Faszination Maschine

 

FASZINATION MASCHINE 

 Über alte Maschinen und Steampunk
Armin Schmitt, Januar 2012
 
Steampunk Illustration v Christoph M Frisch
                                                                                                      Illustration © Christoph M Frisch 2012


Alte Maschinen üben nicht nur auf technikbegeisterte Menschen eine Faszination aus. Interesse an der Technikgeschichte oder eine nostalgische Grundhaltung erklären noch nicht ausreichend dieses Phänomen. Die ersten Maschinen, die das Industriezeitalter im 19. Jahrhundert  hervorgebracht hatte – die Dampfmaschinen, die Eisenbahn und dann die Fülle der Arbeitsmaschinen -, unterschieden sich durch ihre Durchschaubarkeit entscheidend von heutigen Maschinen. Die Funktionsabläufe waren sinnlich nachvollziehbar: Das Schwungrad lief, übertrug die Kreisbewegung auf die horizontale Bewegung der Pleuelstange, die wiederum das Auf und Ab der Zylinder erzeugte. Es entstand ein rhythmisches Geräusch, das ein menschliches Maß besaß, ähnelte es doch dem Rhythmus des Herzens. Ebenso rhythmisch stießen die Dampflokomotiven ihren grauschwarzen Rauch in die Luft. In den entstehenden Fabriken wurde die Wasserkraft zum Antrieb der Arbeitsmaschinen genutzt, wobei die Kraft über ein System von Transmissionsriemen übertragen wurde. In den Werkstätten, den Hexenküchen der Frühindustrialisierung, herrschte das Stampfen, Surren und Sausen der Maschinen, deren Bewegungen man verfolgen konnte.  

Diese Konkretheit und Transparenz haben heutige Maschinen nicht mehr. Die Tendenz zu immer höherer Leistung auf immer kleineren Raum haben auch das Aussehen der Maschinen verändert. Metaphern, die Dichter  aus der Frühzeit der Industrialisierung erfanden, lassen sich nicht mehr anwenden. Auf die Idee, in Maschinen „Dampfrösser“, „spuckende Ungetüme“, gar „Göttinnen“ zu sehen, kommt heute niemand mehr, nicht nur weil wir die negative Wirkungen der Maschine leidvoll erfahren haben, sondern weil sie in ihrer Komplexität und zunehmenden Abstraktion diese Metaphorik nicht mehr zulassen. Längst haben die Maschinen ihre Anschaulichkeit und die Nachvollziehbarkeit ihrer Funktionsabläufe eingebüßt. Nur dort, wo man menschenähnliche Roboter konstruiert, behalten sie diese Konkretheit.

„Plastiken“ des Industriezeitalters
Aus dem historischen Abstand drängt sich eine weitere Dimension auf: die ästhetische Wirkung, die diese alten Maschinen ausüben. Unabhängig von ihrer Funktion, in ihrem Stillstand, wirken sie schön, wie Fossilien aus vergangenen Zeiten. Sie werden zu „Plastiken“ des Industriezeitalters. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass bei aller Funktionalität die Maschinenbauer und Ingenieure immer auch Gestalter waren, Funktionalität gestalten mussten. Mehr als bei den Industriemaschinen gilt dies für das Autodesign – hier ist das Design für den Verkauf wichtiger als die Funktionalität – und die Haushaltsgeräte, die gefallen wollen, weil sie täglich in die Hände genommen und benutzt werden.

