Existenzkampfes bestimmt. Die Erziehung der Kinder, der Wunsch, ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermög­lichen, steht für die Eltern im Mittelpunkt ihres Lebens. Für dieses Ziel werden zusätzliche Arbeitsbelastungen in Kauf genommen. Das Zusammenleben der Familienmitglieder vollzieht sich in einer von Emotionalität und Intimität ge­prägten Atmosphäre. Zur Öffentlichkeit des Dorfes hin besteht eine abgegrenzte Privatsphäre. Nur wenig fehlt noch, um das Bild einer modernen Familie des 20. Jahrhunderts zu vervollständigen. Schon bei der nächsten Generation wird die Lebenshaltung der Familie ganz durch die außerhäusliche Arbeit des Mannes bestritten werden. Die Familie wird damit zur reinen Konsum- und Freizeit­ge­meinschaft. Die bewusst durchgeführte Familienplanung, die Beschränkung auf wenige Kinder zugunsten eines höheren Lebensstandards, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in immer mehr Familien registriert werden kann, bildet dann das letzte noch fehlende Kennzeichen der modernen Familie.

 Die moderne Familie als Ort der Reproduktion, als Lebensgemeinschaft, deren gesamtes Wertesystem, nämlich Liebe und Solidarität, dem der kapitalistischen Gesellschaft, die ja bekanntlich auf Konkurrenz aufbaut, schroff gegenübersteht, ist keine anthropologische Konstante, sondern entspricht in ihrer Struktur, ihrem sehr einheitlichen Erscheinungsbild, in Funktion und Ideologie den gleichartigen Lebensrhythmen, Bedürfnissen und Erfordernissen der modernen Industrie­ge­sell­schaft. Möglich wurde die moderne Familie wie wir sie kennen erst durch die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Neben der Industrialisierung waren es vor allem Ent­wicklungen wie die Agrarrevolution, die Auflösung der Ständegesellschaft, die Bürokratisierung und Urbanisierung, die Säkularisierung, die Aufklärung und der medizinische Fortschritt, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung so tiefgreifend veränderten, dass auch die Familie als primäre Form des mensch­lichen Zusammenlebens einem grundlegenden Wandel unterlag.

 Wie sah eigentlich die Familie aus, bevor sie durch die Industrialisierung grundlegend verändert wurde. Hier haben wir oft ein völlig falsches Bild.