Die Bergmannsfamilie

 

 

 

 

Die Bergmannsfamilie 

Familienleben und Industrialisierung

von Dr. Charlotte Glück-Christmann

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Dieser Vortrag ist im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit entstanden, die ich am Institut für Regionalgeschichte an der Universität des Saarlandes ge­schrieben habe.

Ich bin damals von der Vermutung ausgegangen, dass eine wirtschaftliche Re­vo­­lution wie die Industrialisierung großen Einfluss auf das Familienleben gehabt haben muss. Das Familienleben muss sich grundlegend verändert haben, wenn auf einmal nicht mehr die ganze Familie zusammen in der Landwirtschaft das Familieneinkommen erarbeitet, sondern der Vater in der Industrie das Geld alleine verdient.

Ich habe für die Dissertation zwar auch Oral History betrieben, also Zeitzeugen befragt, und literarische Quellen ausgewertet, vorwiegend habe ich aber sta­tistisch gearbeitet, d. h. ich habe Kirchenbuchdaten, also Geburts-, Heirats- und Sterbedaten in den Computer eingegeben und ausgewertet. Untersucht habe ich dabei zwei sehr exemplarische Orte: Landsweiler-Reden, ein typisches Berg­manns­dorf im engeren Saarrevier und Faha, heute ein Ortsteil von Mettlach, das bis in die 1950er Jahre ein reines Bauerndorf war. Die Ergebnisse, die ich für das Bergbaumilieu der Saarregion gewonnen habe, lassen sich natürlich teil­weise auf andere Industriezweige übertragen und sind damit nicht nur für die Saarregion von Interesse.

Das Einzugsgebiet der saarländischen Bergwerke ging übrigens weit in die Pfalz hinein und die Aussagen über das weitere Industrierevier betreffen damit die gesamte Westpfalz.

Zu Beginn meiner Ausführungen werde ich ihnen am Beispiel einer konkreten Familie erläutern, wie sich die vormoderne Familie innerhalb weniger Genera­tionen zur modernen Familie, wie wir sie kennen, wandelte. Lassen Sie uns also etwas am Leben der Familie Prinz aus Landsweiler-Reden teilnehmen.

 

Die Familie Prinz, Landsweiler-Reden

Im Januar 1802 heiratete Peter Prinz, ein Bauernsohn aus Eiweiler, Barbara Strauß, eine Tochter LPM00011241_01des Klinkenmüllers. Die Klinkenmühle – zwischen Lands­weiler und Schiffweiler gelegen – war mindestens seit 1705 bis zu ihrem Ver­kauf an die Grube Reden 1912 im Strauß´schen Familienbesitz. Die Braut­leute waren mit 22 bzw. 15 Jahren für die damalige Zeit ungewöhnlich jung, wodurch leicht Spekulationen über eine Liebesgeschichte zwischen den beiden angestellt werden können. Leider lassen sich aber die Beweggründe für diese frühe Heirat nicht mehr rekonstruieren. Das Paar, zumindest einer von beiden, muss jedoch von zu Hause etwas Startkapital bekommen haben, da ansonsten für sie eine Haus­halts- und Familiengründung nicht möglich gewesen wäre. Das Ehepaar ließ sich in Schiffweiler nieder und bekam in 25 Jahren 13 Kinder, von denen jedoch nur sieben das heiratsfähige Alter erreichten.
Diese Zahlen – die regelmäßige Geburtenfolge im Abstand von etwa zwei Jahren, bis die Fruchtbarkeit der Frau ihrem Ende zugeht und die hohe Kinder­sterblichkeit – sind charakteristisch für die vormoder-   Die Ruine der Klinkenmühle                                            nen Verhältnisse.

Da von den sechs Söhnen der Eheleute Prinz nur zwei überlebten, konnte Jakob, der Ältere, die Landwirtschaft des Vaters übernehmen, wogegen Wilhelm, der Jüngere, Bergmann wurde. Eine Teilung des Hofes unter den zwei Söhnen hätte für keinen zum Überleben gereicht, zumal ja im Realerbteilungssystem auch die Töchter zumindest finanziell, meist aber auch durch Ackerland, abgefunden werden mussten. Die Töchter von Peter und Barbara Prinz heirateten über­wie­gend Handwerker. Nur Maria schloss mit einem Lehrer, dem Sohn eines Papier­fabrikanten, die Ehe. Recht typisch ist, dass Helene Prinz schon acht Monate nach dem Tod ihrer Schwester deren Witwer heiratete.

Haus-Prinz2 Von allen Kindern der Eheleute Prinz soll uns im Weiteren nur der Sohn Wilhelm interessieren. Er musste das agrarische Herkunftsmilieu wie viele andere junge Menschen seiner Generation verlassen und sich als Bergmann eine Existenz aufbauen. Eine recht beachtliche Bergmannstradition brachte seine Frau Katharina Zimmer mit in die Familie. Schon deren Vater und beide Groß­väter werden als Bergleute aufgeführt. Eine so weit zurückliegende enge Ver­bindung mit dem Bergbau können selbst in der Saarregion nur wenige Familien aufweisen. Diese Berufskontinuität wird dann von allen sechs überlebenden Söhnen des Wilhelm und der Katharina Prinz fortgesetzt. Die einzige Tochter dagegen heiratete einen Metzger und kam dadurch in kleinbürgerliche Ver­hältnisse.



Der soziale Aufstieg im Ort gelang Jakob, dem ältesten Sohn der Familie Prinz. Seine Frau Katharina Nauhauser entstammte den gleichen familiären Ver­hält­nissen wie ihr Ehemann. Ihr Vater und ihr Bruder waren zwar Bergleute, ihre Großeltern stammten aber wie die väterliche Linie ihres Mannes noch aus dem vorindustriellen, agrarischen Milieu. Beide Großmütter waren Töchter aus alt­eingesessenen Bauernfamilien. Während der Großvater väterlicherseits, Andreas Nauhauser, ein Maurer war, der sein Einkommen zeitweise durch die Ausübung des Lehramtes in Landsweiler (1810-1813) aufbesserte, war ihr Großvater müt­ter­licherseits, Friedrich Müller, ein zum Tagelöhner abgestiegener Bauernsohn. Die Kinder beider Großeltern fanden keine Versorgung mehr in der Land­wirt­schaft. Die Müller´schen Töchter heirateten Bergleute, die Nauhauser´schen dagegen Handwerker, zum Teil Maurer wie der Vater. Die überlebenden Söhne der Familie Nauhauser wurden zu Bergleuten.

