Die Bergmannsfamilie

 

 

Lebensform Familie

 Im Gegensatz zu anderen Industriegebieten in der Anfangszeit der Industria­lisierung kann man in der Saarregion keine starken Vereinzelungstendenzen in der Bevölkerung beobachten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen lebte im familiären Zusammenhang, vor der Heirat bei den Eltern, danach dann in der selbstgegründeten Familie. In den meisten Fällen beschränkte sich die Haus­halts­zusammensetzung dabei auf die Kernfamilie. Wenn es irgend ging, ver­suchte man, wie auch schon in der vormodernen Zeit, das konfliktträchtige Zu­sammenleben mit weiteren Verwandten (Eltern, ledigen Geschwistern etc.) zu vermeiden. Großelternteile wurden meist erst bei Pflegebedürftigkeit in die Familie aufgenommen, ansonsten versuchte man getrennte Haushalte, wenn auch oft in räumlicher Nähe, zu führen. Die Arbeitsmöglichkeiten in der Indus­trie für die Jungen und die zunehmende Altersversorgung machten die Genera­tionen unabhängiger voneinander. Die Zahl der von einem Bergmann zu ernäh­renden Eltern, Großeltern und Geschwister nahm immer mehr ab, was sich durchaus positiv auf die verwandtschaftlichen Beziehungen auswirkte. Die räum­liche Einengung vieler Familien durch Untermieter – vor allem direkt an den Industriestandorten, war dagegen aus finanziellen Gründen oft leider unum­gänglich. Man hoffte meist darauf, die Situation bald ändern zu können.

 Die Familie als dominante Lebensform hatte eine außerordentlich starke Be­deutung um Leben des einzelnen. Möglich wurde dies durch die strukturellen Gegebenheiten des saarländischen Industriereviers.

 Das engere Revier direkt am Industriestandort erlebte zwar einen starken Zu­strom von Arbeitskräften, diese wanderten jedoch schon als geschlossene Familien ein, oder es gelang, die ortsfremden Junggesellen durch Einheirat in die alteingesessenen Familien rasch in die Gemeinde- und Verwandt­schafts­systeme zu integrieren. Beides konnte relativ unproblematisch vor sich gehen, da sich die Arbeitskräfte der Saarindustrie vor allem aus der näheren Umgebung rekrutierten – eine Ferneinwanderung fand in größerem Umfang nicht statt – und alle etwa auch dem gleichen sozialen Hintergrund entstammten. Auf Men­talitätsunterschieden fußende Vorurteile wie z. B. im Ruhrgebiet mit seiner großen Ferneinwanderung konnten damit kaum auftreten. Sowohl Einkommen und soziale Absicherung der Bergleute als auch ihr nicht zu unterschätzendes Sozialprestige machten es den alteingesessenen Familien leicht, eine Heirat zwischen den eigenen Töchtern und den ortsfremden Männern zuzulassen. Das Untermieterwesen spielte dabei als Vermittlungsinstanz eine große Rolle. Die soziale Kluft in Bergmannsdörfern mit hoher Zuwanderungsrate verlief nicht zwischen alteingesessenen und neueingewanderten Gemeindemitgliedern, sondern zwischen Familien mit und ohne Haus- und Landbesitz. Sozialprestige konnte nur der Hauseigentümer erringen, und zum Bau eines Hauses war der Bergmann trotz des Prämienhaussystems meist nur dann fähig, wenn er etwas Land ererbt oder erheiratet hatte. Der vorhandene Bauplatz bzw. die Möglich­keit, durch den eigenen Garten die Lebenshaltungskosten recht niedrig zu halten, waren der sicherste Weg, dem verpönten Mieterdasein zu entgehen. Das gut funktionierende Verwandtschafts- und Nachbarschaftssystem half dem Bauherrn dann außerdem, die Baukosten durch viele Eigenleistungen relativ niedrig zu halten. Die hohe Zahl der Familien mit eigenem Haus in der Saarregion be­schleunig­te jedoch nicht unbedingt die Entwicklung eines Familienlebens im modernen Sinne. Die mit dem Hausbau verbundenen Schulden zwangen meist lange Zeit dazu, Untermieter in den Haushalt aufzunehmen, wodurch die Ent­stehung einer Privatsphäre in der Familie des Eigentümers stark behindert wurde. Außerdem verpflichtete die Inanspruchnahme von Freundschaftsdiensten den Bauherrn immer zur Revanche, was bei der ohnehin sehr geringen Freizeit des Bergmanns eine weitere Belastung für das Familienleben bedeutete.

