Die Bergmannsfamilie

 

Familie in der traditionellen Gesellschaft

 Das vormoderne, westeuropäische Bevölkerungssystem regiert durch Ehebe­schränkungen auf seine begrenzte Nahrungsgrundlage. Heirat und Familien­gründung waren an den Nachweis einer vollen Erwerbstelle gebunden. Herr­schaftliche Ehegesetze und gesellschaftliche Normen sorgten fast immer für die Einhaltung dieser Regel – zumindest bis zur französischen Revolution. Das Warten auf ein Vollstelle, die normalerweise bei den Bauern und Handwerkern erst durch den Tod des Vaters bzw. Schwiegervaters zu gewinnen war, führte in der Regel ein relativ hohes Heiratsalter mit sich (Mann: 28 - 30 Jahre/Frau: 25 -27 Jahre). Durch diese „späte Heirat“ – ein Phänomen, das es übrigens nur im vormodernen Europa gibt – wurde erstens die Dreigenerationenfamilie ver­mieden – das Zusammenleben von drei Generationen wäre wirtschaftlich eine viel zu große Belastung gewesen wäre, – und zweitens die Zahl der möglichen Geburten innerhalb einer Ehe bei prinzipiell unbeschränkter ehelicher Frucht­barkeit beschränkt. Es ist einfach logisch, dass eine Frau die spät heiratet und keine Geburtenbeschränkung betreibt, weniger Kinder bekommt als eine Frau, die früh heiratet, zumal ja die Fruchtbarkeit der Frau mit zunehmenden Alter abnimmt und Anfang der 20er Jahre am höchsten ist.

 Der „Mythos“ von der vorindustriellen Großfamilie, der immer noch in unseren Köpfen herumgeistert, ist durch die historische Familienforschung inzwischen hinreichend widerlegt worden. Es gab in vorindustrieller Zeit kaum Dreigene­rations­familien – dafür sorgten das Heiratssystem und die hohe Sterblich­keits­ziffer. Nur wenige Menschen erlebten damals ihre Enkel.

 Dieses traditionelle System schloss zwangsläufig große Teile der Bevölkerung, nämlich alle die kein Erbe hatten, ganz oder zumindest zeitweise von den Möglichkeiten einer Familiengründung aus.

 In einem klassischen Realerbteilungsgebiet wie der Saarregion (und auch der Pfalz) ist es für die Gesellschaft weitaus schwieriger, große Teile der Bevölke­rung von dem Recht der Eheschließung auszuschließen, als in den Gegenden mit Anerben­recht. Wird durch das Erbrecht eines er Geschwister eindeutig als Allein­erbe bevorzugt, so ist es aufgrund der dadurch entstehenden krassen Besitzunterschiede relativ einfach, die nichterbenden Kinder durch Gesetze und Normen von einer Heirat abzuhalten, solange sie keine ausreichende Nahrungs­grundlage für ihre zu erwartende Familie vorweisen können. Die dennoch immer wieder vorkommenden heimlich geschlossenen Winkelehen ändern am Funktionieren des Gesamtsystems wenig. Die Realerbteilung dagegen folgte dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Geschwister bei der Aufteilung des elterlichen Erbes. Von Fall zu Fall muss in den hier entstehenden kleinbäuer­lichen Verhältnissen jeder Einzelne entscheiden, ob er in Zukunft mit genügend Einnahmen rechnen kann, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Fehlent­scheidungen, d. h. unüberlegt geschlossene Ehen ohne ausreichende Nahrungs­grundlage, führten bei sich meist rasch einstellendem Kindersegen zwangsläufig zur Verelendung der Familie. Im Erbsystem sind neben den landschaftlichen Gegebenheiten die Ursachen für die Verarmung des Bauernstandes der gesam­ten Region zu suchen. Immer mehr Menschen konnten ihre Familien auf dem wenigen, verbliebenen Land nicht mehr ernähren und mussten sich als Tage­löhner, ohne große Arbeitschancen in einem überbevölkerten Gebiet, verdingen. Wollten sie ihre zu erwartende Familie nicht dem unvermeidlichen Elend aus­liefern, mussten zahlreiche junge Menschen freiwillig auf eine Familien­grün­dung verzichten oder das Land als einer der vielen Auswanderer verlassen. Diese junge Generation bildete schon insofern eine willige „industrielle Reser­ve­armee“, als sie jede Chance zur Lohnarbeit dankbar ergreifen musste, um sich selbst die Möglichkeit einer Heirat zu geben. Nur durch eine sichere Erwerbs­quelle war der Status des „Verheiratetseins“ zu erlangen, der in der traditio­nel­len Welt einen enormen Stellenwert besaß, da nur er wirkliches „Erwachsen­sein“ bedeutete und außerdem die einzige Möglichkeit bot, sexuelle Bedürfnisse auszuleben.