 Bei den Eheleuten Jakob und Katharina Prinz zeigt sich nun, welchen Vorteil die ortsansässigen Familien mit agrarischer Tradition gegenüber den neuein­ge­wanderten Familien ohne Landbesitz hatten, wenn sich der verbliebene Grund­besitz mit dem Willen zum Aufstieg und ungeheuerem Fleiß verband. Jakob Prinz war ein vielseitig interessierter, aufgeschlossener Mann. Er beschäftigte sich, obwohl er keine höhere Schulausbildung hatte, gerne mit Mathematik und Astronomie und war als Mitglied der katholischen Zentrumspartei 1907-1922 Ortsvorsteher von Landsweiler-Reden. Ihm gelang der berufliche Aufstieg vom Hauer zum Maschinenwärter, und zusammen mit seiner Frau wollte er seinen Kindern einen weiteren Aufstieg ermöglichen, da diese es einmal noch besser haben sollten. Ein Haus besaß die Familie Prinz schon. Wilhelm Prinz, der Vater, hatte es in den 60er Jahren gebaut, sein ältester Sohn Jakob hatte es über­nommen. Außerdem besaß die Familie noch einige ererbte Äcker, deren Be­stellung neben etwas Kleinviehhaltung ausreichte, um den täglichen Lebens­bedarf der Familie zu decken. Dies ist ein Zeugnis dafür, dass selbst im engeren Industrierevier wie Landsweiler-Reden die Bevölkerung, wenn sie die Möglich­keit dazu hatte, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nebenerwerbliche Land­wirtschaft betrieb, um eine reine Lohnabhängigkeit zu vermeiden. Der Lohn von Jakob Prinz wurde gespart und für die Ausbildung der Kinder verwendet. Ein Sohn und eine Tochter erhielten eine Lehrerausbildung – eine für dieses soziale Umfeld typische Berufswahl -, der jüngste Sohn schlug die Beamtenlaufbahn bei der Eisenbahn ein. Wilhelm Georg, der kein Interesse an weiterer schu­lischer Ausbildung zeigte, erlernte den Beruf des Grubenschlossers und setzte damit die Berufstradition der Familie fort. Die älteste, unverheiratet gebliebene Tochter führte den elterlichen Haushalt und unterstützte den Vater bei seinen Verwaltungsaufgaben als Ortsvorsteher. Einen wesentlichen Beitrag zum be­scheidenen Wohlstand lieferte der starke familiäre Zusammenhalt, von dem die letzten Nachkommen der Familie in Landsweiler-Reden noch heute voll Aner­kennung und auch etwas Wehmut sprechen.

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 Jakob und Katharina Prinz, mit ihren Kindern Franz, Maria, August, Katharina und Wilhelm Georg (v.l.n.r.)

Am Beispiel der Familie Prinz lässt sich exemplarisch der in der Regel über drei oder vier Generationen verlaufende Wandlungsprozess der Familie aufzeigen. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung der Saarregion noch in agrarisch geprägten Verhältnissen lebt, zwingt bis zur Mitte des Jahrhunderts die zunehmende Pauperisierung (Verarmung) der Landbevölkerung immer mehr Menschen dazu, sich ihre Existenz durch Industriearbeit zu sichern. Die Aus­we­itung der außerhäuslichen Lohnarbeit auf immer größere Teile der Bevölkerung ist eine der wesentlichen Ursachen für den tiefgreifenden Wandel im familiären Zusammenleben, dessen bisheriges Endprodukt in der modernen Familie des In­dustriezeitalters zu sehen ist und auf deren Entwicklung im folgenden näher ein­gegangen werden soll. Das Zusammenleben im Hause des Ortsvorstehers Prinz weist schon um die Jahrhundertwende wesentliche Kennzeichen einer bürger­lichen Familie auf. Frau und Kinder tragen zwar durch die Nebenerwerbs­land­wirtschaft noch wesentlich zum Familieneinkommen bei, das Zusammenleben wird jedoch nicht mehr alleine wie in den vormodernen Haushaltsge­mein­schaften durch die Sachzwänge des Existenzkampfes bestimmt. Die Erziehung der Kinder, der Wunsch, ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermög­lichen, steht für die Eltern im Mittelpunkt ihres Lebens. Für dieses Ziel werden zusätzliche Arbeitsbelastungen in Kauf genommen. Das Zusammenleben der Familienmitglieder vollzieht sich in einer von Emotionalität und Intimität ge­prägten Atmosphäre. Zur Öffentlichkeit des Dorfes hin besteht eine abgegrenzte Privatsphäre. Nur wenig fehlt noch, um das Bild einer modernen Familie des 20. Jahrhunderts zu vervollständigen. Schon bei der nächsten Generation wird die Lebenshaltung der Familie ganz durch die außerhäusliche Arbeit des Mannes bestritten werden. Die Familie wird damit zur reinen Konsum- und Freizeit­ge­meinschaft. Die bewusst durchgeführte Familienplanung, die Beschränkung auf wenige Kinder zugunsten eines höheren Lebensstandards, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in immer mehr Familien registriert werden kann, bildet dann das letzte noch fehlende Kennzeichen der modernen Familie.

 Die moderne Familie als Ort der Reproduktion, als Lebensgemeinschaft, deren gesamtes Wertesystem, nämlich Liebe und Solidarität, dem der kapitalistischen Gesellschaft, die ja bekanntlich auf Konkurrenz aufbaut, schroff gegenübersteht, ist keine anthropologische Konstante, sondern entspricht in ihrer Struktur, ihrem sehr einheitlichen Erscheinungsbild, in Funktion und Ideologie den gleichartigen Lebensrhythmen, Bedürfnissen und Erfordernissen der modernen Industrie­ge­sell­schaft. Möglich wurde die moderne Familie wie wir sie kennen erst durch die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Neben der Industrialisierung waren es vor allem Ent­wicklungen wie die Agrarrevolution, die Auflösung der Ständegesellschaft, die Bürokratisierung und Urbanisierung, die Säkularisierung, die Aufklärung und der medizinische Fortschritt, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung so tiefgreifend veränderten, dass auch die Familie als primäre Form des mensch­lichen Zusammenlebens einem grundlegenden Wandel unterlag.