 Im weiteren Revier, den Gemeinden, in die die Bergleute täglich als Nahpendler zurückkehren konnten, ist kaum eine Zu- oder Abwanderungsbewegung zu verzeichnen. Die alteingesessenen Familien blieben unter sich, erlebten gemein­sam den Wandel von der agrarisch zur industriell geprägten Welt. Diese Ge­meinden, in denen die Bergleute nur noch ihre Freizeit, vor allem ihr Familien- und Vereinsleben verbrachten, erschienen vielen als Gegenwelt zum Erwerbs­leben, so dass selbst junge, mobile Menschen trotz täglich langer Wege zum Arbeitsplatz im Dorf wohnen blieben und sich hier ihre Kraft für den Pro­duk­tions­prozess holten.

 Einschneidend Neues im familiären Zusammenleben brachte im engeren wie im weiteren Revier wohl vor allem die außerhäusliche Berufstätigkeit, die bei zwölf Arbeitsstunden und oft sehr weiten An- und Abfahrtswegen extrem lange Ab­wesen­heit des Familienvaters. In der vormodernen Familie, die eine strenge Trennung von Arbeit und Familienleben nicht kannte, in der alle Haushaltsmit­glieder nach ihren Kräften den Lebensunterhalt gemeinsam erwirtschafteten, wurde der Vater vom Rest der Familie überwiegend in seiner Position als Wirt­schafts­leiter gesehen. Frau und Kinder konnten in ihm während des ganzen Tagesablaufes einen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen erleben. Die gemeinsame, an das Haus gebundene Arbeit schuf einen intensiven Kontakt unter den Familienmitgliedern. Ehefrau und Kinder, die eine zwar rechtlich unter­geordnete, aber durch das zusammen erwirtschaftete Familieneinkommen doch recht starke und sicher auch selbstbewusste Position im Haushalt ein­nah­men, konnten ein realistisches Bild vom Vater gewinnen.

 Ganz anders in der Bergmannsfamilie: Der Vater verdiente nun den Hauptanteil des Lebensunterhalts, und dies durch eine Arbeit, die für die Restfamilie nicht mehr einsehbar war, an der sie keinen Anteil mehr hatte. Seine lange Abwesen­heit und sein erschöpftes Nachhausekommen ließen es zu, den Vater zu idea­li­sieren, in ihm vor allem den sich für seine Familie aufopfernden Ernährer zu sehen. Obwohl der Kontakt es Vaters zu seinen Kindern auf ein Minimum zusammenschrumpfte, man also eigentlich annehmen sollte, dass er in der Familie völlig entmachtet wurde, übte der abwesende Vater bzw. das von ihm aufgebaute Bild eines „streng aber gerechten“, treusorgenden Mannes durch seinen Vorbildcharakter eine enorme erzieherische Funktion aus. Dem Berg­mann half diese starke Position in der Familie, seine berufliche Abhängigkeit, sein Einordnung in streng hierarchisch strukturierte Arbeitsverhältnisse zu kom­pensieren.