Es kann davon ausgegangen werden, dass bei den durch die Realerbteilung entstandenen kleinbäuerlichen Verhältnissen, die auf einem Hof anfallenden Arbeiten ganz von der Kernfamilie (Vater/Mutter/Kind) erledigt werden konnten. Das „ganze Haus“, so nennt man diese Haushaltsform der vormo­dernen Zeit, in dem jeweils den Produktionserfordernissen entsprechend „familienfremde“ Personen (Verwandte, Gesinde, Inwohner) in den Haushalt aufgenommen wurden und die Kernfamilie (so nennt man Eltern und ihre Kinder) keine von den nichtverwandten Haushaltsmitgliedern separierte Einheit mit Eigenleben bildete, dieses „ganze Haus“ wird in unserer Region kaum vor­gekommen sein. Die Homogenität einer Gesellschaft, in der sich keine großen Besitzunterschiede herausbilden konnten, spiegelte sich damit auch in der Fami­lienstruktur. Ebenso wie die besitzlosen Bevölkerungsgruppen, denen die schon immer vorhanden gewesene Lohnarbeit eine Familiengründung er­möglichte (z. B. im Bau-, Transport- und Montagegewerbe, die Hausierer und Tagelöhner), ebenso wie sie lebten auch die landbesitzenden Bauern in einer Haushaltsform, die äußerlich stark an die moderne Familie erinnert.

Dennoch ist es problematisch, bei diesen auf die Kernfamilie beschränkten Lebensgemeinschaften den mit bestimmten Vorstellungen belegten Familien­begriff zu verwenden.

 Die Schwierigkeiten einer Existenzsicherung in der traditionellen Gesellschaft und die durch sie bedingten Sachzwänge haben ebenso wie die hohe Sterblich­keits­ziffer eine Intimisierung, Individualisierung und Emotionalisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen sehr erschwert. Faktoren wie die unbedingt erforderliche Mitarbeit von Frau und Kindern, die schlechte Wohnsituation, der Zwang, den Ehepartner unter materiellen Gesichtspunkten auszuwählen, also z.B. sein Vermögen, seine Arbeitskraft, seine Fruchtbarkeit im Auge zu haben und beim Tod des Ehepartners seine freigewordene „Stelle“ durch Heirat mög­lichst schnell neu zu besetzen, da nur so die Existenz des Haushaltes zu sichern war, ließen in der vormodernen Welt Gefühle und Eigeninteressen stark hinter der Erfüllung bestimmter Funktionen im Haushaltsverband zurücktreten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass emotionale Beziehungen zwischen den Familien­mit­gliedern überhaupt nicht vorhanden waren. Auch in der vormodernen Gesell­schaft war man darum bemüht, bei der Partnerwahl innerhalb bestimmter sozia­ler Grenzen persönliche Neigungen zu berücksichtigen. Eine funktionierende Ehe war schließlich die Grundlage des Hausfriedens, ohne den ein Überleben des Haushaltes auf die Dauer nicht möglich war. Die ökonomischen Be­din­gun­gen der vorindustriellen Zeit haben im Vergleich mit unserer Gegenwart andere Formen der zwischenmenschlichen Wahrnehmung produziert. Persönliche Attrak­tivität füreinander wurde an Faktoren festgemacht, die immer auch die Existenzsicherung berücksichtigten. Der Sinn der Ehe wurde im gemeinsamen Besitz, in Arbeit, in der Zeugung und Aufzucht von Kindern gesehen. Als attrak­tiv wurde die Person empfunden, die durch ihre körperliche Konstitution und ihre soziale Herkunft dazu befähigt war, zur Lösung der auftretenden All­tags­probleme beizutragen. So können selbst junge Leute in der traditionelle Gesellschaft ohne größeren Druck durch Familie und Gemeinschaft von sich aus bei der Partnerwahl vernünftig gehandelt haben. Der Mensch der vorindustriel­len Welt hatte weniger die Chance, individuelle Glücksansprüche zu formu­lie­ren, das Zusammenleben war aber auch durch die Betonung der materiell-pro­duk­tiven Funktionen weniger störanfällig als heutige Ehen, die oft unter einem ausschließlichen Liebes- und Glücksanspruch geschlossen werden.