 Wie sah eigentlich die Familie aus, bevor sie durch die Industrialisierung grundlegend verändert wurde. Hier haben wir oft ein völlig falsches Bild.

 


 

Familie in der traditionellen Gesellschaft

 Das vormoderne, westeuropäische Bevölkerungssystem regiert durch Ehebe­schränkungen auf seine begrenzte Nahrungsgrundlage. Heirat und Familien­gründung waren an den Nachweis einer vollen Erwerbstelle gebunden. Herr­schaftliche Ehegesetze und gesellschaftliche Normen sorgten fast immer für die Einhaltung dieser Regel – zumindest bis zur französischen Revolution. Das Warten auf ein Vollstelle, die normalerweise bei den Bauern und Handwerkern erst durch den Tod des Vaters bzw. Schwiegervaters zu gewinnen war, führte in der Regel ein relativ hohes Heiratsalter mit sich (Mann: 28 - 30 Jahre/Frau: 25 -27 Jahre). Durch diese „späte Heirat“ – ein Phänomen, das es übrigens nur im vormodernen Europa gibt – wurde erstens die Dreigenerationenfamilie ver­mieden – das Zusammenleben von drei Generationen wäre wirtschaftlich eine viel zu große Belastung gewesen wäre, – und zweitens die Zahl der möglichen Geburten innerhalb einer Ehe bei prinzipiell unbeschränkter ehelicher Frucht­barkeit beschränkt. Es ist einfach logisch, dass eine Frau die spät heiratet und keine Geburtenbeschränkung betreibt, weniger Kinder bekommt als eine Frau, die früh heiratet, zumal ja die Fruchtbarkeit der Frau mit zunehmenden Alter abnimmt und Anfang der 20er Jahre am höchsten ist.

 Der „Mythos“ von der vorindustriellen Großfamilie, der immer noch in unseren Köpfen herumgeistert, ist durch die historische Familienforschung inzwischen hinreichend widerlegt worden. Es gab in vorindustrieller Zeit kaum Dreigene­rations­familien – dafür sorgten das Heiratssystem und die hohe Sterblich­keits­ziffer. Nur wenige Menschen erlebten damals ihre Enkel.

 Dieses traditionelle System schloss zwangsläufig große Teile der Bevölkerung, nämlich alle die kein Erbe hatten, ganz oder zumindest zeitweise von den Möglichkeiten einer Familiengründung aus.

 In einem klassischen Realerbteilungsgebiet wie der Saarregion (und auch der Pfalz) ist es für die Gesellschaft weitaus schwieriger, große Teile der Bevölke­rung von dem Recht der Eheschließung auszuschließen, als in den Gegenden mit Anerben­recht. Wird durch das Erbrecht eines er Geschwister eindeutig als Allein­erbe bevorzugt, so ist es aufgrund der dadurch entstehenden krassen Besitzunterschiede relativ einfach, die nichterbenden Kinder durch Gesetze und Normen von einer Heirat abzuhalten, solange sie keine ausreichende Nahrungs­grundlage für ihre zu erwartende Familie vorweisen können. Die dennoch immer wieder vorkommenden heimlich geschlossenen Winkelehen ändern am Funktionieren des Gesamtsystems wenig. Die Realerbteilung dagegen folgte dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Geschwister bei der Aufteilung des elterlichen Erbes. Von Fall zu Fall muss in den hier entstehenden kleinbäuer­lichen Verhältnissen jeder Einzelne entscheiden, ob er in Zukunft mit genügend Einnahmen rechnen kann, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Fehlent­scheidungen, d. h. unüberlegt geschlossene Ehen ohne ausreichende Nahrungs­grundlage, führten bei sich meist rasch einstellendem Kindersegen zwangsläufig zur Verelendung der Familie. Im Erbsystem sind neben den landschaftlichen Gegebenheiten die Ursachen für die Verarmung des Bauernstandes der gesam­ten Region zu suchen. Immer mehr Menschen konnten ihre Familien auf dem wenigen, verbliebenen Land nicht mehr ernähren und mussten sich als Tage­löhner, ohne große Arbeitschancen in einem überbevölkerten Gebiet, verdingen. Wollten sie ihre zu erwartende Familie nicht dem unvermeidlichen Elend aus­liefern, mussten zahlreiche junge Menschen freiwillig auf eine Familien­grün­dung verzichten oder das Land als einer der vielen Auswanderer verlassen. Diese junge Generation bildete schon insofern eine willige „industrielle Reser­ve­armee“, als sie jede Chance zur Lohnarbeit dankbar ergreifen musste, um sich selbst die Möglichkeit einer Heirat zu geben. Nur durch eine sichere Erwerbs­quelle war der Status des „Verheiratetseins“ zu erlangen, der in der traditio­nel­len Welt einen enormen Stellenwert besaß, da nur er wirkliches „Erwachsen­sein“ bedeutete und außerdem die einzige Möglichkeit bot, sexuelle Bedürfnisse auszuleben.

Es kann davon ausgegangen werden, dass bei den durch die Realerbteilung entstandenen kleinbäuerlichen Verhältnissen, die auf einem Hof anfallenden Arbeiten ganz von der Kernfamilie (Vater/Mutter/Kind) erledigt werden konnten. Das „ganze Haus“, so nennt man diese Haushaltsform der vormo­dernen Zeit, in dem jeweils den Produktionserfordernissen entsprechend „familienfremde“ Personen (Verwandte, Gesinde, Inwohner) in den Haushalt aufgenommen wurden und die Kernfamilie (so nennt man Eltern und ihre Kinder) keine von den nichtverwandten Haushaltsmitgliedern separierte Einheit mit Eigenleben bildete, dieses „ganze Haus“ wird in unserer Region kaum vor­gekommen sein. Die Homogenität einer Gesellschaft, in der sich keine großen Besitzunterschiede herausbilden konnten, spiegelte sich damit auch in der Fami­lienstruktur. Ebenso wie die besitzlosen Bevölkerungsgruppen, denen die schon immer vorhanden gewesene Lohnarbeit eine Familiengründung er­möglichte (z. B. im Bau-, Transport- und Montagegewerbe, die Hausierer und Tagelöhner), ebenso wie sie lebten auch die landbesitzenden Bauern in einer Haushaltsform, die äußerlich stark an die moderne Familie erinnert.