 Wesentlichen Anteil an der innerfamiliären Aufwertung des Vaters hatten die Ehefrauen. Obwohl ihr Beitrag zum Erhalt der Familie sicher dem des Mannes gleichkam, stellten sie sich mehr oder weniger freiwillig hinter ihrem Ehemann in die zweite Reihe. Sie, die nun die Last von Haushalt und Kindererziehung alleine trugen und zudem meist gezwungen waren, durch vielerlei saisonale Nebentätigkeiten (Gartenarbeit, Kleintierhaltung, Tagelohn, Sammlertätigkeit, Näh- und Wascharbeiten etc.) den geringen Lohn des Mannes aufzubessern, um überhaupt haushalten zu können, sie waren es gerade, die den Kindern das Vaterbild im Alltag vermittelten. Die Frauen waren durch ihre demütige Hal­tung, die ihnen im Elternhaus anerzogen worden war, die sie aber auch durch ihre eigene Erziehung den Töchtern weitergaben, wesentlich daran beteiligt, dass die außerhäuslichen Lohnarbeit ihrer Männer gesellschaftlich höher be­wertet wurde als der durch hohe Flexibilität gekennzeichnete Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen. Entscheidend für ein solches Verhaltens­muster war wohl hauptsächlich die Tatsache, dass die Frau die Arbeit ihres Mannes nur aus seinen Erzählungen kannte, sie nur die Härte und Gefahr der Arbeit unter Tage vor Augen hatte, jedoch nicht sah, welche ihr nicht zu Verfügung stehenden Freiräume, z. B. Kameradschaft und Vereinsleben, dem Mann eine solche Be­lastung erträglich machten.

 In der Bergmannsfamilie der frühen Industrialisierung konnte unter diesen Umständen noch keine von Intimität und Emotionalität geprägte Atmosphäre, wie sie das moderne Familienleben kennzeichnet, entstehen. Zu sehr war das Leben der Kinder vom Alltagskampf der Mütter und von Ehrfurcht gegenüber einem abwesenden Vater bestimmt. Ihr Leben verlief noch zum größten Teil außerhalb des Elternhauses, auf der Straße, bei den überall die Kinder gerade anfallenden Arbeiten und natürlich zunehmend in der Schule. Auch die emo­tionale Beziehung der Eheleute zueinander wird oft unter der Härte des Alltags gelitten haben. Obgleich im Bergarbeitermilieu die Partnerwahl zunehmend auf persönlicher Attraktivität und Zuneigung beruhte, erwies es sich auch hier immer noch als sehr nützlich, wenn rationale Erwägungen die Eheschließung begleitet hatten. Etwas Mitgift oder ein zu erwartendes Erbe ließen ebenso wie zuverlässige Arbeitskraft und Sparsamkeit des Partners die Chancen für eine dauerhafte Existenz der Familie entscheidend steigen.

 Erst die Einführung der Acht-Stunden-Schicht und eine Anhebung der Löhne konnten Vater und Mutter mehr Zeit und Muße für die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie verschaffen. Ein Familienleben, das dem bürger­lichen Leitbild entsprach, wurde dementsprechend zuerst in den qualifizierten Facharbeiterkreisen verwirklicht.