 Erst in der durch die Bürokratisierungstendenzen des frühmodernen Staates ent­stehenden Schicht der Bildungsbürger und Beamten finden sich die wesent­lichen Kriterien für die Entstehung der modernen Familie: die strenge Trennung von Produktion und Reproduktionsbereich durch die außerhäusliche Erwerbs­arbeit des Mannes, die nun in der Regel ausreicht, um die Familie materiell abzusichern, wodurch Frau und Kinder vom Produktionsprozess freigestellt werden konnten. In diesem Milieu konnte sich die Intimisierung und Emotiona­lisierung des Familienlebens vollziehen und durch die Ideologisierung der eige­nen Lebensform als natürliche Ordnung ein Ehe- und Familienleitbild geschaf­fen werden, das in der weiteren geschichtlichen Entwicklung durch seinen Vor­bildcharakter auch von sozialen Gruppen übernommen wurden, bei denen die wirtschaftlichen Voraussetzungen, wie bei der Arbeiterschaft der beginnenden Industrialisierung , noch nicht vorlagen.

 

Neue Chancen – neue Risiken

 Die vielleicht einschneidendste Auswirkung des Industrialisierungsprozesses auf das Leben der Menschen war die Ausweitung der Familiengründungschance auf die gesamte Bevölkerung. Jeder Mann, der durch industrielle Lohnarbeit ein festes Einkommen hatte, konnte in der Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz heiraten, womit das Privileg der Ehe für die vermögenden Schichten verloren ging. Ein wesentlicher Schritt zu mehr gesellschaftlicher Gleichheit und zu mehr individueller Freiheit war vollzogen.

 Die relativ gute Lohnsituation des jungen, ledigen Bergmanns und Industrie­arbeiters führte ebenso wie die Tatsache, dass die Heirat nicht mehr vom Tod des Vaters und einer Erbschaft abhängig war, zu einem Ansteigen der Anzahl der Verheirateten in der Gesellschaft und zu einem Absinken des statistischen Heiratsalters bei beiden Geschlechtern. Vergleicht man die Anzahl der verheira­teten Beschäftigten von Landwirtschaft und Bergbau bzw. Hüttenwesen so kann festgestellt werden, dass gerade in den rein agrarisch geprägten Gegenden die Landwirtschaft dem Einzelnen weit weniger die Möglichkeit zu einer Heirat bot als die Industriearbeit. Die Unterschiede verwischen sich dagegen in den Krei­sen mit stärkerer Marktorientierung. Die Nähe zu einem zentralen Markt, wie ihn größere Städte darstellten (z.B. Saarbrücken oder St. Johann), ließen auch für die in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen die Heiratschancen stei­gen, da es hier immer wieder Möglichkeiten gab, sich durch verschiedene ne­ben­erwerbliche Tätigkeiten weiteres Einkommen zu verschaffen. Das durch­schnittliche Heiratsalter in der traditionellen Gesellschaft lag recht hoch, je mit regionalen Unterschieden beim Mann zwischen 28 und 30 Jahren, bei der Frau zwischen 25 und 26 Jahren. Dabei muss aber darauf hingewiesen werden, dass diese statistischen Werte den vielfältigen Erscheinungsformen der vormodernen Gesellschaft wenig gerecht werden. Die Abhängigkeit der Eheschließung vom Freiwerden einer Erwerbsstelle führte vielmehr zu extrem unterschiedlichen Heiratsdaten, man konnte seine Eltern ja früh oder spät verlieren und dadurch sehr früh oder sehr spät die Möglichkeit zur eigenen Familiengründung be­kom­men. Durchschnittsdaten verdecken solche Extremwerte immer sehr leicht.

Bauern
Bergmannsbauern bei der Arbeit. Landwirt und Bergmann in Personalunion. Dies ermöglichte ein Zusatzeinkommen und
gewährte Unabhängigkeit von der Marktlage, sowie eine Rückversicherung bei wirtschaftlichen Krisen.

Durch die Industrialisierung kann von einem allgemeinen Absinken des Heiratsalters bei beiden Geschlechtern um zwei bis drei Jahren ausgegangen werden. Bei der Frau, der sich in der Saarregion kaum Möglichkeiten der industriellen Lohnarbeit boten, wirkte sich neben dem Beruf des Bräutigams auch der Beruf des Vaters auf das Heiratsalter aus. Erwachsene Bauern- und Tagelöhnertöchter bilden durch ihre willkommene Arbeitskraft im Haushalt, in der Landwirtschaft der Eltern, im Tagelohn oder im Gesindedienst kaum eine Belastung für ihre Herkunftsfamilie, während z. B. in der Mehrzahl der Berg­arbeiterfamilien der Haushalt und die auf einen Garten reduzierte Land­wirt­schaft von der Hausfrau und ihren jüngeren Kindern alleine geleistet werden kann. Die Eltern waren daher meist bemüht, ihre heiratsfähigen Töchter mög­lichst rasch zu verheiraten, eine Tatsache, die sich denkbar schlecht auf das Selbstwertgefühl der Frau ausgewirkt hat.