Gesellschaftskritik und Maschinenromantik: Der Steampunk
Neben dem Interesse an der Technikgeschichte sind Anschaulichkeit, Sinnlichkeit, Transparenz und der Gestaltungswille die Attribute, die das Interesse für alte Maschinen befördern. Catharina Koller hat Steampunk_Illustration v Christoph M Frischin Wochenzeitung DIE ZEIT (23.12.2011, Nr. 52,50) nun eine besondere Form nostalgischer Rückwärtsgewandtheit und Subkultur konstatiert, die mit Trends zum Retrodesign – der Verpackung moderner Technik in altertümlichen Gehäusen – allerdings wenig gemein hat: den Steampunk, einen „gemütlichen Retrofuturismus“, der den „Erfindergeist des 19. Jahrhunderts“ reanimiert und die Begeisterung für die altertümlichen Maschinen mit einer gesellschaftskritischen Attitude kombiniert. Inzwischen ist der Steampunk auf dem Weg, sich von der Subkultur zu einem Teil der Popkultur zu entwickeln. Auszumachen ist Steampunk nicht nur in den Fantasie-Büchern, die mit Zahnrädern und altertümlichen Maschinen auf ihrem Cover Leserinnen und Leser suchen, sondern auch in populären Filmen: Steampunk ist das Illustration © Christoph M Frisch 2012                                   nietenbeschlagene U-Boot Nautilus in der Disney-Verfilmung von Jules Vernes Roman 20 000 Meilen unter dem Meer, das auf Vogelfüßen sich bewegende Blechgebäude in Hayao Miyazakis Märchenfilm Das wandelnde Schloss, das Figurenpersonal in dem Fantasie-Film Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen oder Martin Scorseses 3-D-Film Hugo, der seinen Zauber aus Dampfloks und allerlei mechanischen Gerätschaften bezieht.  

Die Grundlage für Steampunk wurde schon vor 25 Jahren geschaffen mit Romanen aus einer Mischung von Science Fiction, Fantasie und Horror der drei Autoren K. W. Jeter, Jamie Blaylock und Tim Power, mit Die Nacht der Morlocks, Das Tor zum Anubisreich oder Homunculus. In den neunziger Jahren legte das Autorenduo William Gibson und Bruce Sterling mit der düsteren Differenzmaschine, inzwischen ein Klassiker der Steampunk-Literatur, noch einmal nach.

Der Trend hat sich mittlerweile zu einem Lebensgefühl entwickelt: Leben im Techno-Retrolook. Steampunker sind weder Verächter der Moderne noch der Zukunft: Sie sind Technikfans, die mit anachronistischer Kreativität ihre Laptops, Handys und  Fernsehgeräte allerdings hinter nostalgischen Verkleidungen aus Holz, Leder, Bakelit und Messingbeschlägen verschwinden lassen. Durch den Rückgriff auf die Maschinenästhetik des 19. Jahrhunderts verwandeln sie die Massenware ihrer Gegenwart zurück in individuelle und unverwechselbar Produkte. Serielle Gleichförmigkeit wird zum Unikat und damit zum Ausdruck von Individualität. Die Nostalgie der Steampunker ist durchaus zukunftsgerichtet; sie wehren sich freilich gegen eine Zukunft der Gleichförmigkeit, der Massenware und des Konsums.

Steampunks lieben die Maschinenästhetik des 19. Jahrhundert, nicht aber die Fabrik und die maschinelle Produktion der Massenwaren in den Fabriken: „Love the machine, hate the factory“ ist einer der Slogans der Szene. Steampunker sind Individualisten, die der Automatisierung, der Gesellschaft und dem Markt kritisch gegenüber stehen. Sie verstehen sich als Teil der Subkultur, empfinden sich als Outlaws und Underdogs. Die Selfmade-Attitude kombinieren sie mit galanten Umgangsformen und romantischen Details und Accessoires aus dem 19. Jahrhundert. Steampunk ist eine Antwort auf die zunehmende Digitalisierung, Virtualisierung und Technisierung des Alltags. Durch den romantischen Rückgriff auf die Ur-Maschinen des 19. Jahrhunderts wärmt sich der Steampunker in der  Kälte einer undurchschaubar gewordenen Weltmaschine wieder auf.

Nachtrag: Alte Maschinen im Saarland
Für Steampunker und andere Maschinenfreaks oder nur für an der Industriekultur interessierte Besucherinnen und Besucher hält auch das Saarland noch einige Überraschungen an alten Maschinenbeständen bereit.

Geblaesehalle2

Gebläsemaschinen im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Allen voran müssen hier natürlich die alten Gebläsemaschinen in der Gebläsehalle im Weltkulturerbe Völklinger Hütte genannt werden. Als maschinelle Blasebälge erzeugten sie Wind, der über die Winderhitzer in die Hochöfen geblasen wurde. Nur so konnten die Temperaturen für den Schmelzprozess erzeugt werden. Die älteste Maschine stammt aus dem Jahr 1905, die anderen wurden zwischen 1908 und 1914 installiert. Die Maschinen wurden mit Gichtgas betrieben, das beim Schmelzvorgang in den Hochöfen entstand.