 Die widrigsten Umstände für familiäres Leben herrschten zweifellos bei den Fernpendlern, im äußersten Einzugsbereich des saarländischen Industrie­ge­bietes, z.B. in den Dörfern der Westpfalz, die nicht direkt an der Bahnlinie lagen. Hier zwangen die langen Anfahrtswege die Bergleute dazu, während der Woche im Industrierevier, oft im Schlafhaus, zu bleiben. Sie konnten bestenfalls am Sonntag für einige Stunden zu ihren Familien zurückkehren. Diese Situation brachte zweifellos durch die mit ihr verbundene Heimatlosigkeit große Prob­leme mit sich. Der Bergmann blieb an seinem Arbeitsplatz ein Fremder, wurde es aber auch zwangsläufig in seinem Heimatdorf. Von seiner Frau und den Kindern, die noch ganz in einer bäuerlichen Welt lebten, trennte ihn eine ganze Welt. Ein solches Leben konnte wahrscheinlich nur durch die Hoffnung auf eine baldige Änderung der Lebensumstände ertragen werden, und tatsächlich hatte dieses Fernpendlertum meist Übergangscharakter. Die Probleme lösten sich, indem die Familie dem Vater ins engere Revier folgte, später dann durch die Verbesserung des Verkehrsnetzes, die dem Bergmann die tägliche Heimkehr ermöglichte, oder durch die Schaffung näherliegender Arbeitsplätze. Die wochen­weise Abwesenheit des Bergmannes brachte es mit sich, dass die Kinder praktisch in einem vaterlosen Haushalt unter der alleinigen Obhut der Mutter aufwuchsen. Diese war bei der Erziehung völlig auf sich gestellt, Hilfestellung gab ihr höchstens das von ihr vermittelte Bild des Vaters als Autoritätsperson. Die Heimkehr des Bergmannes kam einem bloßen Besuch gleich und wurde zwangsläufig zum Festtag, den man nicht gegenseitig mit Problemen belasten wollte. Vor allem die Frau wird über ihren eigenen, schweren Alltag – es war ja hauptsächlich das verbliebene Ackerland, das die Familie am Wegzug ins In­dustrie­revier hinderte und das nun von der Frau und den Kindern alleine be­stellt werden musste – kaum geklagt haben.

 Obwohl die Voraussetzungen für die Entstehung einer intimen Familien­atmo­sphäre nach modernem Mustern in der Frühzeit der Industrialisierung noch nicht gegeben waren, spielte dennoch die Familie im Bewusstsein der Saarbe­völke­rung eine enorme Rolle. Sie gab dem einzelnen den nötigen Halt in einer Zeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche. Dies lässt sich sehr gut anhand der im Vergleich mit anderen Gegenden äußerst niedrigen Anzahl von unehe­lichen Geburten belegen (2 – 4 %). Zwar ist es ein allgemein zu beobach­ten­des Phänomen, dass die Illegitimitätsquote in Industriegebieten niedriger ist als in agrarischen Regionen mit bestehenden ökonomischen und sozialen Hei­rats­schranken. Aber die Unehelichkeit ist in der Saargegend ein so ver­schwin­dend kleines Problem, dass dies nicht mehr allein auf die steigenden Möglich­keiten einer eigenen Familiengründung im Falle einer eingetretenen Schwanger­schaft zurückgeführt werden kann. Eine Erklärung kann nur in der starken el­terlichen Autorität, vor allem der schon beschriebenen starken Stellung des Va­ters, und der Verinnerlichung bestimmter, von den Eltern vermittelter Le­bens­werte bei den Kindern gefunden werden. Nicht nur die Töchter, sondern auch die Söhne unterstellten sich relativ lange der Gewalt des Vaters, was even­tuell auch durch die häufig vorkommende gemeinsame Arbeit in der gleichen Kame­radschaft unter Tage gefördert wurde. Voreheliche Sexualität war in den Berg­mannsfamilien zwar nicht unüblich, sie gehörte meistens zur Ehean­bah­nung dazu, eine Schwangerschaft führte jedoch fast immer sofort zur Heirat. Selbst bei den unehelich auf die Welt gekommenen Kindern wurden noch etwa 40 %, nachträglich durch eine Heirat der Eltern legitimiert – ein deutlicher Be­weis für die dominante Rolle, die Heirat und Familie im Bewusstsein der Be­völ­kerung spielte.
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  Zur Autorin dieses Artikels

Dr_Ch_Glueck_Christmann_Thu

 







Dr. Charlotte Glück-Christmann
ist Historikerin und
Leiterin des
Zweibrücker Stadtmuseums.
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Portraitfoto: C.Glück-Christmann© 2011
Bildmaterial zu diesem Artikel © Landesbildstelle des Saarlandes im LPM 2011

Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2011