 Am 23. Juni 1862 wurde durch einen königlichen Erlass der Ehekonsens, den heiratswilligen Bergleute der staatlichen Gruben bisher von der Bergbehörde einholen mussten, abgeschafft. Die preußischen Bergleute unterlagen damit weit weniger Eingriffen in ihr Familienleben als z. B. die Stumm´schen Hütten­ar­beiter, denen ihr Arbeitgeber, verankert in der „Allgemeinen Arbeitsordnung für das Neunkirchener Eisenwerk“ von 1892, vorschrieb, wen und wann sie heiraten durften. Im Neunkirchener Eisenwerk arbeiteten auch viele Hütten­ar­beiter aus der Westpfalz.

In direktem Zusammenhang mit dem sinkenden Heiratsalter steht die durch­schnitt­lich höhere Kinderzahl der Bergarbeiterfamilie im Vergleich zum tra­ditionellen agrarischen Milieu. Während die „späte Heirat“ in der traditionellen Gesellschaft einen übergroßen Kinderreichtum durch die Herabsetzung der inner­ehelichen fruchtbaren Jahre der Frau verhütete, musste ein Absinken des Heiratsalters bei keinerlei Beschränkung der ehelichen Fruchtbarkeit – Ver­hütungsmethoden waren in der Regel unbekannt oder wurden nicht angewendet – zwangsläufig zu einer höheren Geburtenzahl führen. Bergarbeiter-Ehen, in denen die Frau in einem natürlichen Abstand von zwei bis drei Jahren bis zum Ende ihrer Fruchtbarkeit, etwa bis zum 45. Lebensjahr, neun bis zwölf Kinder gebar, waren keine Seltenheit. Die durchschnittliche Geburtenzahl lag natürlich weit unter dieser Zahl, etwa bei fünf Geburten, wobei beobachtet werden kann, dass in vielen Ehen die letzte Geburt der Frau schon um ihr 40. Lebensjahr liegt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Eheleute doch bemüht war, even­tuell durch sexuelle Zurückhaltung, ihre Kinderzahl zu beschränken. Leider gibt es noch keine Untersuchungen darüber, ab welchem Zeitpunkt Teile der Berg­arbeiterschaft konsequent versuchten, durch bewusste Familienplanung die Zahl ihrer Kinder zu begrenzen, um so den Lebensstandard der Familie halten zu können. Untersuchungen in anderen Regionen haben ergeben, dass vor allem der gesellschaftliche Aufstiegwille der Frau als Hauptantriebskraft der Empfängnis­verhütung anzusehen ist – wobei es große Unterschiede zwischen katholischen und evangelischen Gegenden gibt. Die Geburtenbeschränkung beginnt in evangelischen Familien.