Dennoch ist es problematisch, bei diesen auf die Kernfamilie beschränkten Lebensgemeinschaften den mit bestimmten Vorstellungen belegten Familien­begriff zu verwenden.

 Die Schwierigkeiten einer Existenzsicherung in der traditionellen Gesellschaft und die durch sie bedingten Sachzwänge haben ebenso wie die hohe Sterblich­keits­ziffer eine Intimisierung, Individualisierung und Emotionalisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen sehr erschwert. Faktoren wie die unbedingt erforderliche Mitarbeit von Frau und Kindern, die schlechte Wohnsituation, der Zwang, den Ehepartner unter materiellen Gesichtspunkten auszuwählen, also z.B. sein Vermögen, seine Arbeitskraft, seine Fruchtbarkeit im Auge zu haben und beim Tod des Ehepartners seine freigewordene „Stelle“ durch Heirat mög­lichst schnell neu zu besetzen, da nur so die Existenz des Haushaltes zu sichern war, ließen in der vormodernen Welt Gefühle und Eigeninteressen stark hinter der Erfüllung bestimmter Funktionen im Haushaltsverband zurücktreten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass emotionale Beziehungen zwischen den Familien­mit­gliedern überhaupt nicht vorhanden waren. Auch in der vormodernen Gesell­schaft war man darum bemüht, bei der Partnerwahl innerhalb bestimmter sozia­ler Grenzen persönliche Neigungen zu berücksichtigen. Eine funktionierende Ehe war schließlich die Grundlage des Hausfriedens, ohne den ein Überleben des Haushaltes auf die Dauer nicht möglich war. Die ökonomischen Be­din­gun­gen der vorindustriellen Zeit haben im Vergleich mit unserer Gegenwart andere Formen der zwischenmenschlichen Wahrnehmung produziert. Persönliche Attrak­tivität füreinander wurde an Faktoren festgemacht, die immer auch die Existenzsicherung berücksichtigten. Der Sinn der Ehe wurde im gemeinsamen Besitz, in Arbeit, in der Zeugung und Aufzucht von Kindern gesehen. Als attrak­tiv wurde die Person empfunden, die durch ihre körperliche Konstitution und ihre soziale Herkunft dazu befähigt war, zur Lösung der auftretenden All­tags­probleme beizutragen. So können selbst junge Leute in der traditionelle Gesellschaft ohne größeren Druck durch Familie und Gemeinschaft von sich aus bei der Partnerwahl vernünftig gehandelt haben. Der Mensch der vorindustriel­len Welt hatte weniger die Chance, individuelle Glücksansprüche zu formu­lie­ren, das Zusammenleben war aber auch durch die Betonung der materiell-pro­duk­tiven Funktionen weniger störanfällig als heutige Ehen, die oft unter einem ausschließlichen Liebes- und Glücksanspruch geschlossen werden.

 Erst in der durch die Bürokratisierungstendenzen des frühmodernen Staates ent­stehenden Schicht der Bildungsbürger und Beamten finden sich die wesent­lichen Kriterien für die Entstehung der modernen Familie: die strenge Trennung von Produktion und Reproduktionsbereich durch die außerhäusliche Erwerbs­arbeit des Mannes, die nun in der Regel ausreicht, um die Familie materiell abzusichern, wodurch Frau und Kinder vom Produktionsprozess freigestellt werden konnten. In diesem Milieu konnte sich die Intimisierung und Emotiona­lisierung des Familienlebens vollziehen und durch die Ideologisierung der eige­nen Lebensform als natürliche Ordnung ein Ehe- und Familienleitbild geschaf­fen werden, das in der weiteren geschichtlichen Entwicklung durch seinen Vor­bildcharakter auch von sozialen Gruppen übernommen wurden, bei denen die wirtschaftlichen Voraussetzungen, wie bei der Arbeiterschaft der beginnenden Industrialisierung , noch nicht vorlagen.

 

Neue Chancen – neue Risiken

 Die vielleicht einschneidendste Auswirkung des Industrialisierungsprozesses auf das Leben der Menschen war die Ausweitung der Familiengründungschance auf die gesamte Bevölkerung. Jeder Mann, der durch industrielle Lohnarbeit ein festes Einkommen hatte, konnte in der Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz heiraten, womit das Privileg der Ehe für die vermögenden Schichten verloren ging. Ein wesentlicher Schritt zu mehr gesellschaftlicher Gleichheit und zu mehr individueller Freiheit war vollzogen.

 Die relativ gute Lohnsituation des jungen, ledigen Bergmanns und Industrie­arbeiters führte ebenso wie die Tatsache, dass die Heirat nicht mehr vom Tod des Vaters und einer Erbschaft abhängig war, zu einem Ansteigen der Anzahl der Verheirateten in der Gesellschaft und zu einem Absinken des statistischen Heiratsalters bei beiden Geschlechtern. Vergleicht man die Anzahl der verheira­teten Beschäftigten von Landwirtschaft und Bergbau bzw. Hüttenwesen so kann festgestellt werden, dass gerade in den rein agrarisch geprägten Gegenden die Landwirtschaft dem Einzelnen weit weniger die Möglichkeit zu einer Heirat bot als die Industriearbeit. Die Unterschiede verwischen sich dagegen in den Krei­sen mit stärkerer Marktorientierung. Die Nähe zu einem zentralen Markt, wie ihn größere Städte darstellten (z.B. Saarbrücken oder St. Johann), ließen auch für die in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen die Heiratschancen stei­gen, da es hier immer wieder Möglichkeiten gab, sich durch verschiedene ne­ben­erwerbliche Tätigkeiten weiteres Einkommen zu verschaffen. Das durch­schnittliche Heiratsalter in der traditionellen Gesellschaft lag recht hoch, je mit regionalen Unterschieden beim Mann zwischen 28 und 30 Jahren, bei der Frau zwischen 25 und 26 Jahren. Dabei muss aber darauf hingewiesen werden, dass diese statistischen Werte den vielfältigen Erscheinungsformen der vormodernen Gesellschaft wenig gerecht werden. Die Abhängigkeit der Eheschließung vom Freiwerden einer Erwerbsstelle führte vielmehr zu extrem unterschiedlichen Heiratsdaten, man konnte seine Eltern ja früh oder spät verlieren und dadurch sehr früh oder sehr spät die Möglichkeit zur eigenen Familiengründung be­kom­men. Durchschnittsdaten verdecken solche Extremwerte immer sehr leicht.