Der außergewöhnliche und sehr beeindruckende Maschinenpark kann während den regulären Besuchszeiten des Weltkulturerbes Völklinger Hütte besichtigt werden. Allerdings sind die Gebläsemaschinen allzu oft durch Ausstellungen verstellt. Ein dem Ort angemessenes Ausstellungskonzept ist bisher noch nicht entwickelt worden.

Information:
Link: Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Fördermaschinen der Gruben Ensdorf und Velsen
Im Bergbau sind die beiden  Fördermaschinen auf der Grube Ensdorf Duhamel und die Doppel-Fördermaschine der ehem. Grube Velsen hervorzuheben. Es bleibt zu hoffen, dass sie auch nach dem endgültigen Aus des Saar-Bergbaus dem Land erhalten bleiben.

Die beiden Fördermaschinen  der Grube Ensdorf werden noch für die Seilfahrt genutzt. Hier fahren die Bergleute zum Flöz „Grangeleisen“ ein, die vorläufig letzte Abbaustrecke unter Tage. Die Maschinen wurden 1918 bzw. 1936 von der Dinglerschen Maschinenfabrik in Zweibrücken konstruiert. „Sie sind technische Raritäten, die man heute anderswo nur noch sehr selten in Funktion erleben kann“ (Armin Schmitt, Denkmäler saarländischer Industriekultur, 1989, 43). Ob die Dampffördermaschine am ehem. Gustavschacht (Baujahr 1916) noch für bergmännische Funktionen genutzt wird, ist nicht bekannt. Auch diese Zwillingsmaschine wurde von der Firma Dingler gebaut. Betrieben wurde sie mit dem Dampf aus dem benachbarten Heizwerk.

Die Fellenbergmühle – eine feinmechanische Werkstatt in Merzig
Ein Kleinod der besonderen Art ist die 1973 stillgelegte Fellenbergmühle in Merzig, eine feinmechanische Werkstatt. Sie wurde 1927 in einem ehemaligen Mühlengebäude untergebracht. Hergestellt wurden vor allem Uhrmacherwerkzeuge, Graviermaschinen und später auch Autozubehör. Neben zahlreichen Werkzeugen bilden die Fräs- und Hobelmaschinen und  vor allem die Drehbänke eine inzwischen außergewöhnliche Sammlung technikgeschichtlicher Raritäten. Die älteste Maschine wurde 1898 konstruiert, die jüngste stammt aus dem Jahre 1930.
Die Arbeitsmaschinen wurden nie an das Stromnetz angeschlossen, sondern die zum Antrieb benötigte Energie wurde selbst erzeugt. Dazu diente anfänglich noch das alte Mühlrad. Da es allerdings kein Eishaus besaß, fror es im Winter häufig ein und legte den Betrieb lahm. Deshalb baute man 1929 eine Turbine (Baujahr 1910) anstelle des Wasserrades ein. Durch einen Handgriff konnte das Schleusentor geöffnet werden. Das Wasser strömte durch den Turbinenschacht und setzte die Turbine in Betrieb, die wiederum die Arbeitsmaschinen antrieb. Die Antriebskraft wurde über die Maschinen durch ein verwirrendes System von Transmissionsbändern und Treibriemen übertragen.
(vgl. Armin Schmitt, Denkmäler saarländischer Industriekultur, 1989, 30f.).

Information:

Fellenbergmühle e. V,
Marienstraße 34,
66663 Merzig.
Tel. 06861 – 76813.
Geöffnet täglich von 14.00 – 18.00 Uhr. www.merzig.de

Virtueller Rundgang: Museum Fellenbergmühle

Halberger Hütte in Saarbrücken: Großgasmaschine

Ob die Großgasmaschine (Baujahr 1936) der Halberger Hütte, gebaut von der Saarbrücker Maschinenbaufirma Erhardt & Sehmer noch vorhanden bzw. betriebsbereit ist, bedarf einer Recherche vor Ort. _________________________________________________________________________________
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