Die hohe Zahl der Geburten entspricht jedoch in den seltensten Fällen der realen Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder. Durch die auch noch im 19. Jahr­hundert enorm hohe Kindersterblichkeit erreichte nur etwa ein Drittel aller ge­borenen Kinder das Erwachsenenstadium. Schlechte Ernährung und übermäßige körperliche Belastung der Mutter, nicht zuletzt durch die häufigen Geburten, ließen schon etwa 4 – 5 % aller Schwangerschaften mit einer Totgeburt enden. Doch auch das bei seiner Geburt lebende Kind stand nun zunächst vor dem schwersten Jahr seines Lebens, dessen Härteprüfung etwa ein Sechstel aller Kinder nicht überlebte. Ein weiteres Sechstel starb vor dem 15. Lebensjahr, vor allem an Kinder- und Infektionskrankheiten, wobei die Chancen des einzelnen, einmal als alter Mensch zu sterben, mit jedem gelebten Jahr größer wurden. Statistische Durchschnittszahlen können in einem solchen Zusammenhang recht hilfreich sein, um einen Eindruck von vergangenen Lebensverhältnissen zu ver­mitteln, ganz gerecht werden sie der Realität aber nie. In diesem Zusammen­hang wird das besonders deutlich. Zu offensichtlich kann bei näherer Betrachtung festgestellt werden, welch große Unterschiede zwischen einzelnen Familien bestehen. Während in manchen Familien eine nur ganz geringe Kinder­sterblich­keit herrscht, es kaum Totgeburten gibt und fast alle Kinder das Erwachsenen­stadium erreichen, häufen sich in anderen Familien die Todesfälle unter den Kindern. Ein solches Phänomen kann nur durch unterschiedliche Lebensver­hält­nisse in den einzelnen Haushalten erklärt werden. Zwar spielen die körper­lichen Voraussetzungen der Mutter, gerade bei den Totgeburten, sicherlich eine ge­wis­se Rolle, entscheidender mag aber die unterschiedliche Arbeitsbelastung der Frau und die jeweilige Ernährungssituation gewesen sein. Kinder, die in ihrer frühen Lebensphase eine ausgewogene Ernährung erfahren haben, sind in der Regel gegenüber Krankheiten weitaus widerstandsfähiger als Kinder mit ein­sei­tiger oder mangelnder Ernährung. Unterschiedliche Möglichkeiten bei der Selbst­versorgung der Familie mit den damaligen Grundnahrungsmitteln Kar­toffeln und Milch haben dabei eine nicht unterschätzende Rolle gespielt. Ab­weichungen im Stillverhalten dagegen können kaum zur Erklärung herangezogen werden, da die Ernährung des Säuglings von den Müttern in der Regel nach traditionellen Mustern gehandhabt wird und dieses in einer von der regionalen und sozialen Herkunft her so homogenen Schicht wie die Saarbergarbeiterschaft recht gleichartig gewesen sein muss.

Bergleute_Seilfahrt 
Saarländische Bergarbeiter und Bergbaubeamte am Förderschacht.


 Untersucht man die Lebenserwartung der Erwachsenen nach bestimmten Be­rufs­gruppen, am sinnvollsten am Beispiel der verheirateten Bevölkerung, so stellt man eine gewisse „Ungleichheit vor dem Tod“ fest. Leicht einsehbar ist die durch die gefahrvolle Arbeit bedingte geringere Lebenserwartung des Berg­manns. Aber auch die kindliche Ernährung scheint sich noch bei dem er­wachse­nen Menschen auszuwirken, da gerade die Töchter von Bergmännern eine we­sent­lich geringere Lebenserwartung als die aus agrarischem Milieu stammen­den Frauen haben. Die geringere Lebenserwartung der Berg­manns­söhne gegenüber den Bauern- und Tagelöhnersöhnen ist dagegen weniger aussagekräftig, da durch die hohe Berufskontinuität die meisten Bergmannsöhne (etwa 62 %) den Beruf ihres Vaters ergreifen und damit schon durch ihre eigene Tätigkeit eine herabgesetzte Lebenserwartung haben. Während sich der Beruf des Ehemannes durch die unterschiedliche Arbeitsbelastung der Frau statistisch stark nieder­schlägt – Handwerkerfrauen haben die größte Chance auf ein für die damaligen Verhältnisse relativ langes Leben -, stellt erstaunlicherweise eine hohe Ge­burten­zahl keine Beeinträchtigung der Lebenserwartung dar. Frauen, die fähig sind, vielen Kindern das Leben zu schenken, scheinen körperlich auch am ro­bustesten zu sein. Der gefürchtete Tod im Kindbett stellt sich am häufigsten bei einer der ersten Geburten ein und betrifft damit vor allem die Frauen mit schwächerer Konstitution.

 Die gegenüber heute weitaus geringere Lebenserwartung der Menschen des 19. Jahrhunderts führte ebenso wie in der vormodernen Gesellschaft zu einer hohen Zahl an Zweitehen, die für den Beobachter aus dem 20. Jahrhundert meist über­raschend schnell nach dem Tod des ersten Ehepartners geschlossen wurden. Dies kann jedoch auf keinen Fall, wie in der historischen Familienforschung häufig geschehen, als Beweis für die angebliche Gefühllosigkeit zwischen den Eheleuten gewertet werden. Die Probleme von Existenzsicherung und Haus­halts­führung zwangen beide Geschlechter, möglichst schnell eine neue Ehe einzugehen, wobei besonders der verwitwete Vater von Kleinkindern zu einem raschen Handeln gezwungen war. Durch die hohe Zahl der Zweitehen mussten viele Familien mit den nicht leicht zu bewältigenden Problemen von Stiefeltern- und Stiefgeschwisterschaft fertig werden.