Bauern
Bergmannsbauern bei der Arbeit. Landwirt und Bergmann in Personalunion. Dies ermöglichte ein Zusatzeinkommen und
gewährte Unabhängigkeit von der Marktlage, sowie eine Rückversicherung bei wirtschaftlichen Krisen.

Durch die Industrialisierung kann von einem allgemeinen Absinken des Heiratsalters bei beiden Geschlechtern um zwei bis drei Jahren ausgegangen werden. Bei der Frau, der sich in der Saarregion kaum Möglichkeiten der industriellen Lohnarbeit boten, wirkte sich neben dem Beruf des Bräutigams auch der Beruf des Vaters auf das Heiratsalter aus. Erwachsene Bauern- und Tagelöhnertöchter bilden durch ihre willkommene Arbeitskraft im Haushalt, in der Landwirtschaft der Eltern, im Tagelohn oder im Gesindedienst kaum eine Belastung für ihre Herkunftsfamilie, während z. B. in der Mehrzahl der Berg­arbeiterfamilien der Haushalt und die auf einen Garten reduzierte Land­wirt­schaft von der Hausfrau und ihren jüngeren Kindern alleine geleistet werden kann. Die Eltern waren daher meist bemüht, ihre heiratsfähigen Töchter mög­lichst rasch zu verheiraten, eine Tatsache, die sich denkbar schlecht auf das Selbstwertgefühl der Frau ausgewirkt hat.

 Am 23. Juni 1862 wurde durch einen königlichen Erlass der Ehekonsens, den heiratswilligen Bergleute der staatlichen Gruben bisher von der Bergbehörde einholen mussten, abgeschafft. Die preußischen Bergleute unterlagen damit weit weniger Eingriffen in ihr Familienleben als z. B. die Stumm´schen Hütten­ar­beiter, denen ihr Arbeitgeber, verankert in der „Allgemeinen Arbeitsordnung für das Neunkirchener Eisenwerk“ von 1892, vorschrieb, wen und wann sie heiraten durften. Im Neunkirchener Eisenwerk arbeiteten auch viele Hütten­ar­beiter aus der Westpfalz.

In direktem Zusammenhang mit dem sinkenden Heiratsalter steht die durch­schnitt­lich höhere Kinderzahl der Bergarbeiterfamilie im Vergleich zum tra­ditionellen agrarischen Milieu. Während die „späte Heirat“ in der traditionellen Gesellschaft einen übergroßen Kinderreichtum durch die Herabsetzung der inner­ehelichen fruchtbaren Jahre der Frau verhütete, musste ein Absinken des Heiratsalters bei keinerlei Beschränkung der ehelichen Fruchtbarkeit – Ver­hütungsmethoden waren in der Regel unbekannt oder wurden nicht angewendet – zwangsläufig zu einer höheren Geburtenzahl führen. Bergarbeiter-Ehen, in denen die Frau in einem natürlichen Abstand von zwei bis drei Jahren bis zum Ende ihrer Fruchtbarkeit, etwa bis zum 45. Lebensjahr, neun bis zwölf Kinder gebar, waren keine Seltenheit. Die durchschnittliche Geburtenzahl lag natürlich weit unter dieser Zahl, etwa bei fünf Geburten, wobei beobachtet werden kann, dass in vielen Ehen die letzte Geburt der Frau schon um ihr 40. Lebensjahr liegt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Eheleute doch bemüht war, even­tuell durch sexuelle Zurückhaltung, ihre Kinderzahl zu beschränken. Leider gibt es noch keine Untersuchungen darüber, ab welchem Zeitpunkt Teile der Berg­arbeiterschaft konsequent versuchten, durch bewusste Familienplanung die Zahl ihrer Kinder zu begrenzen, um so den Lebensstandard der Familie halten zu können. Untersuchungen in anderen Regionen haben ergeben, dass vor allem der gesellschaftliche Aufstiegwille der Frau als Hauptantriebskraft der Empfängnis­verhütung anzusehen ist – wobei es große Unterschiede zwischen katholischen und evangelischen Gegenden gibt. Die Geburtenbeschränkung beginnt in evangelischen Familien.

Die hohe Zahl der Geburten entspricht jedoch in den seltensten Fällen der realen Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder. Durch die auch noch im 19. Jahr­hundert enorm hohe Kindersterblichkeit erreichte nur etwa ein Drittel aller ge­borenen Kinder das Erwachsenenstadium. Schlechte Ernährung und übermäßige körperliche Belastung der Mutter, nicht zuletzt durch die häufigen Geburten, ließen schon etwa 4 – 5 % aller Schwangerschaften mit einer Totgeburt enden. Doch auch das bei seiner Geburt lebende Kind stand nun zunächst vor dem schwersten Jahr seines Lebens, dessen Härteprüfung etwa ein Sechstel aller Kinder nicht überlebte. Ein weiteres Sechstel starb vor dem 15. Lebensjahr, vor allem an Kinder- und Infektionskrankheiten, wobei die Chancen des einzelnen, einmal als alter Mensch zu sterben, mit jedem gelebten Jahr größer wurden. Statistische Durchschnittszahlen können in einem solchen Zusammenhang recht hilfreich sein, um einen Eindruck von vergangenen Lebensverhältnissen zu ver­mitteln, ganz gerecht werden sie der Realität aber nie. In diesem Zusammen­hang wird das besonders deutlich. Zu offensichtlich kann bei näherer Betrachtung festgestellt werden, welch große Unterschiede zwischen einzelnen Familien bestehen. Während in manchen Familien eine nur ganz geringe Kinder­sterblich­keit herrscht, es kaum Totgeburten gibt und fast alle Kinder das Erwachsenen­stadium erreichen, häufen sich in anderen Familien die Todesfälle unter den Kindern. Ein solches Phänomen kann nur durch unterschiedliche Lebensver­hält­nisse in den einzelnen Haushalten erklärt werden. Zwar spielen die körper­lichen Voraussetzungen der Mutter, gerade bei den Totgeburten, sicherlich eine ge­wis­se Rolle, entscheidender mag aber die unterschiedliche Arbeitsbelastung der Frau und die jeweilige Ernährungssituation gewesen sein. Kinder, die in ihrer frühen Lebensphase eine ausgewogene Ernährung erfahren haben, sind in der Regel gegenüber Krankheiten weitaus widerstandsfähiger als Kinder mit ein­sei­tiger oder mangelnder Ernährung. Unterschiedliche Möglichkeiten bei der Selbst­versorgung der Familie mit den damaligen Grundnahrungsmitteln Kar­toffeln und Milch haben dabei eine nicht unterschätzende Rolle gespielt. Ab­weichungen im Stillverhalten dagegen können kaum zur Erklärung herangezogen werden, da die Ernährung des Säuglings von den Müttern in der Regel nach traditionellen Mustern gehandhabt wird und dieses in einer von der regionalen und sozialen Herkunft her so homogenen Schicht wie die Saarbergarbeiterschaft recht gleichartig gewesen sein muss.

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Saarländische Bergarbeiter und Bergbaubeamte am Förderschacht.


 Untersucht man die Lebenserwartung der Erwachsenen nach bestimmten Be­rufs­gruppen, am sinnvollsten am Beispiel der verheirateten Bevölkerung, so stellt man eine gewisse „Ungleichheit vor dem Tod“ fest. Leicht einsehbar ist die durch die gefahrvolle Arbeit bedingte geringere Lebenserwartung des Berg­manns. Aber auch die kindliche Ernährung scheint sich noch bei dem er­wachse­nen Menschen auszuwirken, da gerade die Töchter von Bergmännern eine we­sent­lich geringere Lebenserwartung als die aus agrarischem Milieu stammen­den Frauen haben. Die geringere Lebenserwartung der Berg­manns­söhne gegenüber den Bauern- und Tagelöhnersöhnen ist dagegen weniger aussagekräftig, da durch die hohe Berufskontinuität die meisten Bergmannsöhne (etwa 62 %) den Beruf ihres Vaters ergreifen und damit schon durch ihre eigene Tätigkeit eine herabgesetzte Lebenserwartung haben. Während sich der Beruf des Ehemannes durch die unterschiedliche Arbeitsbelastung der Frau statistisch stark nieder­schlägt – Handwerkerfrauen haben die größte Chance auf ein für die damaligen Verhältnisse relativ langes Leben -, stellt erstaunlicherweise eine hohe Ge­burten­zahl keine Beeinträchtigung der Lebenserwartung dar. Frauen, die fähig sind, vielen Kindern das Leben zu schenken, scheinen körperlich auch am ro­bustesten zu sein. Der gefürchtete Tod im Kindbett stellt sich am häufigsten bei einer der ersten Geburten ein und betrifft damit vor allem die Frauen mit schwächerer Konstitution.

 Die gegenüber heute weitaus geringere Lebenserwartung der Menschen des 19. Jahrhunderts führte ebenso wie in der vormodernen Gesellschaft zu einer hohen Zahl an Zweitehen, die für den Beobachter aus dem 20. Jahrhundert meist über­raschend schnell nach dem Tod des ersten Ehepartners geschlossen wurden. Dies kann jedoch auf keinen Fall, wie in der historischen Familienforschung häufig geschehen, als Beweis für die angebliche Gefühllosigkeit zwischen den Eheleuten gewertet werden. Die Probleme von Existenzsicherung und Haus­halts­führung zwangen beide Geschlechter, möglichst schnell eine neue Ehe einzugehen, wobei besonders der verwitwete Vater von Kleinkindern zu einem raschen Handeln gezwungen war. Durch die hohe Zahl der Zweitehen mussten viele Familien mit den nicht leicht zu bewältigenden Problemen von Stiefeltern- und Stiefgeschwisterschaft fertig werden.

 


 

 

Lebensform Familie

 Im Gegensatz zu anderen Industriegebieten in der Anfangszeit der Industria­lisierung kann man in der Saarregion keine starken Vereinzelungstendenzen in der Bevölkerung beobachten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen lebte im familiären Zusammenhang, vor der Heirat bei den Eltern, danach dann in der selbstgegründeten Familie. In den meisten Fällen beschränkte sich die Haus­halts­zusammensetzung dabei auf die Kernfamilie. Wenn es irgend ging, ver­suchte man, wie auch schon in der vormodernen Zeit, das konfliktträchtige Zu­sammenleben mit weiteren Verwandten (Eltern, ledigen Geschwistern etc.) zu vermeiden. Großelternteile wurden meist erst bei Pflegebedürftigkeit in die Familie aufgenommen, ansonsten versuchte man getrennte Haushalte, wenn auch oft in räumlicher Nähe, zu führen. Die Arbeitsmöglichkeiten in der Indus­trie für die Jungen und die zunehmende Altersversorgung machten die Genera­tionen unabhängiger voneinander. Die Zahl der von einem Bergmann zu ernäh­renden Eltern, Großeltern und Geschwister nahm immer mehr ab, was sich durchaus positiv auf die verwandtschaftlichen Beziehungen auswirkte. Die räum­liche Einengung vieler Familien durch Untermieter – vor allem direkt an den Industriestandorten, war dagegen aus finanziellen Gründen oft leider unum­gänglich. Man hoffte meist darauf, die Situation bald ändern zu können.

 Die Familie als dominante Lebensform hatte eine außerordentlich starke Be­deutung um Leben des einzelnen. Möglich wurde dies durch die strukturellen Gegebenheiten des saarländischen Industriereviers.

 Das engere Revier direkt am Industriestandort erlebte zwar einen starken Zu­strom von Arbeitskräften, diese wanderten jedoch schon als geschlossene Familien ein, oder es gelang, die ortsfremden Junggesellen durch Einheirat in die alteingesessenen Familien rasch in die Gemeinde- und Verwandt­schafts­systeme zu integrieren. Beides konnte relativ unproblematisch vor sich gehen, da sich die Arbeitskräfte der Saarindustrie vor allem aus der näheren Umgebung rekrutierten – eine Ferneinwanderung fand in größerem Umfang nicht statt – und alle etwa auch dem gleichen sozialen Hintergrund entstammten. Auf Men­talitätsunterschieden fußende Vorurteile wie z. B. im Ruhrgebiet mit seiner großen Ferneinwanderung konnten damit kaum auftreten. Sowohl Einkommen und soziale Absicherung der Bergleute als auch ihr nicht zu unterschätzendes Sozialprestige machten es den alteingesessenen Familien leicht, eine Heirat zwischen den eigenen Töchtern und den ortsfremden Männern zuzulassen. Das Untermieterwesen spielte dabei als Vermittlungsinstanz eine große Rolle. Die soziale Kluft in Bergmannsdörfern mit hoher Zuwanderungsrate verlief nicht zwischen alteingesessenen und neueingewanderten Gemeindemitgliedern, sondern zwischen Familien mit und ohne Haus- und Landbesitz. Sozialprestige konnte nur der Hauseigentümer erringen, und zum Bau eines Hauses war der Bergmann trotz des Prämienhaussystems meist nur dann fähig, wenn er etwas Land ererbt oder erheiratet hatte. Der vorhandene Bauplatz bzw. die Möglich­keit, durch den eigenen Garten die Lebenshaltungskosten recht niedrig zu halten, waren der sicherste Weg, dem verpönten Mieterdasein zu entgehen. Das gut funktionierende Verwandtschafts- und Nachbarschaftssystem half dem Bauherrn dann außerdem, die Baukosten durch viele Eigenleistungen relativ niedrig zu halten. Die hohe Zahl der Familien mit eigenem Haus in der Saarregion be­schleunig­te jedoch nicht unbedingt die Entwicklung eines Familienlebens im modernen Sinne. Die mit dem Hausbau verbundenen Schulden zwangen meist lange Zeit dazu, Untermieter in den Haushalt aufzunehmen, wodurch die Ent­stehung einer Privatsphäre in der Familie des Eigentümers stark behindert wurde. Außerdem verpflichtete die Inanspruchnahme von Freundschaftsdiensten den Bauherrn immer zur Revanche, was bei der ohnehin sehr geringen Freizeit des Bergmanns eine weitere Belastung für das Familienleben bedeutete.

 Im weiteren Revier, den Gemeinden, in die die Bergleute täglich als Nahpendler zurückkehren konnten, ist kaum eine Zu- oder Abwanderungsbewegung zu verzeichnen. Die alteingesessenen Familien blieben unter sich, erlebten gemein­sam den Wandel von der agrarisch zur industriell geprägten Welt. Diese Ge­meinden, in denen die Bergleute nur noch ihre Freizeit, vor allem ihr Familien- und Vereinsleben verbrachten, erschienen vielen als Gegenwelt zum Erwerbs­leben, so dass selbst junge, mobile Menschen trotz täglich langer Wege zum Arbeitsplatz im Dorf wohnen blieben und sich hier ihre Kraft für den Pro­duk­tions­prozess holten.

 Einschneidend Neues im familiären Zusammenleben brachte im engeren wie im weiteren Revier wohl vor allem die außerhäusliche Berufstätigkeit, die bei zwölf Arbeitsstunden und oft sehr weiten An- und Abfahrtswegen extrem lange Ab­wesen­heit des Familienvaters. In der vormodernen Familie, die eine strenge Trennung von Arbeit und Familienleben nicht kannte, in der alle Haushaltsmit­glieder nach ihren Kräften den Lebensunterhalt gemeinsam erwirtschafteten, wurde der Vater vom Rest der Familie überwiegend in seiner Position als Wirt­schafts­leiter gesehen. Frau und Kinder konnten in ihm während des ganzen Tagesablaufes einen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen erleben. Die gemeinsame, an das Haus gebundene Arbeit schuf einen intensiven Kontakt unter den Familienmitgliedern. Ehefrau und Kinder, die eine zwar rechtlich unter­geordnete, aber durch das zusammen erwirtschaftete Familieneinkommen doch recht starke und sicher auch selbstbewusste Position im Haushalt ein­nah­men, konnten ein realistisches Bild vom Vater gewinnen.

 Ganz anders in der Bergmannsfamilie: Der Vater verdiente nun den Hauptanteil des Lebensunterhalts, und dies durch eine Arbeit, die für die Restfamilie nicht mehr einsehbar war, an der sie keinen Anteil mehr hatte. Seine lange Abwesen­heit und sein erschöpftes Nachhausekommen ließen es zu, den Vater zu idea­li­sieren, in ihm vor allem den sich für seine Familie aufopfernden Ernährer zu sehen. Obwohl der Kontakt es Vaters zu seinen Kindern auf ein Minimum zusammenschrumpfte, man also eigentlich annehmen sollte, dass er in der Familie völlig entmachtet wurde, übte der abwesende Vater bzw. das von ihm aufgebaute Bild eines „streng aber gerechten“, treusorgenden Mannes durch seinen Vorbildcharakter eine enorme erzieherische Funktion aus. Dem Berg­mann half diese starke Position in der Familie, seine berufliche Abhängigkeit, sein Einordnung in streng hierarchisch strukturierte Arbeitsverhältnisse zu kom­pensieren.

 Wesentlichen Anteil an der innerfamiliären Aufwertung des Vaters hatten die Ehefrauen. Obwohl ihr Beitrag zum Erhalt der Familie sicher dem des Mannes gleichkam, stellten sie sich mehr oder weniger freiwillig hinter ihrem Ehemann in die zweite Reihe. Sie, die nun die Last von Haushalt und Kindererziehung alleine trugen und zudem meist gezwungen waren, durch vielerlei saisonale Nebentätigkeiten (Gartenarbeit, Kleintierhaltung, Tagelohn, Sammlertätigkeit, Näh- und Wascharbeiten etc.) den geringen Lohn des Mannes aufzubessern, um überhaupt haushalten zu können, sie waren es gerade, die den Kindern das Vaterbild im Alltag vermittelten. Die Frauen waren durch ihre demütige Hal­tung, die ihnen im Elternhaus anerzogen worden war, die sie aber auch durch ihre eigene Erziehung den Töchtern weitergaben, wesentlich daran beteiligt, dass die außerhäuslichen Lohnarbeit ihrer Männer gesellschaftlich höher be­wertet wurde als der durch hohe Flexibilität gekennzeichnete Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen. Entscheidend für ein solches Verhaltens­muster war wohl hauptsächlich die Tatsache, dass die Frau die Arbeit ihres Mannes nur aus seinen Erzählungen kannte, sie nur die Härte und Gefahr der Arbeit unter Tage vor Augen hatte, jedoch nicht sah, welche ihr nicht zu Verfügung stehenden Freiräume, z. B. Kameradschaft und Vereinsleben, dem Mann eine solche Be­lastung erträglich machten.

 In der Bergmannsfamilie der frühen Industrialisierung konnte unter diesen Umständen noch keine von Intimität und Emotionalität geprägte Atmosphäre, wie sie das moderne Familienleben kennzeichnet, entstehen. Zu sehr war das Leben der Kinder vom Alltagskampf der Mütter und von Ehrfurcht gegenüber einem abwesenden Vater bestimmt. Ihr Leben verlief noch zum größten Teil außerhalb des Elternhauses, auf der Straße, bei den überall die Kinder gerade anfallenden Arbeiten und natürlich zunehmend in der Schule. Auch die emo­tionale Beziehung der Eheleute zueinander wird oft unter der Härte des Alltags gelitten haben. Obgleich im Bergarbeitermilieu die Partnerwahl zunehmend auf persönlicher Attraktivität und Zuneigung beruhte, erwies es sich auch hier immer noch als sehr nützlich, wenn rationale Erwägungen die Eheschließung begleitet hatten. Etwas Mitgift oder ein zu erwartendes Erbe ließen ebenso wie zuverlässige Arbeitskraft und Sparsamkeit des Partners die Chancen für eine dauerhafte Existenz der Familie entscheidend steigen.

 Erst die Einführung der Acht-Stunden-Schicht und eine Anhebung der Löhne konnten Vater und Mutter mehr Zeit und Muße für die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie verschaffen. Ein Familienleben, das dem bürger­lichen Leitbild entsprach, wurde dementsprechend zuerst in den qualifizierten Facharbeiterkreisen verwirklicht.

 Die widrigsten Umstände für familiäres Leben herrschten zweifellos bei den Fernpendlern, im äußersten Einzugsbereich des saarländischen Industrie­ge­bietes, z.B. in den Dörfern der Westpfalz, die nicht direkt an der Bahnlinie lagen. Hier zwangen die langen Anfahrtswege die Bergleute dazu, während der Woche im Industrierevier, oft im Schlafhaus, zu bleiben. Sie konnten bestenfalls am Sonntag für einige Stunden zu ihren Familien zurückkehren. Diese Situation brachte zweifellos durch die mit ihr verbundene Heimatlosigkeit große Prob­leme mit sich. Der Bergmann blieb an seinem Arbeitsplatz ein Fremder, wurde es aber auch zwangsläufig in seinem Heimatdorf. Von seiner Frau und den Kindern, die noch ganz in einer bäuerlichen Welt lebten, trennte ihn eine ganze Welt. Ein solches Leben konnte wahrscheinlich nur durch die Hoffnung auf eine baldige Änderung der Lebensumstände ertragen werden, und tatsächlich hatte dieses Fernpendlertum meist Übergangscharakter. Die Probleme lösten sich, indem die Familie dem Vater ins engere Revier folgte, später dann durch die Verbesserung des Verkehrsnetzes, die dem Bergmann die tägliche Heimkehr ermöglichte, oder durch die Schaffung näherliegender Arbeitsplätze. Die wochen­weise Abwesenheit des Bergmannes brachte es mit sich, dass die Kinder praktisch in einem vaterlosen Haushalt unter der alleinigen Obhut der Mutter aufwuchsen. Diese war bei der Erziehung völlig auf sich gestellt, Hilfestellung gab ihr höchstens das von ihr vermittelte Bild des Vaters als Autoritätsperson. Die Heimkehr des Bergmannes kam einem bloßen Besuch gleich und wurde zwangsläufig zum Festtag, den man nicht gegenseitig mit Problemen belasten wollte. Vor allem die Frau wird über ihren eigenen, schweren Alltag – es war ja hauptsächlich das verbliebene Ackerland, das die Familie am Wegzug ins In­dustrie­revier hinderte und das nun von der Frau und den Kindern alleine be­stellt werden musste – kaum geklagt haben.

 Obwohl die Voraussetzungen für die Entstehung einer intimen Familien­atmo­sphäre nach modernem Mustern in der Frühzeit der Industrialisierung noch nicht gegeben waren, spielte dennoch die Familie im Bewusstsein der Saarbe­völke­rung eine enorme Rolle. Sie gab dem einzelnen den nötigen Halt in einer Zeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche. Dies lässt sich sehr gut anhand der im Vergleich mit anderen Gegenden äußerst niedrigen Anzahl von unehe­lichen Geburten belegen (2 – 4 %). Zwar ist es ein allgemein zu beobach­ten­des Phänomen, dass die Illegitimitätsquote in Industriegebieten niedriger ist als in agrarischen Regionen mit bestehenden ökonomischen und sozialen Hei­rats­schranken. Aber die Unehelichkeit ist in der Saargegend ein so ver­schwin­dend kleines Problem, dass dies nicht mehr allein auf die steigenden Möglich­keiten einer eigenen Familiengründung im Falle einer eingetretenen Schwanger­schaft zurückgeführt werden kann. Eine Erklärung kann nur in der starken el­terlichen Autorität, vor allem der schon beschriebenen starken Stellung des Va­ters, und der Verinnerlichung bestimmter, von den Eltern vermittelter Le­bens­werte bei den Kindern gefunden werden. Nicht nur die Töchter, sondern auch die Söhne unterstellten sich relativ lange der Gewalt des Vaters, was even­tuell auch durch die häufig vorkommende gemeinsame Arbeit in der gleichen Kame­radschaft unter Tage gefördert wurde. Voreheliche Sexualität war in den Berg­mannsfamilien zwar nicht unüblich, sie gehörte meistens zur Ehean­bah­nung dazu, eine Schwangerschaft führte jedoch fast immer sofort zur Heirat. Selbst bei den unehelich auf die Welt gekommenen Kindern wurden noch etwa 40 %, nachträglich durch eine Heirat der Eltern legitimiert – ein deutlicher Be­weis für die dominante Rolle, die Heirat und Familie im Bewusstsein der Be­völ­kerung spielte.
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  Zur Autorin dieses Artikels

Dr_Ch_Glueck_Christmann_Thu

 







Dr. Charlotte Glück-Christmann
ist Historikerin und
Leiterin des
Zweibrücker Stadtmuseums.
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Portraitfoto: C.Glück-Christmann© 2011
Bildmaterial zu diesem Artikel © Landesbildstelle des Saarlandes im LPM 2011

Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2011